In der deutschen Energiewirtschaft hat sich ein System etabliert, das volkswirtschaftlich kaum noch zu rechtfertigen ist. Während der Gesetzgeber den Ausbau der erneuerbaren Energien als nationale Kraftanstrengung propagiert, scheffeln die Verteilnetzbetreiber – allen voran der E.ON-Konzern – Profite, die in der deutschen Industrielandschaft ihresgleichen suchen. Eine dem SWR exklusiv vorliegende Studie des Bundesverbands Neue Energiewirtschaft (BNE) offenbart eine durchschnittliche Eigenkapitalrendite von über 30 Prozent bei den Marktführern. Zum Vergleich: Selbst hochprofitable DAX-Konzerne träumen von solchen Margen.

Der staatlich garantierte Rendite-Wucher bei E.ON und Co.
Das Ausmaß der Profitgier ist schockierend. Die E.ON-Tochter Westnetz, einer der größten Verteilnetzbetreiber der Republik, erwirtschaftete im Jahr 2024 eine Eigenkapitalrendite von rund 45 Prozent. Das bedeutet mathematisch: Mit jedem investierten Euro fließen 45 Cent als Reingewinn in die Kassen der Eigentümer. Vergleichbare Player wie Bayernwerk Netz oder Mitnetz erzielten mit 38 beziehungsweise 43 Prozent ähnlich absurde Werte. Die von der Bundesnetzagentur eigentlich als fair erachteten Renditen liegen in einem Korridor zwischen drei und sieben Prozent.
Die betroffenen Konzerne reagieren auf diesen Skandal mit einer Mauer des Schweigens und Verweisen auf komplexe Buchungstricks. Auf Anfrage verwies E.ON pauschal auf „andere Berechnungsgrundlagen“ als im Handelsgesetzbuch üblich. Vermögenswerte würden über längere Zeiträume fortgeschrieben, was die Eigenkapitalbasis rechnerisch verzerre. Branchenkenner werten dies jedoch als billige Ausrede. Tatsächlich zeigt die BNE-Studie, dass durch eine Korrektur auf ein marktübliches Renditeniveau jährlich bis zu drei Milliarden Euro eingespart werden könnten – Geld, das die deutschen Stromkunden derzeit über die Netzentgelte zwangsfinanzieren.
Systematisches Versagen bei der Digitalisierung der Stromnetze
Besonders perfide ist das Missverhältnis zwischen der astronomischen Profitabilität und der technologischen Rückständigkeit. Der Netzbetreiber Westnetz, der bis Anfang 2025 unter der Führung der heutigen Energieministerin Katherina Reiche stand, steht dabei im Zentrum der Kritik. Obwohl die Renditen dort in astronomische Höhen schießen, berichten Branchenriesen wie der PV-Spezialist 1KOMMA5° von unhaltbaren Zuständen. Die Digitalisierung der Stromnetze, die für den Anschluss von Solaranlagen und Wärmepumpen unerlässlich ist, wird seit Jahren verschleppt.
PV-Installateure berichten von Registrierungsprozessen, die statt der gesetzlich vorgesehenen vier Arbeitstage mittlerweile über ein Jahr in Anspruch nehmen. Interne Analysen belegen IT-Systeme, die unter dem Ansturm der Energiewende kollabieren. Dass bei derartigen systemischen Mängeln überhaupt noch so hohe Renditen ausgeschüttet werden, ist ein politischer Offenbarungseid. Die Aufsichtsbehörden haben der Branche jahrelang freie Hand gelassen, während die Netzentgelte in Deutschland zu den höchsten in ganz Europa gehören.
Die Energieministerin schützt den Status Quo ihrer ehemaligen Branche
Der politische Rückhalt für diese Zustände ist jedoch fest verankert. Energieministerin Katherina Reiche, die ihre Karriere in der Energiebranche selbst mitgestaltet hat, plant anstatt einer Verschärfung der Qualitätsregulierung einen sogenannten „Redispatch-Vorbehalt“. Dieses Instrument soll künftig Wind- und Solarparkbetreiber finanziell bestrafen, wenn deren Anlagen wegen Netzengpässen abgeregelt werden müssen. De facto bedeutet dies: Die Betreiber erneuerbarer Energien sollen für die Unfähigkeit der Netzbetreiber haften.
E.ON begrüßt diesen Vorstoß ausdrücklich. Das Unternehmen argumentiert, dass der Bau von Wind- und Solaranlagen in Gebiete mit absehbarem Netzengpass ökonomisch unsinnig sei. Die Kritiker hingegen sehen darin eine gezielte politische Manipulation zugunsten der Rendite-Giganten. Anstatt das Netz endlich durch Digitalisierung und Smart-Meter-Rollout leistungsfähiger zu machen, wird der Druck auf die Produzenten grünen Stroms erhöht.
Die Bundesnetzagentur bleibt in diesem Konflikt weitgehend zahnlos. Erst ab 2029 sollen die Regulierungsbehörden über weitreichendere Kontrollbefugnisse verfügen. Bis dahin bleibt das deutsche Stromnetz eine goldene Kuh für die großen Energiekonzerne, deren Gewinne – ironischerweise – von jenen Verbrauchern finanziert werden, die auf eine bezahlbare Energiewende warten.
