Der Stahlkonzern Salzgitter hat nach einem starken ersten Quartal seine Ergebnis-Prognosen für 2026 überraschend erhöht. Die Entwicklung sei maßgeblich auf den Beitrag der Beteiligung am Kupferkonzern Aurubis zurückzuführen, teilte das Unternehmen am Dienstagabend in Salzgitter mit. Neben dem operativ erwarteten Ergebnisanteil sei diese überwiegend durch hohe Bewertungseffekte aus Metallpreisen positiv beeinflusst worden.
Daneben zeigten Stahlerzeugung und Handel, aber auch Technologie Ergebnisverbesserungen. Die Salzgitter-Aktie reagierte vorbörslich mit einem Anstieg von 0,99 Prozent auf 51,00 Euro – und bewegte sich damit deutlich über dem Kursziel von Jefferies, aber noch knapp über der Citigroup-Einschätzung.
Das erste Quartal bringt die Wende
Laut vorläufigen Berechnungen blieb der Außenumsatz im ersten Quartal mit 2,3 Milliarden Euro stabil. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Valuation Exchangeable (Ebitda VX) sprang hingegen von 79 Millionen Euro im Vorjahr auf 280 Millionen. Das entsprechende Ergebnis vor Steuern (VX) kletterte auf 179 Millionen Euro nach einem Verlust von 27 Millionen ein Jahr zuvor.
Diese Zahlen liegen deutlich über den Markterwartungen. Details sollen am 12. Mai veröffentlicht werden, doch die vorläufigen Daten reichen aus, um die Prognosen für das Gesamtjahr anzupassen.

Der Sprung ist bemerkenswert: Während der Umsatz stagniert, vervierfacht sich das operative Ergebnis nahezu. Eine Performance, die nicht aus dem Kerngeschäft stammt, sondern zu großen Teilen aus einer strategischen Beteiligung.
Aurubis als heimlicher Gewinnbringer
Im Gesamtjahr erwartet der Konzern nun ein Ebitda VX von 625 bis 725 Millionen Euro. Bisher wurden jeweils 125 Millionen weniger veranschlagt. Das Vorsteuerergebnis VX dürfte mit 200 bis 300 Millionen Euro um jeweils 125 Millionen höher ausfallen. Der Umsatz werde weiter bei rund 9,5 Milliarden Euro erwartet.
Die Anhebung der Prognose um jeweils 125 Millionen Euro in beiden Kategorien macht deutlich, wie stark die Aurubis-Beteiligung durchschlägt. Aurubis profitiert von gestiegenen Kupferpreisen und produziert solide operative Gewinne, die anteilig an Salzgitter fließen.
Cole Hathorn vom Analysehaus Jefferies schätzt, dass knapp 100 Millionen Euro der angehobenen Prognose von der Aurubis-Beteiligung stammen und gut 25 Millionen Euro durch eigene Verbesserungen erzielt wurden. Das bedeutet: Rund 80 Prozent des zusätzlichen Gewinns sind nicht hausgemacht.
Jefferies belässt Salzgitter dennoch auf "Hold" mit einem Kursziel von 36 Euro – deutlich unter dem aktuellen Kurs. Die Analysten sehen offenbar begrenzte Aufwärtspotenziale, solange der Stahlmarkt schwächelt.
Citigroup sieht Neubewertungspotenzial
Die US-Bank Citigroup bewertet Salzgitter etwas optimistischer. Sie belässt die Einstufung auf "Neutral" mit einem Kursziel von 50 Euro. Analyst Krishan Agarwal schreibt in einer am Dienstag vorliegenden Studie, das operative Ergebnis von 280 Millionen Euro liege deutlich über der Markterwartung, sei aber stark getrieben von Beiträgen der Aurubis-Beteiligung.
Der Kupferkonzern bleibe ein wichtiger Treiber für die Neubewertung von Salzgitter, so Agarwal. Diese Einschätzung ist brisant: Sie impliziert, dass Salzgitter an der Börse nicht für seine Aurubis-Beteiligung fair bewertet wird. Ein klassischer Holdingabschlag, der sich bei positiven Quartalszahlen auflösen könnte.

Die Citigroup liegt mit ihrem Kursziel von 50 Euro knapp unter dem aktuellen vorbörslichen Kurs von 51 Euro. Das deutet darauf hin, dass die Analysten die Anhebung der Prognose bereits weitgehend eingepreist sehen.
Stahlgeschäft zeigt zaghafte Erholung
Neben Aurubis zeigten auch Stahlerzeugung, Handel und Technologie Ergebnisverbesserungen. Salzgitter führt dies auf erste Stabilisierungstendenzen im europäischen Stahlmarkt zurück, wenngleich von einer robusten Erholung keine Rede sein kann.
Aufgrund der vielfältigen geopolitischen Unsicherheiten bleibe die Prognostizierbarkeit sowohl der weiteren konjunkturellen Entwicklung als auch der Bewertung börsennotierter Wirtschaftsgüter eingeschränkt, heißt es im Unternehmen. Die geplanten öffentlichen Investitions- und Infrastrukturprogramme führten noch nicht zu einer deutlichen konjunkturellen Belebung.
Im weiteren Jahresverlauf seien positive Impulse aus den EU-Handelsschutzmaßnahmen zu erwarten. Insgesamt dürften sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nur moderat verbessern. Eine vorsichtige Formulierung, die zeigt: Salzgitter traut dem Aufschwung noch nicht über den Weg.
Die Abhängigkeit von Aurubis wird zur Strategie
Die Quartalszahlen offenbaren eine strategische Realität: Salzgitter ist zunehmend ein Mischkonzern, bei dem die Aurubis-Beteiligung eine tragende Rolle spielt. Während das Stahlgeschäft unter Überkapazitäten, Importdruck und schwacher Nachfrage leidet, liefert die Kupfersparte stabile Erträge.
Diese Konstellation ist für Anleger ambivalent. Einerseits diversifiziert die Aurubis-Beteiligung das Geschäft und stabilisiert die Erträge. Andererseits wirft es die Frage auf, ob Salzgitter noch primär ein Stahlkonzern ist – oder ob das Management die strategische Ausrichtung neu definieren muss.
Die Analysten von Jefferies scheinen skeptisch zu bleiben. Ihr Kursziel von 36 Euro liegt weit unter dem aktuellen Niveau und suggeriert, dass sie die Aurubis-Effekte als temporär oder die Bewertung als überzogen ansehen.
Die Citigroup ist optimistischer, sieht aber ebenfalls begrenztes Potenzial. Ihr Kursziel von 50 Euro deutet darauf hin, dass sie die aktuelle Bewertung für weitgehend angemessen halten – mit leichtem Aufwärtsrisiko, wenn sich die Stahlmärkte tatsächlich erholen.
Der 12. Mai wird zur Nagelprobe
Am 12. Mai will Salzgitter die detaillierten Quartalszahlen vorlegen. Dann wird sich zeigen, wie nachhaltig die Ergebnisverbesserungen sind und ob das Management weitere Einblicke in die strategische Ausrichtung gibt.
Für Anleger bleibt die Frage: Kauft man Salzgitter für die Stahlstory – oder für die Aurubis-Beteiligung? Die Antwort könnte entscheiden, ob die Aktie weiter steigt oder ob die skeptischen Analysten recht behalten.
Vorerst aber feiert der Markt. Die Prognoseanpassung war überraschend, die Zahlen beeindruckend. Ob das reicht, um die strukturellen Probleme im Stahlgeschäft zu überspielen, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.