Die Frage, die Anleger beschäftigt
Nach vier aufeinanderfolgenden Jahren mit Kursgewinnen stellt sich für jeden Investor die gleiche Frage: Wie lange hält das an? Kann man auf eine fünfte erfolgreiche Börsenrunde hoffen, oder deutet die Statistik eher auf eine Korrektur hin? Diese Unsicherheit prägt derzeit das Stimmungsbild an den Märkten, denn die Sehnsucht nach Verlässlichkeit in der Geldanlage ist groß. Um diese Frage fundiert zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf die längste verfügbare Datenreihe: die Geschichte des US-Aktienmarkts über die letzten 150 Jahre.

Die Vereinigten Staaten haben in diesem Zeitraum mehrere Finanzkrisen, zwei Weltkriege, Stagflation, Zinsexplosionen und technologische Revolutionen erlebt. Ihre Börse war dabei immer ein treuer Spiegel der wirtschaftlichen Realität. Die Daten aus dieser langen Periode bieten daher nicht nur historisches Interesse, sondern auch praktische Erkenntnisse für Anlageentscheidungen heute.
Was die 150-jährige Geschichte zeigt
Die statistischen Auswertungen der US-Aktienmarktentwicklung seit circa 1875 offenbaren ein faszinierendes Muster: Vier aufeinanderfolgende positive Jahre sind keineswegs selten in der Börsengeschichte. Tatsächlich treten solche Sequenzen immer wieder auf. Noch interessanter wird es beim Blick auf die Häufigkeit von fünften Gewinnjahren nach vier guten Jahren. Die historischen Daten deuten darauf hin, dass es nach vier positiven Jahren überraschend oft auch zu einem fünften Gewinjahr kommt – allerdings mit wichtigen Nuancierungen bei der Stärke und den Volatilitätsschwankungen.
Ein Muster, das sich dabei immer wieder zeigt: Je stärker die ersten vier Jahre waren, desto höher ist statistisch die Wahrscheinlichkeit einer Konsolidierungsphase im fünften Jahr. Die Märkte folgen einer inneren Logik, die nicht einfach linear ist. Extreme Anstiege werden oft gefolgt von Pausen oder Rückgängen, während moderate Zuwächse nachhaltiger wirken und leichter in weitere Gewinne münden.

Die Weisheit des Dow-Jones-Gründers
Charles Henry Dow, der 1882 den Dow Jones begründete, war ein früher Analytiker von Börsentrends und Marktzyklen. Seine Theorien zur Bewegung von Aktienindizes und zur Natur von Aufwärts- und Abwärtstrends bilden bis heute das Fundament der technischen Analyse. Dow betonte stets die Bedeutung von Bestätigungen: Ein Aufwärtstrend ist erst wirklich bestätigt, wenn mehrere Märkte oder Sektoren gemeinsam ansteigen, nicht nur eine einzelne Gruppe von Werten. Dieses Prinzip der Bestätigung ist auch auf längerfristige Zyklen anwendbar und hilft bei der Einschätzung von Kontinuität oder kommenden Pausen.
Dow's wichtigste Erkenntnis war, dass Märkte niemals endlos in eine Richtung laufen. Nach starken Anstiegen folgen Konsolidierungen, nach Rückgängen Erholungen. Diese Rhythmen sind nicht vorhersehbar bis auf den Tag genau, aber in ihrer grundsätzlichen Natur zuverlässig. Er warnte zugleich vor mechanistischem Denken: Wer davon ausgeht, dass nach vier guten Jahren automatisch etwas Schlechtes kommt, macht den gleichen Fehler wie derjenige, der eine unbegrenzte Hausse erwartet.
Physikalische Gesetze und Börsengesetze
Ein berühmter Physiker wird hier in diesem Kontext genannt, weil manche Analyst:innen versuchen, Marktbewegungen mit Konzepten wie Inertia oder Schwingungen zu erklären. Die Idee: So wie physikalische Systeme Trägheit zeigen und nach Störungen zurück zu stabilen Zuständen tendieren, könnten Märkte ähnliche Muster aufweisen. Ein System im Aufwärtstrend behält diesen Trend zunächst bei – aber jede Bewegung ruft eine Gegenbewegung hervor. Das ist eine interessante Metapher, scheitert aber an einem entscheidenden Punkt: Märkte sind keine geschlossenen physikalischen Systeme, sondern komplexe menschliche Systeme mit Psychologie, Überraschungen und neuen Informationen.
Trotzdem gibt es einen Kern of Truth in dieser Analogie. Die Momentum, die nach vier guten Jahren aufgebaut ist, tendiert dazu, sich selbst zu verstärken – solange keine neuen negativen Schocks eintreffen. Das ist nicht Physik, sondern Verhaltensökonomie: Anleger, die profitiert haben, kaufen weiter; neue Anleger folgen dem erfolgreichen Trend; Geldflüsse verstärken den Aufwärtstrend. Das system bleibt selbstverstärkend, bis eine äußere Störung – wirtschaftliche Daten, geopolitische Ereignisse, politische Entscheidungen – diesen Rhythmus unterbricht.

Die richtige Schlussfolgerung
Lässt sich aus dieser historischen Analyse eine zuverlässige Vorhersage treffen? Klar: Nein, nicht im Detail. Klar: Ja, in der Tendenz. Historisch zeigen sich fünfte Gewinnjahre nach vier guten Jahren in etwa 60-70 % der Fälle. Das ist deutlich besser als ein Münzwurf, aber eben keine Garantie. Die Qualität der ersten vier Jahre, die Bewertungen am Markt, die makroökonomischen Fundamentals und vor allem neue externe Schocks spielen dabei eine entscheidende Rolle. Für Anleger bedeutet das: Nicht passiv abwarten, sondern aktiv die Bewertungen und Fundamentals überprüfen, um eigene Risiken zu minimieren.


