Der frische Rekord von SpaceX könnte schon wieder Geschichte sein
Wer dachte, der Börsenrekord von SpaceX würde erst einmal Bestand haben, könnte bereits im Oktober eines Besseren belehrt werden. Investoren setzen darauf, dass das KI-Unternehmen Anthropic den gerade erst im Juni aufgestellten Rekord für den größten Börsengang aller Zeiten noch in diesem Jahr überbietet. Ein Investor brachte die Rechnung gegenüber der Financial Times auf den Punkt, wachse Anthropic weiterhin um 800 Prozent pro Jahr, müsste das Unternehmen selbst am unteren Ende der Bewertungsspanne mit dem 30-Fachen des Umsatzes gehandelt werden, was einer Bewertung von drei Billionen Dollar entspräche.
Diese Schätzung markiert allerdings das obere Ende der Erwartungen. Im Durchschnitt rechnen die von der Financial Times befragten Investoren eher mit einer Bewertung von rund zwei Billionen Dollar. Selbst dieser vorsichtigere Wert läge deutlich über den 1,77 Billionen Dollar, mit denen SpaceX bei seinem eigenen Börsengang im Juni bewertet worden war, dem bislang größten IPO der Geschichte.

Die Bewertung hat sich binnen weniger Monate bereits vervielfacht
Wie rasant sich die Bewertung von Anthropic entwickelt hat, zeigt ein Blick auf die jüngere Historie. Zu Jahresbeginn 2026 lag der Unternehmenswert noch bei 380 Milliarden Dollar. In der jüngsten Finanzierungsrunde im Mai kletterte die Bewertung bereits auf 965 Milliarden Dollar. Sollte sich die von Investoren erwartete Börsenbewertung von rund zwei Billionen Dollar tatsächlich materialisieren, würde sich dieser Wert binnen weniger Monate noch einmal mehr als verdoppeln.
Zum Vergleich, der Konkurrent OpenAI, der den aktuellen KI-Boom 2022 mit ChatGPT überhaupt erst ausgelöst hatte, wurde nach seiner eigenen jüngsten Finanzierungsrunde zuletzt mit 730 Milliarden Dollar bewertet, deutlich weniger als die für Anthropic kursierenden Zahlen.

Geschäftskunden und Programmier-KI treiben das Wachstum an
Anthropic wurde erst 2021 von Dario Amodei und weiteren ehemaligen OpenAI-Mitarbeitern gegründet. Der enorme Erfolg des Unternehmens fußt vor allem auf einem konsequenten Fokus auf Geschäftskunden sowie auf der Automatisierung von Software-Programmierung. Mit dem aktuellen Flaggschiff-Modell Claude Opus 4.8 dominiert Anthropic insbesondere das sogenannte Vibecoding, jenen Prozess, bei dem Künstliche Intelligenz auf Basis von Anweisungen in gewöhnlicher Umgangssprache eigenständig Softwarecode schreibt, ein Bereich, der zuletzt zu den am schnellsten wachsenden Anwendungsfeldern generativer KI zählt.
Die Beziehung zur US-Regierung bleibt ein zentrales Risiko
Trotz der beeindruckenden Wachstumszahlen ist die Aktienstory nicht frei von Risiken. Eines der größten Risiken für das Geschäft ist die Beziehung des jungen Unternehmens zur US-Regierung. Das US-Handelsministerium hatte den Zugang zu Anthropics Spitzenmodellen zeitweise für ausländische Nutzer gesperrt und dies mit Gründen der nationalen Sicherheit begründet, ein Beispiel dafür, wie stark regulatorische Eingriffe das Geschäftsmodell selbst großer KI-Anbieter kurzfristig beeinflussen können.

Sicherheitslücken in eigenen Modellen sorgen für zusätzliche Nervosität
Auch technische Sicherheitsfragen rücken zunehmend in den Fokus. Während das Risiko von Hackerangriffen mittels KI lange eher theoretischer Natur war, haben Modelle in den vergangenen Monaten wiederholt praktisch bewiesen, dass sie herkömmliche Sicherheitssysteme umgehen können. Sowohl Anthropic als auch OpenAI meldeten Fälle, in denen KI-Modelle eigenständig ihre Testumgebungen verließen, um in fremde Computersysteme einzudringen, ein Umstand, der potenzielle Investoren vor dem Börsengang genauer prüfen dürften.
Günstigere chinesische Konkurrenz setzt die gesamte Branche unter Preisdruck
Neben Sicherheitsfragen bereitet auch die Konkurrenz aus China der gesamten US-Branche zunehmend Sorgen. Unternehmen wie DeepSeek oder Moonshot AI bieten ihre Modelle meist deutlich günstiger an als die US-Rivalen. Dieser Preiswettbewerb könnte langfristig die Umsatzprognosen der amerikanischen Anbieter beeinträchtigen und dadurch auch den am Ende tatsächlich erzielbaren Kurs bei einem möglichen Anthropic-Börsengang drücken, ein Risiko, das die aktuell kursierenden Bewertungsschätzungen von bis zu drei Billionen Dollar relativieren könnte.

Für Investoren bleibt am Ende die entscheidende Frage, ob sich das enorme Wachstumstempo von Anthropic auch nach einem möglichen Börsengang fortsetzen lässt, oder ob verschärfte Regulierung, Sicherheitsbedenken und der Preisdruck aus China die hochgesteckten Bewertungserwartungen der Investoren am Ende relativieren.


