Ein gemeinsames Gebot von Stripe und Advent bringt die gesamte Zahlungsbranche in Aufruhr
Es ist die Art von Nachricht, die einen ganzen Sektor durcheinanderwirbelt. Der Zahlungsdienstleister Stripe und die Private-Equity-Gesellschaft Advent International haben laut mit der Angelegenheit vertrauten Personen ein gemeinsames Übernahmeangebot für PayPal Holdings vorgelegt. Geboten werden 60,50 Dollar je Aktie, was den einstigen Vorzeigekonzern des digitalen Zahlungsverkehrs mit mehr als 53 Milliarden Dollar bewerten würde.
Der gebotene Preis liegt rund 28 Prozent über dem Schlusskurs von PayPal am Dienstag, ein Aufschlag, der Investoren sofort elektrisierte. Noch vor Handelsbeginn am Mittwoch schoss die Aktie um mehr als 16 Prozent nach oben, ein deutliches Signal, dass der Markt die Wahrscheinlichkeit einer echten Transaktion durchaus ernst nimmt. Bemerkenswert ist zudem die Finanzierung im Hintergrund, Banken haben nach Angaben der Insider bereits rund 50 Milliarden Dollar an Kreditzusagen für das Gebot fest zugesagt, ein enormes Finanzierungsvolumen selbst für Verhältnisse der Private-Equity-Branche.
PayPal selbst, ebenso wie Stripe und Advent, wollte sich zu den vertraulichen Gesprächen bislang nicht äußern.
Das Angebot ist keineswegs die erste Annäherung zwischen den Parteien
Was auf den ersten Blick wie eine plötzliche Sensationsmeldung wirkt, hat tatsächlich eine längere Vorgeschichte. Bereits Anfang April hatten Stripe und Advent nach Angaben der Insider einen ersten, informellen Vorstoß in Richtung PayPal unternommen. Das nun bekannt gewordene, deutlich konkretere Gebot wurde demnach bereits Anfang dieses Monats offiziell eingereicht.
Bislang haben die beiden Bieter jedoch keinerlei Reaktion von PayPal erhalten. Die Käuferseite arbeitet den Insidern zufolge aktiv daran, die Gespräche in den kommenden Wochen weiter voranzutreiben. Eine Garantie, dass daraus tatsächlich eine vollzogene Übernahme wird, gibt es zum jetzigen Zeitpunkt allerdings nicht, wie die Quellen ausdrücklich betonen.
Besonders interessant ist die geplante Eigentümerstruktur nach einem möglichen Abschluss. Stripe und Advent würden PayPal demnach nicht zerschlagen und in Einzelteile zerlegen, sondern das Unternehmen gemeinsam und zu jeweils gleichen Anteilen weiterführen, eine Konstruktion, die eher auf eine strategische Partnerschaft als auf ein reines Zerschlagungsmanöver hindeutet.
PayPal hat in den vergangenen Jahren dramatisch an Wert verloren
Um die Tragweite dieses Angebots einzuordnen, lohnt sich ein Blick auf die jüngere Geschichte des Unternehmens. Auf dem Höhepunkt des Pandemie-Booms im Jahr 2021 erreichte die Marktkapitalisierung von PayPal rund 360 Milliarden Dollar. Seither ist der Konzern regelrecht abgestürzt, in diesem Jahr fiel der Börsenwert zeitweise auf lediglich rund 36 Milliarden Dollar. Über die vergangenen zwölf Monate hat die Aktie mehr als 40 Prozent ihres Wertes eingebüßt.
Die Gründe dafür liegen tief im operativen Geschäft. PayPal war einst ein früher Pionier des digitalen Zahlungsverkehrs, gerät inzwischen aber zunehmend unter Druck durch Konkurrenten wie Apple Pay und Google Pay, während sich die Zahlungsgewohnheiten der Verbraucher weiter verschieben. Wachstumsschwäche und verschärfter Wettbewerb haben in den vergangenen Jahren einen Großteil der während der Pandemie aufgebauten Bewertung wieder zunichtegemacht.
Der neue Konzernchef hatte gerade erst einen radikalen Umbau eingeleitet
Seit seiner Amtsübernahme im März treibt CEO Enrique Lores einen umfassenden Konzernumbau voran. Im April teilte PayPal seine operativen Aktivitäten in drei separate Einheiten auf, eine für den klassischen Checkout-Bereich, eine für das Finanzdienstleistungsprodukt Venmo, und eine dritte für Zahlungsverkehr und Kryptowährungen, begleitet von einer Reihe personeller Veränderungen im Management.
Auch operativ zeigte PayPal zuletzt durchaus Fortschritte. Im ersten Quartal stieg der Umsatz um 7 Prozent auf 8,35 Milliarden Dollar und übertraf damit die durchschnittliche Analystenschätzung von 8,05 Milliarden Dollar deutlich. Das gesamte abgewickelte Zahlungsvolumen kletterte währungsbereinigt um 8 Prozent auf rund 464 Milliarden Dollar. Im Mai kündigte Lores zudem an, mithilfe Künstlicher Intelligenz Abläufe im Konzern zu straffen und doppelte Personalstrukturen abzubauen, konkrete Details blieb er dabei bislang schuldig. Nach eigenen Angaben soll dieses Programm über die kommenden zwei bis drei Jahre rund 1,5 Milliarden Dollar einsparen, die anschließend wieder in neues Wachstum reinvestiert werden sollen.
Ausgerechnet mitten in dieser Turnaround-Phase erreicht den Konzern nun das Übernahmeangebot, ein Timing, das zeigt, wie sehr potenzielle Käufer den aktuell gedrückten Aktienkurs als Einstiegschance begreifen.
Stripe selbst gehört längst zu den wertvollsten Technologieunternehmen der Welt
Für viele Beobachter überraschend ist vor allem, dass ausgerechnet Stripe als Käufer auftritt. Das in San Francisco und Dublin ansässige Unternehmen ist selbst nicht börsennotiert, zählt aber zu den wertvollsten Privatunternehmen der gesamten Branche. Bei einem Tender Offer für Mitarbeiter und Aktionäre im Februar wurde Stripe mit 159 Milliarden Dollar bewertet, ein Sprung von mehr als 70 Prozent gegenüber einem vergleichbaren Aktienverkauf ein Jahr zuvor.
Stripe ermöglicht es Unternehmen, Zahlungen entgegenzunehmen, Auszahlungen vorzunehmen und Finanzprozesse zu automatisieren, ein Geschäftsmodell, das sich in den vergangenen Jahren rasant weiterentwickelt hat. Ein Zusammenschluss mit PayPal, gemeinsam mit dem Finanzinvestor Advent, würde zwei der bekanntesten Namen der Zahlungsverkehrsbranche zumindest teilweise unter einem Dach vereinen.

Der Vorstoß reiht sich in eine ganze Welle von Übernahmen der Zahlungsbranche ein
Ein möglicher PayPal-Deal wäre keineswegs ein isoliertes Ereignis, sondern fügt sich in eine breitere Konsolidierungswelle im globalen Zahlungsverkehr ein. Käufer suchen branchenweit gezielt nach Übernahmezielen, während sich die Finanztechnologie durch den Vormarsch Künstlicher Intelligenz rasant verändert. Viele Zahlungsdienstleister streben zudem gezielt nach mehr Größe sowie nach Zugang zu schneller wachsenden Segmenten wie dem grenzüberschreitenden und dem Business-to-Business-Zahlungsverkehr, während das klassische Massengeschäft an Dynamik verliert.
Bereits 2025 einigte sich Global Payments auf die Übernahme des Konkurrenten Worldpay von FIS und dem Finanzinvestor GTCR, ein komplexer Dreiecksdeal im Volumen von 24,25 Milliarden Dollar, bei dem GTCR seine 55-Prozent-Beteiligung veräußerte und FIS seinen verbleibenden 45-Prozent-Anteil abgab. Hinzu kommt eine ganze Serie kleinerer Transaktionen, etwa die Übernahme von Payoneer Global durch den kanadischen Zahlungsdienstleister Nuvei für 2,75 Milliarden Dollar, wobei Nuvei selbst von Advent International und weiteren Private-Equity-Gesellschaften unterstützt wird. Auch Mastercard sondiert derzeit laut einem Bericht der Financial Times den Verkauf einer Mehrheitsbeteiligung an seiner britischen Tochter Vocalink zurück an britische Banken, ein Schritt, der auf Bedenken hinsichtlich der US-amerikanischen Kontrolle über ein als kritisch eingestuftes Finanzinfrastruktur-Asset zurückgeht.
Sollte der Deal zwischen Stripe, Advent und PayPal tatsächlich zustande kommen, würde er zur bislang größten Transaktion dieser Konsolidierungswelle werden und einen der bekanntesten Namen der Fintech-Geschichte endgültig aus der eigenständigen Börsennotierung herausführen.



