Oliver Behrens verwandelt den zermürbten Finanzriesen in eine aggressive Angriffsmaschine
Der Frankfurter Onlinebroker FlatexDegiro vollzieht eine radikale Metamorphose und bricht aus der defensiven Starre der vergangenen Jahre aus. Hinter den Kulissen des MDax-Konzerns laufen die Vorbereitungen für eine technologische Großoffensive, die den gesamten europäischen Markt für Brokerage-Apps erschüttern soll. Konzernchef Oliver Behrens hat das operative Geschäft nach Monaten der internen Sanierung wieder auf kompromisslosen Wachstumskurs getrimmt.

Die Ausgangslage für den erfahrenen Spitzenmanager war alles andere als leicht, als er das Ruder bei dem Finanzriesen übernahm. Das Traditionshaus war durch erbitterte, öffentlich ausgetragene Grabenkämpfe in der Chefetage und ein tiefes Misstrauen der Regulierungsbehörden massiv gelähmt. Behrens musste nach seinem Amtsantritt im Oktober 2024 zunächst ein radikales Aufräumkommando formieren, um die Trümmer der Vergangenheit zu beseitigen.
„Wir haben in die Plattform sicher nicht genug investiert und müssen hier einiges tun“, so der Flatex-Chef Oliver Behrens im Podcast-Interview mit Finance Forward. Mit dieser schonungslosen Analyse legt der ehemalige Europachef der US-Investmentbank Morgan Stanley den Finger in die offene Wunde des Unternehmens, das trotz seiner enormen Marktmacht technologisch den Anschluss an die flinke Konkurrenz zu verlieren drohte.
Die jahrelange Vernachlässigung des Kernprodukts soll nun durch eine massive Investitionsoffensive in den kommenden Monaten ausgeglichen werden. Der Chefplan sieht vor, das verstaubte Image des Brokers abzuschütteln und das System von Grund auf zu modernisieren, um im Werben um die Gunst der Anleger die Initiative zurückzugewinnen.
Das geheime Facelift zur Weihnachtszeit soll den altbackenen Broker für die Generation Z öffnen
Im Zentrum dieser neuen Angriffsstrategie steht eine tiefgreifende Runderneuerung der mobilen Handelsplattform. Die über Jahre gewachsene Struktur der App gilt in der Branche zwar als stabil, aber auch als visuell veraltet und für Neueinsteiger oft zu komplex. Das soll sich nun in einem brutalen Tempo ändern, um den Marktvorteil der aufstrebenden Neobroker gezielt anzugreifen.
„Wir werden um Weihnachten ein Facelift der App haben“, kündigte Oliver Behrens an.
Dieses Update umfasst weit mehr als eine rein kosmetische Anpassung der Benutzeroberfläche an den modernen Zeitgeist. Der Konzern will das gesamte Onboarding, also den Registrierungsprozess für Neukunden, drastisch vereinfachen und bürokratische Hürden abbauen.
Ziel ist es, die App wesentlich spannender zu gestalten und den Nutzern mehr hochentwickelte Features zur Verfügung zu stellen. Bislang zeichnete sich die Plattform durch eine eher konservative Klientel aus: Der Durchschnittskunde ist rund 36 Jahre alt und gehört finanziell zu den oberen zehn Prozent der deutschen Bevölkerung. Mit der Generalüberholung soll der etablierte Broker nun gezielt auch für jüngere Kunden attraktiver werden.
Den direkten Vergleich mit den Berliner Rivalen von Trade Republic oder Scalable Capital weist der erfahrene Finanzmanager im Gespräch dennoch zurück. Er betont gebetsmühlenartig, dass FlatexDegiro eine völlig andere, finanzstärkere Zielgruppe bediene, die neben günstigen Gebühren vor allem Wert auf ein professionelles Handelsumfeld und maximale regulatorische Sicherheit legt.

Die Bafin stellt die Ermittlungen ein und macht den Weg frei für die Gewinnexplosion
Dass FlatexDegiro überhaupt wieder aus einer Position der Stärke agieren kann, verdankt das Unternehmen dem harten Sanierungskurs der vergangenen anderthalb Jahre. Zuvor drohte der Broker unter der Last behördlicher Sanktionen zu kollabieren, nachdem die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht bei einer Sonderprüfung schwerwiegende Mängel im Haus festgestellt hatte.
Die Aufseher rügten im Jahr 2022 erhebliche Defizite bei der Geldwäscheprävention der konzerneigenen FlatexDegiro Bank AG. Diese regulatorischen Daumenschrauben führten zu einem massiven Vertrauensverlust an der Börse und lähmten die Produktentwicklung über Monate hinweg vollständig. Behrens folgte auf Frank Niehage, der nach einem heftigen Streit mit dem Großaktionär Bernd Förtsch zurücktreten musste.
„Wir haben eine neue Governance aufgesetzt, große Teile des Aufsichtsrats verändert und den Blick nach vorne geschärft“, erklärte Behrens den erfolgreichen Befreiungsschlag.
Die Mängel der Bafin-Prüfung wurden vollständig behoben, der Vorstand komplett neu sortiert und die Compliance-Strukturen auf ein absolut krisenfestes Niveau gehoben.
Die nackten Geschäftszahlen beweisen, dass die Strategie des ehemaligen Investmentbankers voll aufgeht und der Markt die Neuausrichtung belohnt. Der Umsatz von FlatexDegiro kletterte im vergangenen Zeitraum um satte 17 Prozent auf 560 Millionen Euro nach oben. Das Konzernergebnis schoss sogar um spektakuläre 44 Prozent auf 160 Millionen Euro in die Höhe, was die Kriegskasse für die anstehende App-Offensive prall füllt.
Mit Krypto und Tech-Giganten wie OpenAI bläst Flatex zum finalen Vernichtungsschlag
Die technologische Runderneuerung der App bildet nur das Fundament für eine weitreichende Erweiterung des gesamten Produktportfolios. Bereits im vergangenen Jahr reagierte der Onlinebroker auf den anhaltenden Boom der digitalen Vermögenswerte und integrierte Kryptowährungen direkt in das reguläre Handelsangebot.

Nun bereitet sich das Frankfurter Fintech-Schwergewicht auf die nächsten tektonischen Verschiebungen am globalen Kapitalmarkt vor. Das Management blickt dabei insbesondere auf die anstehenden, milliardenschweren Börsengänge von künstlichen Intelligenz-Giganten wie OpenAI und Anthropic, die eine vollkommen neue Welle von technologiebegeisterten Privatanlegern an die Märkte spülen dürften.
Gleichzeitig positioniert sich FlatexDegiro geschickt, um von den politischen Reformen in der Heimat zu profitieren. Das geplante staatliche Altersvorsorgedepot wird in den Frankfurter Chefetagen aufmerksam analysiert, da es das Potenzial besitzt, gigantische Mengen an neuem Sparvolumen direkt in den deutschen Kapitalmarkt zu lenken.
Mit 3,5 Millionen Kunden gehört Flatex bereits heute zu den größten Aktien-Apps des europäischen Kontinents. Wenn der Plan von Behrens aufgeht und die runderneuerte Plattform pünktlich zum Weihnachtsgeschäft die Usability der Neobroker mit der Seriosität eines Bankenhauses verbindet, steht der Konkurrenz ein extrem ungemütlicher Winter bevor.

