Ein neuer Manager erbt eine der schwierigsten Aufgaben im Konzern
Der Volkswagen-Konzern verhandelt derzeit mit großen Autoherstellern über neue Kooperationen im nordamerikanischen Markt, wie die WirtschaftsWoche aus Konzernkreisen erfuhr. Der VW-Vorstand plant demnach, Modellplattformen anderer Hersteller zu nutzen, um Lücken im eigenen Portfolio zu schließen. Wegen der hohen US-Zölle strebt VW zudem an, die Produktion in den USA zu steigern und im Gegenzug die Menge der aus Europa importierten Autos zu verringern.
Die Suche nach Partnern dürfte damit zur ersten großen Aufgabe für den VW-Manager Marco Schubert werden, der zum 1. Oktober die übergreifende Steuerung der Region Nordamerika übernimmt. Bis Ende des Jahres sollen die Partnerschaften laut Konzernkreisen bereits unter Dach und Fach sein, ein enger Zeitplan für einen Manager, der sein Amt gerade erst antritt.
Ein vertrauliches Strategiepapier zeigt wie tief die Portfolio-Lücken tatsächlich sind
Aus einem internen, vertraulichen Sanierungsplan des Konzernvorstands, der der WirtschaftsWoche vorliegt, geht hervor, wie grundlegend das Problem aus Sicht des Managements ist. Das aktuelle Portfolio sei nicht hinreichend auf die Präferenzen des US-amerikanischen Konsumenten ausgerichtet, heißt es dort. Einige der profitstärksten Segmente seien bislang von Konzernmodellen nicht abgedeckt, darunter mittlere und große Pickup-Trucks sowie sogenannte Rugged-Modelle, also robuste Geländewagen für schwieriges Terrain. Stattdessen habe der Konzern mit kleineren Limousinen vor allem volumenstarke, aber ergebnisschwache Segmente besetzt.
Zur Schließung dieser Portfolio-Lücken, die mit eigener Entwicklungskapazität nicht in der erforderlichen Zeit und zu vertretbaren Kosten geschlossen werden können, würden gezielte Kooperationen mit regionalen oder globalen Partnern geprüft, heißt es im Strategiepapier weiter. Im Fokus der Partnering-Untersuchungen stehen für die Marke VW demnach ein B-Pickup, ein Rugged-B-SUV sowie ein C-SUV, wofür intensive Gespräche mit lokalisierten Automobilherstellern geführt würden.

Ford gilt als naheliegendster Kandidat für eine erweiterte Allianz
Nach Informationen der WirtschaftsWoche hält der Konzernvorstand eine Erweiterung der bestehenden Kooperation mit Ford für möglich. Beide Hersteller arbeiten bereits seit 2020 bei Elektroautos und Nutzfahrzeugen eng zusammen. Ford nutzt Volkswagens Elektroplattform MEB für seine Explorer- und Capri-Modelle, die im Ford-Werk Köln produziert werden, während sich der in Südafrika gefertigte VW-Pickup Amarok die Fahrzeugplattform mit dem Ford Ranger teilt.
Laut Insidern ist denkbar, dass Ford den Wolfsburgern künftig nicht nur mit benötigten Fahrzeugplattformen aushilft, sondern auch eigene Produktionskapazitäten zur Verfügung stellt. Möglich sei zudem, dass VW Modellplattformen von mehreren verschiedenen Herstellern gleichzeitig bezieht, statt sich auf einen einzigen Partner zu verlassen.
Der Konzern selbst betrachtet solche Kooperationen nur als Übergangslösung
Trotz der Dringlichkeit betrachtet der Konzernvorstand die Nutzung fremder Fahrzeugplattformen unter VW-Marken ausdrücklich nicht als dauerhafte Lösung. Aufgrund der begrenzten Differenzierung gegenüber dem Spenderfahrzeug des OEM-Partners wiesen Partnering-Lösungen typischerweise ein eingeschränktes Marktpotenzial auf, heißt es im Bericht. Im Sinne einer nachhaltigen Wahrung beziehungsweise Stärkung der Markenidentität stellten diese lediglich eine Brückenlösung für Randsegmente des Produktportfolios dar, eine bemerkenswert offene Einschätzung, die zeigt, dass VW selbst die Grenzen dieser Notlösung klar erkennt.
Ein neuer Manager mit Erfahrung aus der eigenen Konzernfamilie
Bereits im August hatte die Nachrichtenagentur Reuters über eine geplante Neuaufstellung des VW-Konzerns in den USA berichtet, mit neuem Management und einem überarbeiteten Produktangebot, einschließlich eines neuen Pickup-Trucks. Ford wurde dabei aufgrund der bestehenden Partnerschaft bereits damals als möglicher Kooperationskandidat genannt.
Anfang September gab Volkswagen offiziell bekannt, dass Marco Schubert zum 1. Oktober neuer Nordamerika-Chef des Konzerns wird. Sein Vorgänger Kjell Gruner verlässt das Unternehmen. Schubert war zuvor Vertriebsleiter bei der VW-Tochter Audi. Vorstandschef Oliver Blume, an den Schubert direkt berichtet, wollte nach WirtschaftsWoche-Informationen vor Schuberts Amtsantritt bewusst keine Entscheidung über neue Kooperationspartner in den USA treffen, ein Hinweis darauf, wie zentral diese Personalie für die künftige US-Strategie des Konzerns eingeschätzt wird.
Vom Elektro-Traum zurück zu Pickups und Verbrennern
Nach dem schmachvollen VW-Dieselskandal von 2015 sollten die USA das Land des großen Comebacks werden und die Abhängigkeit des Konzerns vom chinesischen Markt verringern. Bis 2030 wollte Europas größter Autobauer seinen Anteil am zweitgrößten Automarkt der Welt auf zehn Prozent steigern, gestützt auf mehr als 25 neue Elektroautos, mit denen der jahrzehntelange Rückstand auf Toyota, General Motors und Ford aufgeholt werden sollte. Elektroautos seien das zentrale Element der US-Strategie, hatte VW-Markenchef Thomas Schäfer einst verkündet und den elektrifizierten VW-Bus ID.Buzz als Hoffnungsträger gepriesen.

Die Rechnung ist bislang nicht aufgegangen. Statt sich der Zehn-Prozent-Marke anzunähern, verharrt VW in den USA bei rund vier Prozent Marktanteil. Die interne Elektro-Offensive wird nun faktisch abgeblasen. Die vertraulichen Konzernunterlagen zeigen, wie grundlegend VW seine Nordamerika-Strategie unter dem Einfluss der Handels- und Umweltpolitik von US-Präsident Donald Trump umkrempeln will. Nicht mehr preiswerte Modelle mit europäischer Anmutung oder Elektroautos sollen künftig den Ausschlag geben, sondern jene Fahrzeugklassen, mit denen sich in Amerika am meisten Geld verdienen lässt, wuchtige SUVs, Pickups und Rugged-Modelle. Auch klassische Hybride, bei denen aktuell eine Lücke klafft, sollen künftig eine wichtige Rolle spielen.
Fahrzeuge, für die es in Amerika entweder zu wenig Nachfrage oder zu geringe Margen gibt, fliegen dagegen konsequent aus dem Programm. Fehlende Modelle will VW notfalls gemeinsam mit Wettbewerbern entwickeln oder deren Technik nutzen, eine Strategie, die einer klaren Linie folgt, weniger Kapitaleinsatz und Risiko, dafür mehr Rendite, selbst wenn das bedeutet, ausgerechnet in den USA vorerst auf eigenständige Markenidentität in wichtigen Segmenten zu verzichten.
