Vom Hoffnungsträger zum Flop
Binnen 48 Stunden ist Firmus Grid vom Vorzeigeunternehmen des KI-Rechenzentrumsbooms zu einem der größten Flops am Emissionsmarkt der jüngeren Zeit geworden. Der von Nvidia unterstützte Betreiber stand kurz vor einem der größten Börsengänge in der Geschichte Australiens, mit einem Volumen von bis zu 5,5 Milliarden Dollar und einer Bewertung, die in der Branche in die Spitzengruppe gepasst hätte. Dann zog Firmus den Börsengang zurück. Das berichtet Bloomberg unter Berufung auf mehrere Personen aus dem Umfeld der Transaktion.

Die Geschichte kippte, als US-Fondsmanager, auf die die Banken beim Verkauf eines Teils der Aktien gezählt hatten, die Zahlen prüften. Bis Dienstagabend australischer Zeit hörte das Konsortium von einem Fonds nach dem anderen dasselbe: Die geforderten 30 Milliarden Dollar seien zu viel.
Die Rettungsversuche
Am Mittwoch war klar, dass die Transaktion in der geplanten Form nicht funktionieren würde. Die Banken, intern unter dem Codenamen „Australis“ unterwegs, spielten Varianten durch: ein Volumen von etwa drei Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 20 bis 25 Milliarden Dollar. Die Nacht auf Donnerstag verbrachten Unternehmen und Berater damit, US-Anleger von der kleineren und günstigeren Version zu überzeugen. Vergeblich.
Die Konsortialführer sind Bank of America, JPMorgan, Morgan Stanley und Morgans Financial. Morgan Stanley lehnte einen Kommentar ab, die anderen reagierten nicht auf Anfragen. Firmus äußerte sich nicht.
Am Donnerstag nach 11 Uhr Ortszeit schloss das Orderbuch planmäßig. Da war bereits die Sorge groß, dass der Preis von 11 australischen Dollar je Aktie nicht genug Zuspruch fand. Es gab weder einen klaren Preis noch eine klare Struktur. Einige Fonds verkleinerten ihre Order, andere zogen sie zurück. Die Aktien des Firmus-Unterstützers Maas Group Holdings brachen in Sydney um bis zu 30 Prozent ein, so stark wie nie zuvor. Am Freitagmorgen zog Firmus den Börsengang endgültig zurück.
Warum die Anleger nicht mitzogen
Die Skepsis hatte mehrere Gründe, die zusammenkamen.
Bewertung. Firmus erzielte im Geschäftsjahr 2026 einen Umsatz von 51 Millionen Dollar und sollte mit über 30 Milliarden Dollar bewertet werden. Im April hatte eine Runde mit Coatue und Nvidia das Unternehmen mit 5,5 Milliarden Dollar bewertet, im Spätsommer folgte eine Finanzierung über zwei Milliarden Dollar mit mehr als 10,5 Milliarden Dollar, unter anderem mit Jane Street und Blackstone. Der Sprung auf 30 Milliarden war einer zu viel. Leonid Mironov von Gavekal Capital fasste es so zusammen: Vor einem Jahr unter zwei Milliarden wert, im August zehn, im Oktober das Dreifache verlangt.

Ausführungsrisiko. Von einer Projektpipeline von 912 Megawatt waren erst 46 Megawatt gebaut. Anleger sollten das Unternehmen anhand künftiger Gewinne bewerten, die davon abhingen, dass die Rechenzentren auch geliefert werden. Dafür muss Firmus Milliarden ausgeben, die es noch nicht hat.
Kennzahlen. Firmus warb mit einem Verhältnis von Unternehmenswert zu operativem Ergebnis (EBIT), wie es Konkurrenten wie CoreWeave nutzen. Der Faktor von 13 lag deutlich unter dem von CoreWeave, beruhte aber auf Prognosen für das Jahr in zwei Jahren. CoreWeave hat dagegen eine längere Historie und einen um Größenordnungen höheren Umsatz.
Kurzfristige Änderungen. Wenige Tage vor der Preisfestlegung verkündete Firmus eine Vereinbarung mit dem Bestandskunden Meta über Rechenkapazität in Südostasien und passte seine Zahlen an. Manche Anleger werteten das als Überreizen.
Aktionärsstruktur. Es wurde bekannt, dass bestehende Aktionäre keiner Sperrfrist unterliegen und den Markt womöglich fluten könnten.
Dazu kamen die Biografie von Mitgründer Oliver Curtis, der vor rund zehn Jahren wegen Insiderhandels im Gefängnis saß, und kritische Berichte in den australischen Medien. Als Ausschlussgrund wurde das nicht genannt, es erhöhte aber die Vorsicht. Schon im Juli hatte der Pensionsfonds UniSuper erklärt, er werde sich nicht beteiligen, weil zu wenig über das Geschäft bekannt sei.
Die Kommunikation passte nicht zum Buch
Auffällig ist der Bruch zwischen Außendarstellung und Realität. Bei der Preisspanne sprach Firmus von „starker strategischer und globaler Nachfrage“, die Banken von Anfragen über dem Angebotsvolumen. Das Orderbuch sah am Ende anders aus: US-Investoren kamen nicht wie erwartet, die heimische Nachfrage reichte nicht. Die Fondsmanagerin Jun Bei Liu von Ten Cap sagte, sie habe noch nie einen so polarisierenden Börsengang gesehen. Sie erwartet, dass das Unternehmen bei einem Scheitern direkt auf seine Geldgeber zugehen würde.
Genau das passiert nun. Firmus prüft eine abgespeckte private Finanzierungsrunde mit bestehenden Investoren. Diese wollten ohnehin die Hälfte der Aktien im Börsengang übernehmen.

Einordnung für Anleger
Der Fall ist ein Warnsignal für den Markt der KI-Infrastruktur. Wachsende Sorgen um den Finanzierungsbedarf des KI-Ausbaus erklären einen Teil der Skepsis, besonders bei Firmen ohne Erfolgsbilanz. Investoren zeigen sich damit weiter bereit, KI-Wachstum zu bezahlen, aber nicht zu jedem Preis und nicht auf Basis von Prognosen, die zwei Jahre in der Zukunft liegen.
Zwei Lehren: Erstens ist der Spielraum für Neuemissionen im Segment der Rechenzentren enger geworden. Zweitens wurde ein Unternehmen, das im privaten Markt in wenigen Monaten das Dreifache wert wurde, vom öffentlichen Markt zurück auf den Boden geholt. Wer an anderen KI-Börsengängen interessiert ist, sollte genau auf Umsatz, gebaute Kapazität und die Bewertungsmethode schauen. Ob Firmus im privaten Markt zu einem niedrigeren Preis Geld bekommt, ist offen.


