Ein bislang unscheinbarer Bereich wird zur wichtigsten Ertragsquelle
Wenn es um die wichtigsten Mitarbeiter der Lufthansa geht, fällt der Name Gerald Schlögl bislang eher selten. Dabei nutzen weltweit gut 40 Millionen Menschen mindestens einmal im Monat das Treueprogramm Miles & More, für das Schlögl verantwortlich ist. Behält Lufthansa-Finanzvorstand Till Streichert recht, könnte Schlögl schon bald eine deutlich bedeutendere Rolle im Konzern einnehmen.

Streichert will das Geschäft rund um die kleinen Plastikkarten spürbar ausbauen. Die Einnahmen sollen in den kommenden Jahren um gut zehn Prozent wachsen. Wir glauben, dass da deutlich mehr möglich ist, sagte der Manager vergangene Woche bei einer Veranstaltung zu den Halbjahreszahlen.
Miles & More ist bereits heute profitabler als das boomende Frachtgeschäft
Was den obersten Kassenwart des Konzerns an dem Bonusprogramm besonders reizt, ist schlicht mehr Ertrag, angesichts schrumpfender Konzerngewinne dringend benötigt. Nach Angaben hochrangiger Mitarbeiter weist das Meilengeschäft die mit Abstand höchste Umsatzrendite aller Konzerngesellschaften auf. Der Umsatz wird bereits heute auf rund 1,4 Milliarden Euro pro Jahr veranschlagt, der operative Gewinn auf gut 350 Millionen Euro, mehr, als das derzeit boomende Frachtgeschäft erwirtschaftet. Mit einer Marge von mehr als 20 Prozent bringt das Loyalitätsgeschäft den Konzern spürbar näher an die durchschnittliche Rendite, die Streichert bis zum Ende des Jahrzehnts versprochen hat.
Gehen die internen Pläne auf, könnte Miles & More binnen gut fünf Jahren knapp drei Milliarden Euro Umsatz und bis zu 800 Millionen Euro operatives Ergebnis liefern, heißt es aus Aufsichtsratskreisen. Der Bereich wäre damit nicht mehr nur, wie im vergangenen Geschäftsjahr, die Konzerngesellschaft mit dem dritthöchsten Überschuss hinter dem Wartungsgeschäft und der Fluglinie Swiss, sondern könnte zu einer der wichtigsten Gewinnquellen des gesamten Konzerns aufsteigen.

Der Finanzvorstand hüllt sich bei konkreten Zahlen in Schweigen
Zu Details will sich Streichert bislang nicht äußern. Da würde ich jetzt keine Zahl in den Raum stellen, sagte er vergangene Woche und bezeichnete Berechnungen zu Ertragszahlen als ein Stückchen linke Tasche, rechte Tasche. Ein Programm könne am Ende jeden gewünschten Gewinn ausweisen, indem die internen Verrechnungspreise zwischen Fluggesellschaft und Treuesystem entsprechend angepasst würden.
Dahinter dürfte weniger Bescheidenheit stecken als vielmehr Gesichtswahrung. Die Miles-&-More-Erträge werden konzernintern beim derzeit schwierigsten Geschäftsfeld verbucht, der Kern-Fluggesellschaft Lufthansa Airlines. Dank Miles & More sowie der dort ebenfalls verbuchten kleineren Gewinne des Ferienfliegers Discover und der Beteiligung am Terminal 2 des Flughafens München erscheinen die aktuellen Verluste dieser Sparte deutlich geringer, als sie tatsächlich ausfallen. Im vergangenen Jahr schrieb der Bereich offenbar nur dank Miles & More überhaupt einen Gewinn.
Vom ungeliebten Kostenblock zum eigenständigen Geschäftsmodell
Für die aktuellen Gutschriften bei der Meilentochter sorgt ein grundlegender Wandel im zugrundeliegenden Geschäftsmodell. Zu Beginn der 1990er-Jahre galten Rabattprogramme wegen ihrer hohen Kosten noch als eine wahre Seuche, wie Anton Lill, der erste Chef von Miles & More, damals formulierte.
Heute seien solche Programme, besonders bei den großen US-Fluggesellschaften, zu eigenständigen, hochprofitablen Geschäftsmodellen geworden, erklärt Linus Bauer vom Beratungsunternehmen BAA & Partners. Das gelte in Europa auch für den IAG-Konzern, zu dem neben British Airways auch Iberia und der spanische Billigflieger Vueling gehören. Der strategische Vorteil liegt in zwei Eigenschaften, die in der Luftfahrtbranche sonst selten mit hohen Margen einhergehen, geringer Kapitalintensität und hoher Skalierbarkeit.

Das eigentliche Geschäft läuft über Banken und Kreditkarten, nicht über Vielflieger
Das Geld verdient ein Programm wie Miles & More weniger mit seinen derzeit gut 40 Millionen regulären Mitgliedern selbst. Lukrativ ist vor allem der Verkauf von Meilen an Banken, Kreditkartenanbieter, Hotels und andere Partner, die damit eigene Kunden gewinnen wollen. Damit erzielen die Airlines wiederkehrende Einnahmen, ohne dafür zusätzliche Flugzeuge betreiben zu müssen, so Bauer.
Besonders lukrativ sind dabei die 1,3 Millionen Miles-&-More-Kreditkarten. Für deren Umsätze schreibt etwa die Deutsche Bank den Karteninhabern Lufthansa-Meilen gut. Dafür erhält das Vielfliegerprogramm bis zu gut zwei Cent pro Meile, zahlt aber meist nur einen Bruchteil davon aus, wenn Sammler ihre Guthaben später für Tickets oder Sachprämien einlösen, eine Gewinnspanne, die dem klassischen Fluggeschäft strukturell verwehrt bleibt.
Europa hinkt den US-Vorbildern noch deutlich hinterher
Trotz der beeindruckenden Zahlen hat Europa gegenüber den USA laut Branchenkenner Bauer noch erheblichen Nachholbedarf. Fluggesellschaften wie Delta verdienen Schätzungen zufolge umgerechnet mindestens zwei Milliarden Euro pro Jahr mit ihren eigenen Loyalitätsprogrammen, deutlich mehr, als Lufthansa selbst mit ambitionierten Wachstumsplänen für Miles & More binnen der kommenden fünf Jahre in Aussicht stellt.
Für Lufthansa bedeutet das zugleich eine klare Wachstumsperspektive und eine unbequeme Wahrheit, während das Kerngeschäft mit dem eigentlichen Fliegen weiterhin kämpft, verdient der Konzern sein Geld zunehmend mit einem Nebengeschäft, das mit dem Fliegen selbst nur noch am Rande zu tun hat.



