Der Zusammenbruch der Waffenruhe treibt die Inflation über die Erwartungen hinaus
Die Inflation im Euroraum hat im Juli spürbar angezogen, und der Auslöser liegt eindeutig im Nahen Osten. Nachdem die Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran kollabierte und die Ölpreise daraufhin in die Höhe schnellten, kletterten die Verbraucherpreise im Euroraum auf eine Jahresrate von 2,9 Prozent, nach 2,8 Prozent im Juni, wie Eurostat am Freitag mitteilte. Der Wert entspricht exakt der mittleren Schätzung einer Bloomberg-Umfrage unter Ökonomen und folgt auf bereits stärker als erwartete Preisanstiege in Frankreich und Spanien.
Besonders deutlich zeigte sich der Effekt bei den Energiepreisen, die in der 21 Staaten umfassenden Eurozone um 10 Prozent zulegten. Auch ein Indikator für Dienstleistungspreise sowie die um volatile Posten wie Kraftstoffe und Lebensmittel bereinigte Kernrate beschleunigten sich im Juli.
Die EZB hatte gerade erst eine Pause eingelegt und muss nun umdenken
Die neuen Zahlen kommen ausgerechnet eine Woche, nachdem die Europäische Zentralbank bei ihrer jüngsten Sitzung eine Pause bei den Zinserhöhungen eingelegt hatte, um sich mehr Zeit zu verschaffen und die Auswirkungen des sich erneut zuspitzenden Nahost-Konflikts auf Inflation und Wachstum in der Eurozone genauer einzuschätzen. Ökonomen und Investoren rechnen inzwischen mit einer weiteren Zinserhöhung im September, die auf den bereits im Juni beschlossenen Schritt um einen Viertelprozentpunkt aufsetzen würde.
Kamil Kovar, Leiter der Eurozonen-Prognosen bei Moody's Analytics, brachte die Marktstimmung auf den Punkt. Die heutigen Zahlen brächten die EZB zusammen mit den Entwicklungen im Nahen Osten im Juli fest auf einen Kurs in Richtung einer Zinserhöhung im September, so Kovar. Auch die Anleihemärkte reagierten prompt, deutsche Staatsanleihen gaben ihre anfänglichen Gewinne wieder ab, die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen kletterte um einen Basispunkt auf 3,16 Prozent. Die Geldmärkte preisen inzwischen eine Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent für eine Zinserhöhung um einen Viertelprozentpunkt im September ein, bei insgesamt leicht erhöhten Wetten auf weitere Straffungen, kumuliert rund 42 Basispunkte an Zinsschritten bis zum Jahresende.

EZB-Ratsmitglieder senden bereits deutliche Signale für den September-Termin
Vor der Septembersitzung erhalten die Notenbanker noch einen weiteren Inflationsbericht, für August, ergänzt um aktualisierte Projektionen der EZB-Stabsökonomen. Während sich EZB-Präsidentin Christine Lagarde in der vergangenen Woche noch nicht auf einen konkreten Zinsschritt festlegen wollte, äußerten sich mehrere ihrer Ratskollegen deutlich eindeutiger zur erwarteten Richtung der Geldpolitik.
Der österreichische Notenbankchef Martin Kocher erklärte am Freitag, Unsicherheit und Volatilität blieben weiterhin hoch. Zuvor hatte bereits der litauische Notenbankchef Gediminas Simkus erklärt, die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung sei deutlich höher als die einer Zinspause. Sein slowakischer Amtskollege Peter Kazimir ging noch einen Schritt weiter und argumentierte, die EZB werde mindestens noch einmal die Zinsen anheben müssen, selbst wenn sich die Lage etwas verbessere.
Ausnahmslos alle Euro-Staaten außer Estland liegen inzwischen über der Zwei-Prozent-Marke
Ein Blick auf die Verteilung der Inflation innerhalb der Eurozone zeigt, wie breit der Preisdruck inzwischen verankert ist. Mit Ausnahme von Estland liegt die Inflationsrate in sämtlichen Mitgliedstaaten der Währungsunion mittlerweile über der Zwei-Prozent-Marke, jenem Referenzwert, den die EZB als mittelfristiges Preisstabilitätsziel definiert hat. Das ist ein deutliches Signal dafür, dass es sich nicht um ein isoliertes Problem einzelner Länder handelt, sondern um einen breit über die gesamte Eurozone verteilten Inflationsschub.
Die Signale aus dem Nahen Osten bleiben derweil gemischt. Zwar hat der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus zuletzt wieder zugenommen, selbst während die USA und der Iran erneut Luftangriffe austauschten, doch die Ölpreise verharren trotz eines Rückgangs unter die Marke von 100 Dollar je Barrel weiterhin auf einem erhöhten Niveau.

Auch die Lohnentwicklung nährt die Sorge vor dauerhaft höherer Inflation
Zusätzliche Brisanz erhält die Situation durch eine aktuelle EZB-Umfrage, die zeigt, dass sich das Lohnwachstum, ein Indikator, den die Notenbanker genau beobachten, um Anzeichen für eine dauerhafte Verfestigung höherer Inflation frühzeitig zu erkennen, bis Anfang 2027 voraussichtlich weiter beschleunigen wird. Genau ein solches Übergreifen höherer Energiekosten auf die allgemeine Lohn- und Preisspirale ist es, wovor Notenbanker in Krisenzeiten traditionell am meisten warnen.
Trotz all dieser Belastungen hat sich die Wirtschaft der Eurozone bislang bemerkenswert widerstandsfähig gezeigt. Im zweiten Quartal wuchs die Wirtschaftsleistung so stark wie seit über einem Jahr nicht mehr, doppelt so kräftig wie ursprünglich prognostiziert, wobei sämtliche vier größten Volkswirtschaften der Region ein Wachstum verzeichneten. Für die EZB bedeutet das eine paradoxe Ausgangslage vor der Septembersitzung, eine Wirtschaft, die trotz geopolitischer Krise robust wächst, während gleichzeitig die Inflation weiter anzieht, eine Kombination, die eine Zinserhöhung aus Sicht der meisten Ratsmitglieder kaum noch vermeidbar erscheinen lässt.
