Wer sich auf Instagram im Fitness- und Lifestyle-Bereich bewegt, kommt an ihnen kaum vorbei: Strahlende Influencerinnen, die sich künstlich gesüßtes Pulver in den Magerquark rühren und dabei von wundersamen körperlichen Verwandlungen schwärmen. Die Rede ist von More Nutrition, einer Marke, die mit aggressivem Social-Media-Marketing in wenigen Jahren zu einem Giganten der Nahrungsergänzungsmittel-Industrie mutiert ist. Doch hinter den bunten Dosen von „Chunky Flavour“ und zuckersüßen Sirups verbirgt sich ein knallhartes Geschäftsmodell, das auf irreführenden Heilsversprechen, Pseudo-Wissenschaft und der emotionalen Abhängigkeit seiner Konsumenten aufbaut.

Heilversprechen aus der Retorte: Wenn Süßstoff plötzlich Krankheiten heilt
Die Werbemaschinerie von More Nutrition kennt offenbar keine moralischen oder rechtlichen Grenzen. Da wird munter behauptet: „17 kg abgenommen dank More“ – als wäre ein chemischer Süßstoffpulver-Mix der magische Schlüssel zur Traumfigur. Doch es wird noch abstruser: Die Produkte sollen angeblich den weiblichen Zyklus regulieren, bei der Erfüllung des Kinderwunsches helfen und sogar Krankheiten heilen.
Dass solche gesundheitsbezogenen Aussagen laut der europäischen „Health-Claims-Verordnung“ (HCVO) streng reguliert und in dieser Form schlichtweg illegal sind, schien das Unternehmen lange Zeit herzlich wenig zu interessieren. Statt auf transparente Aufklärung setzte man auf eine Dauerbeschallung durch ein Heer von gekauften Influencern, die exklusiv für die Marke trommeln.
Das perfide Spiel mit der Wissenschaft
Wenn Kritik laut wird, greift die Führungsriege rund um More-Gründer Christian Wolf zu einem rhetorischen Taschenspielertrick, der besonders bei der jungen Zielgruppe verfängt: Das Zitieren von Studien als Marketing-Fassade.

Zu jedem noch so absurden Versprechen wird in rasendem Tempo eine angebliche wissenschaftliche Studie in die Kamera gehalten. „Alles, was wir sagen, ist wissenschaftlich bewiesen“, lautet das Mantra. Die bittere Realität? Viele dieser herangezogenen Studien sind alles andere als unabhängig. Sie werden oft direkt von der Lebensmittelindustrie finanziert. Einer jungen Zielgruppe wird durch diese Zwei-Sekunden-Einblendungen eine falsche Ernsthaftigkeit suggeriert. Wer kann schon zwischen Tür und Angel in einer Instagram-Story überprüfen, ob das gerade gezeigte Paper einer unabhängigen Peer-Review standhält oder reine Gefälligkeitsforschung ist?

Bauchschmerzen, leere Konten und ein gestörtes Essverhalten
Die Zeche für dieses rücksichtslose Marketing zahlen die Verbraucher. Während die Influencer ihre Rabattcodes in die Kamera lächeln, häufen sich die Berichte derer, die auf den Hype hereingefallen sind. Statt des versprochenen Traumkörpers ernteten viele Kunden vor allem eines: massive Magen-Darm-Probleme durch die Überdosis an künstlichen Süßstoffen und Ballaststoffen.
Dazu kommen emotionale Abhängigkeiten und negative Veränderungen des Essverhaltens. Wer verlernt, echte Lebensmittel zu essen, und stattdessen jede Mahlzeit mit künstlichen Aromen überdeckt, rutscht schnell in eine toxische Beziehung zum eigenen Körper und zur Nahrung. Ganz zu schweigen von den finanziellen Problemen, die entstehen, wenn junge Menschen ihr Geld für völlig überteuerte Lifestyle-Pulver aus dem Fenster werfen.
Der juristische Hammer: foodwatch zieht den Stecker
Doch das Kartenhaus aus Werbelügen ist mittlerweile juristisch zusammengebrochen. Die Verbraucherorganisation foodwatch hat dem Treiben nicht länger tatenlos zugesehen.
- Januar & März 2024: foodwatch mahnt More Nutrition und etliche seiner Testimonials für unzulässige Testimonial-Videos und über 250 gesammelte, illegale gesundheitsbezogene Aussagen ab.
- September 2024: Der Paukenschlag. Das Landgericht Schleswig-Holstein gibt der Klage von foodwatch vollumfänglich statt. More Nutrition darf fortan nicht mehr mit diesen irreführenden Gesundheitsversprechen werben.
Fazit: Ein Warnschuss für die ganze Branche
Der Fall More Nutrition ist mehr als nur der Skandal eines einzelnen Unternehmens. Er ist symptomatisch für eine ganze Branche, die im rechtsfreien Raum der sozialen Medien operiert und die Unsicherheiten junger Menschen gnadenlos monetarisiert. Echte Gesundheit gibt es nicht in der Plastikdose mit Rabattcode. Wer abnehmen oder seinen Körper unterstützen will, braucht echtes Wissen über Ernährung – und keine künstlichen Pulverchen, die mit gekauften Studien und falschen Versprechen in den Markt gedrückt werden. Es wird Zeit, dass Verbraucher aufwachen und dem aggressiven Influencer-Marketing endgültig den Rücken kehren.
