10. Juni, 2026

Finanzen

Riester ist tot, das Altersvorsorgedepot kommt: Was Millionen Deutsche jetzt wissen müssen

Ab 2027 ersetzt ein neues staatlich gefördertes Depot die gescheiterte Riester-Rente – auch für Selbstständige. Die Regeln sind komplex, die Chancen real, die Fallstricke zahlreich.

Riester ist tot, das Altersvorsorgedepot kommt: Was Millionen Deutsche jetzt wissen müssen
Ab 2027 ersetzt das Altersvorsorgedepot die Riester-Rente – auch für 4 Mio. Selbstständige. 540 Euro Grundzulage bei 1.800 Euro Einzahlung.

Auf den Trikots von Amateurfußballmannschaften steht dieser Tage „Altersvorsorgedepot". Trade Republic hat die Kampagne bezahlt, der Bundesrat hat den Anstoß geliefert: Anfang Mai stimmte er der größten Reform der privaten Altersvorsorge seit zwei Jahrzehnten zu. Ab dem 1. Januar 2027 können Bundesbürger in ein staatlich gefördertes Depot aus Fonds und ETFs einzahlen — und erstmals sind auch Selbstständige und Freiberufler dabei. Vier Millionen Menschen, die Riester jahrelang ausschloss, bekommen nun Zugang zur staatlichen Förderung.

Die Botschaft ist eindeutig. Die Details sind es nicht.

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Das neue System behebt die Fehler von Riester — aber schafft neue Komplexität

Riester ist keine Erfolgsgeschichte. Über zwei Jahrzehnte lang haben starre Garantievorschriften, hohe Abschlusskosten und undurchsichtige Vertragsstrukturen dafür gesorgt, dass das Produkt mehr Frust erzeugte als Vermögen. Die neue Reform bricht mit den zentralen Konstruktionsfehlern.

Garantiepflichten werden gelockert. Das angesparte Kapital kann freier in renditestarke Instrumente fließen. Die Pflicht, das Vermögen bei Rentenbeginn an einen Versicherer zu übertragen, entfällt — stattdessen gibt es einen Fonds-Auszahlplan, der mindestens bis zum 85. Lebensjahr reicht. Stirbt der Sparer vorher, geht das Restvermögen an die Erben. Bei Riester verfiel es häufig.

Auch das Provisionsmodell wird entschärft. Früher kassierten Vermittler hohe Einmalzahlungen bei Vertragsabschluss — der Sparer baute in den ersten Jahren kaum Vermögen auf, weil die Kosten alles fraßen. Beim Altersvorsorgedepot sind nur laufende Kleinstprovisionen über die gesamte Vertragslaufzeit zulässig. Das ändert den Anreiz des Vertriebs fundamental.

Drei Produkte, ein Name — die Auswahl ist entscheidend

„Streng genommen gibt es nicht nur ein gefördertes Vorsorgedepot, sondern drei", sagt Björn Deyer, Leiter Altersvorsorge bei der DWS. Das Standardprodukt dürfen alle Anbieter nicht teurer als ein Prozent der Anlagesumme pro Jahr bepreisen — ein gesetzlicher Kostendeckel, der Anleger vor Abzocke schützt. Es umfasst maximal zwei Fonds und ein automatisches Ablaufmanagement kurz vor Rentenbeginn, das schrittweise in sicherere Anlagen umschichtet. Sogar der Staat selbst will als Anbieter auftreten — allerdings ist noch unklar, wer die technische Abwicklung übernimmt. Die Bundesbank ist offenbar bereit, aber noch nicht offiziell benannt.

Michael C. Jakob — Gründer von AlleAktien & Eulerpool
MIT, McKinsey, UBS. 26,8 % Rendite p.a. seit 2010. 120 Mio. EUR Depot. Gründer von AlleAktien (2 Mio.+ Anleger) und Eulerpool Research Systems.

Das zweite Produkt ist das Altersvorsorgedepot mit größerer Fondsauswahl — ohne Kostendeckel. Anleger müssen hier selbst prüfen, was sie unterschreiben. Das dritte Modell bietet Garantieprodukte, die 80 oder 100 Prozent der eingezahlten Beiträge zum Auszahlungsbeginn sichern. Für wen welches Modell passt, hängt von Risikobereitschaft, Anlagehorizont und Einkommenssituation ab — eine pauschale Empfehlung gibt es nicht.

540 Euro Grundzulage für 1.800 Euro Einzahlung — die Förderlogik ist neu

Die Förderstruktur des Altersvorsorgedepots ist konsequent vereinfacht. Wer jährlich 1.800 Euro einzahlt, erhält die volle Grundzulage von 540 Euro — unabhängig vom Einkommen. Bei Riester hing die Förderhöhe vom Vorjahresbruttoeinkommen ab, was das System für Geringverdiener und Menschen mit schwankendem Einkommen unkalkulierbar machte.

Für Familien gibt es zusätzlich Kinderzulagen. Auch temporär Beschäftigte und Studenten sind förderberechtigt — eine einzige Einzahlung aus förderfähiger Beschäftigung im Kalenderjahr reicht aus, um die Zulage zu aktivieren, wie Stephan Kropp von der Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka erklärt.

Erlaubt sind Aktien-ETFs, aktiv gemanagte Fonds, Mischfonds, Euro-Staatsanleihen sowie alternative Investmentfonds, die in Rohstoffe, Immobilien oder Infrastruktur investieren. Direkte Aktien- oder Kryptoanlagen sind ausgeschlossen. Die Produkte benötigen ein Zertifikat des Bundeszentralamts für Steuern — das bisher noch kein Anbieter erhalten hat, da Details noch geklärt werden. Erste Produkte werden trotzdem bereits aufgelegt.

Was Riester-Sparer jetzt entscheiden müssen

Wer bereits einen Riester-Vertrag hat, steht vor fünf Optionen. Weiterlaufen lassen ist vor allem für Geringverdiener mit Kindern sinnvoll: Mit nur 60 Euro Jahresbeitrag und zwei Kindern ergibt sich eine Förderung von 775 Euro — beim neuen Depot wären es bei doppeltem Mindestbeitrag nur 300 Euro.

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Übertragen lässt sich der aktuelle Depotwert in ein neues Altersvorsorgedepot — allerdings erst ab Mitte 2027 wegen technischer Umstellungen bei der staatlichen Zulagenstelle. Wer einen Riester-Vertrag hat, dessen Wert unter den eingezahlten Beiträgen liegt, realisiert bei der Übertragung einen Verlust. Zurück in den alten Vertrag führt danach kein Weg.

Einfrieren ist eine dritte Option: Das alte Riester-Kapital bleibt mit seiner Garantie erhalten, alle neuen Einzahlungen fließen ab 2027 in das neue System. Für viele dürfte das die pragmatischste Lösung sein.

Für Gutverdiener könnte das Depot zur Steueroase werden

Die spannendste Möglichkeit des neuen Systems ist eine, die der Gesetzgeber nicht explizit vorgesehen hat — aber auch nicht explizit verboten hat. Pro Person sind zwei Altersvorsorgedepot-Verträge möglich, in die zusammen bis zu 6.840 Euro jährlich eingezahlt werden können. Staatlich gefördert werden nur die ersten 1.800 Euro. Die restlichen 5.040 Euro fließen ungefördert in dieselbe Steuerhülle.

Der Effekt: Während der gesamten Ansparphase fällt weder Abgeltungsteuer noch Vorabpauschale an. Umschichtungen zwischen Fonds und ETFs bleiben steuerfrei. „Wer zwanzig oder dreißig Jahre umschichten kann, ohne dass jährlich Steuer abfließt, profitiert von einem Zinseszinseffekt, den ein klassisches ETF-Depot nicht bietet", sagt Honorarberater Christian Hegers aus Essen.

Ob das Bundesfinanzministerium diese Auslegung absegnet, ist noch offen. Für Selbstständige und Freiberufler wäre es ein struktureller Durchbruch in der privaten Altersvorsorge — falls die Steuerbehörde mitspielt.

80 Prozent der Deutschen sind noch nicht am Kapitalmarkt aktiv. Das Altersvorsorgedepot ist der bisher ambitionierteste Versuch des Staates, das zu ändern. Ob er gelingt, hängt nicht vom Regelwerk ab — das ist besser als bei Riester. Es hängt davon ab, ob Millionen Menschen tatsächlich anfangen, jeden Monat einzuzahlen. Trade Republic hofft auf Amateurfußball-Trikots als Überzeugungsmittel. Der Gesetzgeber auf Steuererleichterungen. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen.