Orlopps Abgang scheint vorgezeichnet
Klar, entschieden ist natürlich noch gar nichts. Aber die Richtung erscheint allzu offensichtlich, Bettina Orlopp wird vermutlich nicht mehr allzu lange Chefin der Commerzbank bleiben. Das Institut führt derzeit Gespräche mit der italienischen Großbank Unicredit über einen Zusammenschluss, um den sich Unicredit seit fast zwei Jahren bemüht. Medienberichte legten diese Woche nahe, die Italiener wollten Orlopp wohl loswerden, verständlich aus ihrer Sicht, hatte sich Orlopp gegen die Übernahme doch lange Zeit gewehrt.
Am Donnerstag hieß es zudem in mehreren Medien, Unicredit habe mit dem Banker Michael Diederich bereits einen Favoriten für die Nachfolge. Ist damit schon klar, wer die Commerzbank der von Unicredit geforderten Sanierung inklusive des Abbaus von Tausenden Stellen unterziehen wird? Natürlich nicht.

Formal bräuchte es mehrere Schritte bis zur Ablösung
Unicredit kann Commerzbank-Chefin Orlopp unter ihrem aggressiv auftretenden Chef Andrea Orcel nicht einfach absetzen. Dazu müsste Unicredit mit mehreren Wochen Vorlauf eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen, auf der zunächst die bisherigen Aufsichtsräte abgewählt und durch neue ersetzt werden müssten, ehe diese im zweiten Schritt den Vorstand um Orlopp austauschen könnten. Möglich wäre das, weil Unicredit mit einem Anteil von fast 50 Prozent auf einem Aktionärstreffen wohl die Mehrheit hätte, da nie alle Eigner erscheinen. Ein solcher Schritt wäre jedoch eine weitere Eskalation in einem ohnehin an Eskalationen reichen Übernahme-Drama.
Selbst wenn Unicredit sich darauf einlässt, kommen neben Diederich noch mehrere andere Manager infrage, denen Branchenkenner den Job grundsätzlich zutrauen.
Michael Diederich: der offensichtliche Kandidat
Diederich, einst Chef der deutschen Unicredit-Tochter Hypovereinsbank, hatte den Posten vor einigen Jahren aufgegeben, um als glühender Fan des FC Bayern München Finanzvorstand des Vereins zu werden. Inzwischen ist er ins Banking zurückgekehrt und amtiert als Co-Chef des Geschäfts mit Unternehmenskunden bei der Deutschen Bank.

Für ihn spricht seine Zeit an der Spitze der Hypovereinsbank, er kennt sowohl die Gepflogenheiten des italienischen Konzerns als auch den deutschen Markt und soll bei Unicredit-Chef Orcel gut gelitten sein. Zudem hat er die Hypovereinsbank bereits einem erfolgreichen Sanierungskurs unterzogen, wie ihn auch die Commerzbank durchlaufen soll. Gegen ihn spricht sein Alter von 61 Jahren, idealerweise wären Chefs etwas jünger. Aus Finanzkreisen heißt es zudem, ein Wechsel sei unwahrscheinlich, weil sich Diederich bei der Deutschen Bank sehr wohlfühle, wo die Geschäfte derzeit gut laufen. Deutsche Bank und Diederich wollten sich dazu nicht äußern.
Stefan Barth: der Geheimtipp
Barth ist selbst in der Finanzbranche manchem kein Begriff, zuletzt diente er der Oldenburgischen Landesbank als Vorstandschef und sanierte sie so erfolgreich, dass die französische Bank Crédit Mutuel bereit war, das Institut für viel Geld zu kaufen.
Für ihn spricht seine Sanierungserfahrung bei einer Bank, die mit klassischem Privatkundengeschäft und Engagement bei mittelständischen Unternehmen eine Art Miniatur der Commerzbank ist. Zudem kennt er sich mit fordernden Eigentümern aus, die OLB war jahrelang im Besitz angelsächsischer Finanzinvestoren. Barth gibt sich zudem bewusst unprätentiös und ist mit Anfang 50 im besten Manager-Alter. Gegen ihn spricht, dass er weder Unicredit noch die Commerzbank von innen kennt und als Wien-Wohnhafter mit dem deutschen Establishment weniger verbandelt ist, möglicherweise sogar ein Vorteil. Verfügbar wäre er: Auf LinkedIn beschreibt er seine aktuelle Tätigkeit als „bewusste Übergangsphase nach Ablauf eines CEO-Mandats“.
Stefan Ermisch: der Unvollendete
Ermisch galt eine Zeit lang als vielleicht talentierter Banker seiner Generation, nachdem er die als dem Untergang geweihte HSH Nordbank saniert hatte. Er blieb dem Institut, inzwischen in Hamburg Commercial Bank umbenannt, dennoch mehr als ein Jahrzehnt treu, bis er den Posten 2022 abgab.

Für ihn spricht seine Sanierungserfahrung ohne große Friktionen sowie seine Vertrautheit mit raubeinigen Investoren wie Orcel, nach dem Beinahe-Untergang der HSH übernahmen Finanzinvestoren wie der Fonds Cerberus das Institut. Gegen ihn spricht wie bei Diederich sein Alter, Ermisch ist bereits 60. Verfügbar wäre er grundsätzlich, auch wenn er als Aufsichtsrat der Onlinebank N26, die sich gerade selbst saniert, sowie als freischaffender Unternehmensberater beschäftigt ist. Er könnte sich eher als Aufsichtsratschef eignen, zumal Unicredit auch dieses bislang von Ex-Bundesbankchef Jens Weidmann gehaltene Amt neu besetzen will.
Jörg Frischholz: der Gebremste
Frischholz übernahm 2022 den als mitleidig belächelten Posten als Chef der niedersächsischen Landesbank Nord/LB, die 2019 mit Milliarden vom Land Niedersachsen und beteiligten Sparkassen gestützt werden musste, und sanierte das Institut erfolgreich.
Für ihn sprechen seine Sanierungserfolge sowie sein erkennbarer Ehrgeiz, zudem kennt er sowohl Commerzbank als auch Unicredit aus eigener Erfahrung, er war bis 2015 für die Commerzbank im Firmenkundengeschäft tätig, bevor er zur Hypovereinsbank wechselte und dort 2020 in den Vorstand aufstieg. Mit Jahrgang 1976 wäre er zudem jung genug für eine längere Amtszeit. Gegen ihn spricht, dass die Nord/LB als nur mittelgroße Bank für Orcel möglicherweise zu klein ist, um deren Führungspersonal als ebenbürtig wahrzunehmen. Seine Verfügbarkeit ist zudem unklar, da die Eigentümerstruktur der Nord/LB gerade selbst in Bewegung ist, die Sparkassen entschieden sich erst am Montag dieser Woche, dem Land Niedersachsen einen 20-Prozent-Anteil vorerst doch nicht zu verkaufen.

Marion Höllinger: die Lokalmatadorin
Höllinger amtiert seit 2023 als Chefin der Unicredit-Tochter Hypovereinsbank und übernahm den Posten von Diederich, als dieser zum FC Bayern wechselte.
Für sie spricht, dass sie sowohl Unicredit als auch den deutschen Markt bestens kennt und ihre gesamte Laufbahn bei der Vorläuferin der Hypovereinsbank begann. Gegen sie spricht, dass Unicredit-Insider bislang nicht den Eindruck hatten, Orcel sei ihr größter Fan, wobei Orcel generell nicht dafür bekannt ist, seine Meinungen offen kundzutun. Zudem gilt sie in der Branche eher als Befehlsempfängerin, seit die Hypovereinsbank als GmbH firmiert und Unicredit als Mutter entsprechend stärkere Zugriffsrechte hat, ein Ruf, der sie dem Commerzbank-Betriebsrat und der deutschen Politik nur schwer vermittelbar machen dürfte. Verfügbar wäre sie sofort, da bereits im Unicredit-Universum beschäftigt.
Ein offener Ausgang mit Konsequenzen für die gesamte Bankenlandschaft
Welcher der fünf Namen am Ende tatsächlich zum Zug kommt, dürfte sich erst entscheiden, wenn die Verhandlungen zwischen Commerzbank und Unicredit selbst einen konkreteren Stand erreichen. Für Beobachter der deutschen Bankenbranche bleibt die Personalie weit mehr als eine reine Führungsfrage, sie entscheidet mit darüber, wie konsequent Unicredit den angekündigten Sanierungskurs bei der Commerzbank tatsächlich durchsetzen kann und wie viel Rücksicht dabei auf deutsche Befindlichkeiten, vom Betriebsrat bis zur Politik in Berlin, genommen wird.


