75 Milliarden Dollar. 1,8 Billionen Dollar Bewertung. Der größte Börsengang der Geschichte soll am Freitag über die Bühne gehen — und er hat bereits einen Vormarkt geschaffen, der widersprüchlicher kaum sein könnte. Auf der Krypto-Handelsplattform Hyperliquid sind SpaceX-Derivate in den vergangenen Wochen um 28 Prozent von ihrem Hoch gefallen. Auf Polymarket halten 85 Prozent der Teilnehmer eine Marktkapitalisierung über 1,8 Billionen Dollar am ersten Handelstag für wahrscheinlich. Auf dem vorbörslichen Handelsplatz LS Exchange notiert die SpaceX-Aktie bereits bei rund 207 Dollar — weit über dem anvisierten Ausgabepreis von 135 Dollar.
Der Markt kann nicht beides gleichzeitig recht haben.

Handel, bevor der Handel beginnt
Seit dem 17. Mai lässt sich SpaceX auf Hyperliquid handeln. Nicht in Aktien, sondern in sogenannten Perpetual Futures — Terminkontrakte ohne Verfallsdatum, mit denen Anleger auf die Kursentwicklung eines Assets setzen können, ohne es zu besitzen. Hyperliquid, Binance und Kraken bieten diese SpaceX-Perps rund um die Uhr an, auch am Wochenende. Das Modell ist aus dem Ölmarkt bekannt, wo Perps längst etabliert sind.
Als Referenzpreis wurden auf Hyperliquid 150 Dollar festgelegt — bei einer Bewertung von 1,78 Billionen Dollar, also leicht über dem offiziellen Ausgabepreis von 135 Dollar je Aktie. Kurz nach Handelsstart kletterte der Perp auf bis zu 216 Dollar, was umgerechnet etwa 194 Dollar je Aktie entsprach. Seitdem fiel er auf rund 156 Dollar. Rechnet man den Aufschlag gegenüber dem Ausgabepreis heraus, entspricht das einem impliziten Aktienkurs von knapp über 140 Dollar — nur knapp über dem anvisierten IPO-Preis und deutlich unter dem Maximalpreis von 162 Dollar, der im Börsenprospekt genannt wird.
Warum der Krypto-Markt kein zuverlässiger Seismograf ist
Die pessimistischen Signale aus dem Perps-Markt klingen alarmierend — sind aber mit Vorsicht zu genießen. Der Open Interest, also das Volumen aller offenen Kontrakte, liegt bei rund 101 Millionen Dollar. Das ist für einen Markt, der ein Unternehmen mit 1,8 Billionen Dollar bewertet, ein winziger Bruchteil. In so gering kapitalisierten Märkten kann der Verkauf einzelner Großpositionen bereits massive Kursbewegungen auslösen, die nichts über die fundamentale Bewertung aussagen.

Das zeigte sich dramatisch Ende Mai: Ein SpaceX-Perp brach innerhalb weniger Minuten um 45 Prozent ein — ein klassischer Liquidations-Kaskaden-Effekt, bei dem gehebelte Positionen zwangsgeschlossen wurden und das dünne Orderbuch überrannten. Solche Bewegungen sind Marktmechanik, keine Fundamentalanalyse.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Je näher der IPO rückt, desto mehr Perps-Spekulanten dürften ihre Positionen auflösen, um Kapital für die Zeichnung am echten Markt zu mobilisieren. Das erzeugt Verkaufsdruck im Perps-Markt, ohne dass dahinter eine negative Einschätzung steht.
Polymarket und LS Exchange zeigen das Gegenbild
An den Prognosemärkten dominiert Optimismus in anderer Qualität. Auf Polymarket hielten am Dienstag 85 Prozent der Akteure eine Marktkapitalisierung über 1,8 Billionen Dollar am ersten Handelstag für wahrscheinlich. 68 Prozent tippten sogar auf einen Börsenwert über zwei Billionen Dollar. Das wäre mehr als der Börsenwert von Apple zum Zeitpunkt von dessen Rekordbewertung.
Am vorbörslichen Handelsplatz LS Exchange startete SpaceX am Dienstag bei 160 Euro und legte seitdem auf 180 Euro zu — umgerechnet rund 207 Dollar. Das liegt massiv über der anvisierten IPO-Spanne und impliziert, dass Anleger, die frühzeitig Zugang zu SpaceX-Aktien suchten, bereits einen erheblichen Aufschlag zahlen.

Von Trade Republic bis zur Commerzbank ermöglichen auch in Deutschland zahlreiche Broker die Teilnahme am IPO — ein Signal, wie breit die Nachfrage in Europa ist.
Was die Bewertung von 1,8 Billionen Dollar bedeutet
Zum Vergleich: Der gesamte globale Luft- und Raumfahrtsektor war bis vor wenigen Jahren kaum mit dieser Summe zu bewerten. SpaceX allein soll mehr wert sein als die Volkswirtschaft der Niederlande.
Das ist nur dann gerechtfertigt, wenn man SpaceX nicht als Raketenfirma bewertet, sondern als Infrastrukturmonopolist des kommenden Raumfahrtzeitalters. Starlink, das Satelliten-Breitbandnetz des Konzerns, generiert bereits substanzielle Umsätze und wächst schnell. Die Starship-Rakete, wenn sie zuverlässig operiert, könnte die Transportkosten in den Orbit um Größenordnungen senken und völlig neue Geschäftsmodelle ermöglichen.
Das Risiko ist ebenso groß wie die Chance. SpaceX ist profitabel, aber die Bewertung preist eine Zukunft ein, die noch nicht existiert. Technische Rückschläge, regulatorische Eingriffe oder eine Verlangsamung der Starlink-Expansion könnten die Prämisse kippen.
Der Musk-Faktor ist Risiko und Katalysator zugleich
Kein Börsengang der Geschichte ist so untrennbar mit einer einzelnen Person verbunden wie SpaceX mit Elon Musk. Das ist Fluch und Segen. Musk hat SpaceX zu dem gemacht, was es ist — aber er ist auch ein politisch polarisierender Unternehmer, dessen Aktivitäten außerhalb von SpaceX den Börsenwert jederzeit belasten können.
Wer SpaceX-Aktien kauft, kauft auch ein Klumpenrisiko namens Musk. Solange er Rückenwind hat, ist das ein Hebel nach oben. Wenn der Wind dreht, kann es schnell gehen.
Der Freitag wird zeigen, welcher Markt recht hatte — Hyperliquid oder Polymarket, Pessimisten oder Euphoriker. Der größte Börsengang der Geschichte verdient Neugier. Er verlangt aber auch Nüchternheit: Bewertungen von 1,8 Billionen Dollar sind keine Einladung zum Blindkauf, sondern eine Wette auf eine Zukunft, die noch niemand kennt.
