In einer kürzlich veröffentlichten Studie des Kreditversicherers Allianz Trade schrillen die Alarmglocken: Die weltweite Zahlungsmoral ist so stark ins Wanken geraten, wie es zuletzt vor einer Dekade und einer halben zu beobachten war. Die durchschnittliche Frist bis zum Ausgleich einer Rechnung ist auf nun 59 Tage angestiegen, was einen Zuwachs von drei Tagen im Vergleich zum Vorjahr markiert und somit den doppelten Anstieg des Vorjahres darstellt.
Erneut erweisen sich deutsche Unternehmen als vergleichsweise disziplinierte Zahler, mit einer durchschnittlichen Begleichungsfrist von 54 Tagen. Ähnlich zügige Zahlungsweisen verzeichnen die Niederlande und die skandinavischen Länder. Gegensätzlich verhalten sich hingegen Schuldner in Frankreich, Italien, Spanien und verschiedenen asiatischen Nationen, wo zuweilen weit über 60 Tage auf den Zahlungseingang gewartet wird.
Milo Bogaerts, der Leiter von Allianz Trade in Deutschland, Österreich und der Schweiz, unterstreicht die Relevanz der Zahlungsmoral als Indikator für mögliche Zahlungsausfälle und als Frühwarnsystem für Unternehmensinsolvenzen. Er prognostiziert für die Bundesrepublik einen Anstieg der Insolvenzfälle um 13 Prozent im Jahr 2024.
Ano Kuhanathan, Leiter der Unternehmensforschung bei Allianz Trade, führt die Rentabilität als bestimmenden Faktor für das Zahlungsverhalten in Europa an. Die Beobachtungen seiner Forschungen ergeben, dass eine marginale Reduktion der Rentabilität um einen Prozentpunkt die Zahlungsfristen um mehr als eine Woche verlängern kann.
Die Aussicht auf erhöhte Rentabilitätseinbußen in diesem Jahr bedeutet für europäische Firmen, sich auf ausgedehnte Zahlungsziele vorzubereiten. Ana Boata, die Leiterin der makroökonomischen Forschung, erläutert, dass zur Realisierung der in EU-Kreisen diskutierten 30-tägigen Zahlungsfrist europäische Unternehmen zwei Billionen Euro zusätzlicher Finanzmittel benötigen würden. Dies hätte bei aktuellen Zinskonditionen eine zusätzliche Zinsbelastung von 100 Milliarden Euro zur Folge, was einem Margenverlust von zwei Prozentpunkten gleichkäme. Boata warnt, dass zu rigide Zahlungsmodalitäten die Konkurrenzfähigkeit, insbesondere kleiner und mittelständischer Unternehmen in Europa, beeinträchtigen könnten, indem diese ihre Lieferbeziehungen ausserhalb der EU suchen.