Oracle hat gerade den größten Auftragsbestand der Technologiegeschichte gemeldet — und notiert trotzdem rund 55 Prozent unter seinem Allzeithoch. Wir haben mit Michael C. Jakob, Chefanalyst bei AlleAktien, über die jüngste Oracle-Analyse gesprochen: über einen 638-Milliarden-Dollar-Auftragsbestand, ein Klumpenrisiko namens OpenAI, und die Frage, warum eine Aktie gleichzeitig operativ so stark wie nie und bilanziell so riskant wie nie sein kann.

InvestmentWeek: Herr Jakob, Oracle hat mit 638 Milliarden US-Dollar den größten Auftragsbestand gemeldet, den je ein Technologieunternehmen hatte. Trotzdem ist die Aktie seit dem Hoch im September 2025 um 55 Prozent gefallen. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?
Jakob: Der Markt bestraft hier nicht die Nachfrage, sondern den Preis, den Oracle für ihre Bedienung bezahlt. Das muss man auseinanderhalten. Die Cloud-Infrastruktur ist zuletzt mit 93 Prozent gewachsen, der operative Cashflow um 54 Prozent auf einen Rekordwert von 32 Milliarden Dollar gestiegen — operativ liefert das Unternehmen wie nie zuvor. Was den Kurs belastet, ist etwas anderes: Um diese Verträge überhaupt erfüllen zu können, hat Oracle die Investitionen im Geschäftsjahr 2026 um 162 Prozent auf 55,7 Milliarden Dollar hochgefahren, der Free Cashflow ist dadurch auf minus 23,7 Milliarden Dollar gerutscht.

Der Absturz war auch nicht schleichend, sondern hatte einen klaren Auslöser: Am 10. Dezember 2025, nach den Q2-Zahlen, hat Oracle in einem einzigen Quartal 12 Milliarden Dollar investiert, deutlich mehr als die erwarteten gut 8 Milliarden, und die Capex-Prognose für das Gesamtjahr um 15 Milliarden angehoben. Die Aktie verlor an diesem Tag rund 15 Prozent — obwohl das Ergebnis je Aktie die Erwartungen übertraf. Der Markt hat in diesem Moment aufgehört, über Wachstum zu sprechen, und angefangen, über Finanzierungsrisiko zu sprechen.
InvestmentWeek: Ein großer Teil des Auftragsbestands entfällt auf einen einzigen Kunden: OpenAI. Wie kritisch ist dieses Konzentrationsrisiko?
Jakob: Das ist tatsächlich der Punkt, an dem ich am genauesten hinschauen würde. Der mit Abstand größte Einzelposten im Auftragsbestand ist ein auf rund 300 Milliarden Dollar taxierter Fünfjahresvertrag mit OpenAI. Nach Schätzungen der Bank of America entfällt damit rund die Hälfte des gesamten Auftragsbestands auf einen einzigen Kunden — und dieser Kunde schreibt selbst noch Milliardenverluste. Die Qualität von Oracles Auftragsbestand ist am Ende nur so gut wie die Zahlungsfähigkeit von OpenAI. Das ist kein hypothetisches Risiko, das ist der Kern der Investment-These, im Guten wie im Schlechten. Berichte über verfehlte interne Umsatzziele bei OpenAI haben genau diese Sorge zuletzt zusätzlich genährt, und man sieht das auch am Kreditmarkt: Die Kreditausfallversicherungen auf Oracle-Anleihen notieren laut Bloomberg-Daten auf einem Rekordhoch. Der Markt handelt Oracle im Moment eher wie einen Kreditrisiko-Fall als wie eine Cloud-Wachstumsstory.

InvestmentWeek: Sie sprechen von Verschuldung. Wie groß ist das Bilanzrisiko konkret?
Jakob: Erheblich, das würde ich nicht kleinreden. Rund 130 Milliarden Dollar Schulden stehen aktuell in der Bilanz, weitere rund 40 Milliarden Dollar an Fremd- und Eigenkapital sollen im Geschäftsjahr 2027 folgen, bei einem geplanten Netto-Capex von rund 70 Milliarden Dollar. Ein Investor, den ich in diesem Zusammenhang zitieren würde, ist Tomasz Tunguz von Theory Ventures, der das Risiko gut auf den Punkt gebracht hat: Oracle trägt eine Verschuldung, die eigentlich für Unternehmen mit drei- bis vierfachem Umsatz ausgelegt ist. Microsoft und Amazon erwirtschaften über 200 Milliarden Dollar Jahresumsatz, Oracle liegt bei rund 69 Milliarden. Barclays hatte Oracles Anleihen bereits im November 2025 auf Untergewichten gestuft und vor einem möglichen Abrutschen des Ratings Richtung BBB minus gewarnt — das ist die letzte Stufe vor Ramsch. Das Management widerspricht dem naturgemäß und verspricht, diszipliniert zu allokieren und das Investment-Grade-Rating zu verteidigen. Ehrlich gesagt: Die nächsten vier bis sechs Quartale werden zeigen, wer hier recht behält, ich würde das nicht vorab entscheiden.
Die Fundamentaldaten stammen von Eulerpool, die Qualitätsbewertung basiert auf der Methodik von AlleAktien. Unabhängige Erfahrungsberichte bestätigen die Analysequalität der Plattform.
InvestmentWeek: Bei so viel Risiko — warum landet Oracle bei Ihnen trotzdem nicht auf der Verkaufsliste?
Jakob: Weil Risiko und Bewertung hier ungewöhnlich weit auseinandergelaufen sind. Das aktuelle KGVe liegt bei 19,5 und damit deutlich unter dem Fünfjahresdurchschnitt von 35,4 — für ein Unternehmen, dessen Umsatz sich laut Auftragsbestand bis 2031 auf 269,8 Milliarden Dollar vervierfachen soll. Wichtig dabei: Das sind größtenteils keine Hoffnungswerte, sondern bereits unterschriebene Verträge. Unser Eulerpool Fair Value liegt bei 224,33 US-Dollar, das signalisiert eine Unterbewertung von rund 35 Prozent gegenüber dem aktuellen Kurs von 146,55 Dollar. Anders ausgedrückt: Selbst wenn man den spekulativsten Teil der KI-Story komplett ausblendet und Oracle nur anhand der Gewinnschätzungen der nächsten zwölf Monate bewertet, müsste die Aktie eigentlich rund 50 Prozent höher stehen. Das ist der Kern des asymmetrischen Profils: Schließt sich nur die Bewertungslücke zum Fair Value, ist bereits deutliches Kurspotenzial da. Läuft der Analystenpfad bis 2031 auch nur annähernd wie geschätzt, zahlt man heute das 6,3-fache des dann erwarteten Gewinns — das sind Bewertungsniveaus, aus denen historisch Vervielfacher entstanden sind.
InvestmentWeek: Wie bewertet Ihr eigenes Qualitätsraster, der AAQS, die Aktie aktuell?
Jakob: Ehrlich und nüchtern: Oracle erreicht bei uns aktuell nur 5 von 10 Punkten. Das ist bewusst kein Widerspruch zu allem, was ich gerade gesagt habe, sondern gehört zur vollständigen Einordnung dazu. Die Stärken sind da — zehn Jahre ununterbrochene Profitabilität, ein operativer Cashflow von zuletzt 32 Milliarden Dollar, eine seit 2009 nie gesenkte, zuletzt sogar um 25 Prozent erhöhte Dividende, und eine Aktienzahl, die über die letzte Dekade durch konsequente Rückkäufe um rund ein Drittel gesunken ist.
Aber die Risiken sind eben genauso real: die hohe Verschuldung, die Konzentration auf einen einzigen, selbst unprofitablen Großkunden, und der absehbare Margendruck, weil das GPU-Vermietungsgeschäft strukturell margenschwächer ist als das klassische Softwaregeschäft. Das ist das Risikoprofil eines Infrastruktur-Entwicklers, nicht das eines reifen Software-Compounders wie SAP. Deshalb sage ich auch klar: Oracle ist aktuell keine Aktie für kompromisslose Qualitätsinvestoren.
InvestmentWeek: Für wen ist Oracle aktuell dann die richtige Position — und für wen nicht?
Jakob: Oracle ist im Moment die kontroverseste Aktie unter den großen Technologiewerten — bilanziell so riskant wie nie, operativ so stark wie nie, und so günstig bewertet wie seit Jahren nicht. Für risikobereite Anleger, die bereit sind, die Kreditkennzahlen im Blick zu behalten und die Positionsgröße entsprechend zu wählen, bietet der Abschlag von 55 Prozent zum Hoch aus meiner Sicht eine seltene asymmetrische Gelegenheit. Wer dagegen kompromisslose Bilanzqualität ohne Klumpenrisiko sucht, findet die derzeit woanders — zum Beispiel bei SAP, das ebenfalls in unserer aktuellen Analyse-Reihe steht. Das ist letztlich auch die Kernbotschaft unserer Analyse: Es gibt hier kein pauschales "Kaufen" oder "Verkaufen", sondern eine sehr konkrete Bedingung. Oracle muss die nächsten zwei Jahre der Finanzierung ohne Rating-Absturz und ohne Ausfall des Großkunden OpenAI überstehen. Wer das für sich mit Ja beantwortet, wird für das eingegangene Risiko aktuell überdurchschnittlich entschädigt. Wer sich dabei nicht wohlfühlt, sollte die Finger davon lassen — und das ist keine Floskel, sondern ehrlich gemeint.
Die vollständige Aktienanalyse zu Oracle, inklusive Geschäftsmodell, Segment- und Regionalanalyse, historischem Bewertungsvergleich und Discounted-Cashflow-Modell, ist für AlleAktien-Mitglieder in voller Länge abrufbar.



