Der Vorsprung von SpaceX schrumpft
Der Vorsprung von SpaceX ist noch gewaltig, doch er schrumpft. Chinas Raumfahrtindustrie rückt bei Raketenstarts immer dichter heran und nimmt nun auch Kunden jenseits der eigenen Grenzen ins Visier, was für die SpaceX-Aktie einen neuen Wettbewerbsfaktor ins Spiel bringt. Wie MarketWatch berichtet, sehen Fachleute das Land inzwischen dicht hinter den USA. Mit den jüngsten Fortschritten liege China beim Raketenstart sehr knapp hinter dem Vorsprung der USA und sei weltweit bereits der zweitgrößte Anbieter von Startdienstleistungen, sagte Patrick Besha, außerordentlicher Professor an der Georgetown University, der den Wettbewerb zwischen den USA und China im All untersucht, gegenüber dem Nachrichtenportal.

China schließt die wichtigste technologische Lücke
Am deutlichsten zeigt sich das Aufholen bei jener Technik, mit der SpaceX über Jahre die Kosten gedrückt und die Startfrequenz erhöht hat, der Wiederverwendung der ersten Raketenstufe. Im Juli gelang China erstmals die Bergung der Erststufe einer Long March 10B. Wie Reuters berichtete, fing eine Plattform auf See den Booster dabei mit einem Netz auf, in das sich vier Landehaken einklinkten, statt ihn wie bei der Falcon 9 auf Landebeinen aufsetzen zu lassen. Der Meilenstein kam laut Analysten sechs Monate früher als erwartet, langfristig sehen sie China als ernsthaften Konkurrenten.
Dass der Fortschritt nicht allein auf staatlichen Programmen ruht, zeigte im August das private Unternehmen LandSpace. Dessen Rakete Zhuque-3 setzte als erste eines chinesischen Privatanbieters eine orbitale Erststufe auf Landebeinen auf, unter Privatfirmen war das bis dahin nur SpaceX und Blue Origin gelungen. LandSpace will jeden Booster bis zu 20 Mal einsetzen und strebt an der Shanghaier Technologiebörse STAR Market einen Börsengang über rund 7,5 Milliarden Yuan an, umgerechnet etwa 1,1 Milliarden Dollar. Den Maßstab setzt allerdings weiterhin Elon Musks Konzern, der allein mit der Falcon 9 rund 150 Mal im Jahr startet.
Guowang gegen Starlink: hohes Tempo, großer Abstand
Parallel treibt Peking den Aufbau eines eigenen Satelliteninternets voran. Mitte September absolvierte China binnen 48 Stunden vier Starts mit mehreren Anbietern, darunter LandSpace und der Staatskonzern China Aerospace Science and Technology Corp. Eine Long March 12 brachte dabei neun Satelliten für die Megakonstellation Guowang ins All, Chinas Antwort auf Starlink. Nach Angaben von Jack Congram, der Chinas Raumfahrtindustrie als Forscher beobachtet, sind inzwischen mehr als 200 Satelliten der Konstellation aktiv. Der Astronom Jonathan McDowell schätzt die Zahl der arbeitenden Satelliten bei Starlink dagegen auf rund 11.100. Das Tempo in China ist beachtlich, der Abstand zum Marktführer bleibt aber weiterhin ein Vielfaches.

Exportpläne eröffnen eine neue Front
Direkt konkurrieren SpaceX und Chinas Raketenbauer bislang kaum, denn die beiden großen Staatskonzerne des Landes und die vielen Startups verkaufen vor allem an die eigene Regierung. Das könnte sich ändern, so Besha. China würde gern an andere Länder verkaufen, entweder um deren Satelliten zu starten oder um ein Komplettpaket aus Satellit, Start und Datenverbindung zu verkaufen, schrieb er gegenüber MarketWatch. Konkurrenz sieht er vor allem bei Diensten wie Starlink außerhalb der USA und Chinas. Ein Auslandsgeschäft brächte die chinesischen Anbieter seiner Einschätzung nach nicht nur SpaceX näher, sondern auch Rocket Lab und anderen Startanbietern aus den USA. Solange Peking vor allem den eigenen Staat beliefert, bleibt der Wettbewerb für Anleger eher theoretisch, ein Exportangebot trüge ihn erstmals auf Drittmärkte.
Europa springt ein, wo SpaceX bereits Kunden abweist
Während China auf den Weltmarkt drängt, öffnet sich zugleich in Europa eine Lücke. SpaceX konzentriert sich auf Starship, eine riesige Rakete, die vor allem für eigene Zwecke genutzt werden soll. Der Konzern weist bereits Kunden ab, die Plätze auf künftigen Mitflügen der Falcon 9 reservieren wollen, Analysten erwarten ein schrittweises Auslaufen der Raketenfamilie Falcon bis Mitte der 2030er Jahre. SpaceX sei bereits zum Eigenbedarf übergegangen, denn eine ganze Reihe von Kunden komme zu ihnen mit der Frage, ob man sie fliegen könne, sagte Giulio Ranzo, Chef des italienischen Raumfahrtkonzerns Avio, in einer Telefonkonferenz zu den Geschäftszahlen.

Die abgewiesenen Kunden nutzten laut Ranzo den International Space Summit in Paris, um europäische Regierungsvertreter zu Aufträgen an heimische Anbieter zu bewegen. Der Boden dafür ist bereitet, denn mehrere europäische Länder investieren kräftig in eigene Raumfahrtkapazitäten, um weniger von SpaceX abhängig zu sein. Großbritannien legte im September eine Raumfahrtstrategie vor, die bis 2030 mit rund 10,4 Milliarden Dollar unterlegt ist. ArianeGroup prüft nach Angaben von Chef Christophe Bruneau, mehr Schwerlastraketen einzusetzen, um einen erwarteten Engpass bei Starts abzufedern, und Isar Aerospace aus Deutschland will seine Startkapazität 2028 mehr als verdoppeln.
Zwei Datenpunkte entscheiden über das Tempo der Entwicklung
Ob aus Chinas Aufholjagd tatsächlich ein Wettbewerb auf dem Weltmarkt wird, zeigt sich zuerst an der Wiederverwendung. Bis Ende 2026 will China laut Reuters den geborgenen Booster der Long March 10B erneut fliegen lassen, ein Test, der zeigen würde, ob sich die Technik auch wirtschaftlich wiederholen lässt und nicht nur als einmaliger Prestigeerfolg taugt. Für SpaceX selbst ist der nächste belastbare Datenpunkt der erste Flug von Starship in einen Orbit.
Für Anleger ergibt sich damit ein doppeltes Spannungsfeld: Auf der einen Seite rückt China technologisch näher heran und sucht bereits nach einem Einstieg in den internationalen Markt, auf der anderen Seite entsteht in Europa durch SpaceX' eigene Kapazitätsengpässe bei der Falcon-9-Flotte ein Vakuum, das europäische Anbieter wie ArianeGroup, Avio und Isar Aerospace zunehmend selbstbewusst zu füllen versuchen. Beide Entwicklungen laufen bislang getrennt voneinander, könnten sich aber genau dort überschneiden, wo SpaceX am stärksten mit der eigenen Starship-Priorität beschäftigt ist.



