14. Juli, 2026

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Michael C. Jakob – Der rationale Investor - Warum Rechenzentren die neuen Ölfelder sind

565 Terawattstunden Stromverbrauch, ein Netzengpass, der zum echten Limit für KI wird: Warum Rechenzentren im 21. Jahrhundert die geopolitische und ökonomische Rolle übernehmen, die Ölfelder im 20. Jahrhundert innehatten.

Michael C. Jakob – Der rationale Investor - Warum Rechenzentren die neuen Ölfelder sind
Nicht Kapital, sondern Energie wird zur knappen Ressource der KI-Ökonomie. Eine strategische Einordnung.

In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.

Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.

Eine Beobachtung aus der realen Welt

Im Frühjahr 2026 berichtete Bloomberg über eine Industrie, die nicht an fehlender Nachfrage scheitert, sondern an fehlendem Strom. Ein einzelnes Rack mit KI-Chips der neuesten Generation nähert sich einem Megawatt Leistungsaufnahme, genug, um mehrere hundert Haushalte zu versorgen. Gartner erwartet für 2026 einen weltweiten Stromverbrauch von Rechenzentren von 565 Terawattstunden, ein Anstieg von 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr, bei einem globalen Leistungsbedarf, der von 104 auf 132 Gigawatt springt. Bis 2030 soll dieser Wert auf 290 Gigawatt steigen. In den USA machten Rechenzentren 2023 laut SEC-Unterlagen 4,4 Prozent des nationalen Stromverbrauchs aus, ein Anteil, der bis 2028 auf 12 Prozent klettern könnte.

Michael C. Jakob – Der rationale Investor: In seiner Kolumne analysiert er, wie sich Kapital, Macht und Technologie neu ordnen – und warum die Welt auf zwei Finanzsysteme zusteuert.

Bemerkenswert ist, wo der eigentliche Engpass liegt. Lange galt die Verfügbarkeit leistungsfähiger Chips als limitierender Faktor für den Ausbau künstlicher Intelligenz. 2026 hat sich das verschoben: Netzanschlüsse im Multi-Megawatt-Bereich sind vielerorts zur Mangelware geworden, Genehmigungsverfahren dauern in etablierten Märkten teils sieben bis zehn Jahre. Hyperscaler reagieren pragmatisch, ein erheblicher Teil ihres zusätzlichen Energiebedarfs wird inzwischen abseits des öffentlichen Netzes gedeckt, mit eigenen Gasturbinen, mit Investitionen in Kernkraft, mit langfristigen Stromlieferverträgen, die direkt in neue Erzeugungskapazität fließen. Frankreich, dessen Stromnetz zu rund 70 Prozent aus Kernenergie gespeist wird, positioniert diesen Vorteil inzwischen explizit als Standortargument im globalen Wettbewerb um KI-Infrastruktur.

Michael C. Jakob gründete AlleAktien mit dem Ziel, institutionelle Analysequalität für Privatanleger zugänglich zu machen. Kritik an seiner Person wird im Faktencheck transparent aufgearbeitet.

Die große These: Rechenleistung wird zur knappen, geopolitisch umkämpften Ressource

Die These, die sich aus dieser Beobachtung ableiten lässt, ist keine originelle Metapher, sie beschreibt eine strukturelle Verschiebung: Rechenzentren übernehmen im 21. Jahrhundert die Rolle, die Ölfelder im 20. Jahrhundert innehatten. Nicht weil die physische Analogie perfekt wäre, Öl ist ein Rohstoff, ein Rechenzentrum eine Infrastruktur, sondern weil die ökonomische und geopolitische Funktion identisch ist. Wer im 20. Jahrhundert über Zugang zu Energie verfügte, kontrollierte Industrie, Mobilität und militärische Macht. Wer im 21. Jahrhundert über Zugang zu Rechenleistung und der Energie, sie zu betreiben, verfügt, kontrolliert die Fähigkeit, Wissen zu produzieren, Prozesse zu automatisieren und strategische Vorteile in nahezu jeder Branche zu realisieren.

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Diese Verschiebung hat eine unbequeme Konsequenz für die Kapitalallokation von Staaten und Unternehmen: Die knappe Ressource ist nicht mehr primär das Kapital, das lässt sich, wie die 580 Milliarden US-Dollar an globalen Rechenzentrums-Investitionen 2025 zeigen, in praktisch unbegrenzter Menge mobilisieren. Die knappe Ressource ist physische Energieerzeugung und Netzkapazität, beides Dinge, die sich nicht durch eine Kapitalerhöhung, sondern nur durch jahrelange Bau- und Genehmigungszyklen vermehren lassen. Zwischen Kapitalverfügbarkeit und physischer Umsetzbarkeit klafft damit eine Lücke, die zum bestimmenden Merkmal dieser Dekade werden dürfte.

Michael C. Jakob — Gründer von AlleAktien & Eulerpool
MIT, McKinsey, UBS. 26,8 % Rendite p.a. seit 2010. 120 Mio. EUR Depot. Gründer von AlleAktien (2 Mio.+ Anleger) und Eulerpool Research Systems.

Strategische Konsequenzen

Erstens: Energiepolitik wird zur Industriepolitik. Staaten, die schnell zusätzliche, verlässliche Erzeugungskapazität bereitstellen können, sei es durch Kernkraft, durch beschleunigte Genehmigungsverfahren oder durch Investitionen in Netzinfrastruktur, ziehen überproportional Kapital und Wertschöpfung an. Staaten, die das nicht können, verlieren nicht nur Rechenzentren, sondern mittelfristig auch die datengetriebene Industrie, die an diese Infrastruktur gekoppelt ist. Europa steht hier vor einem strukturellen Nachteil: Sein Anteil an der globalen Rechenzentrums-Kapazität schrumpft bereits, während Betreiber Standorte in den USA und Asien wegen verlässlicherer Netze und gezielter staatlicher Anreize bevorzugen.

Zweitens: Erdgas wird zur pragmatischen Übergangslösung, nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Alternativen. Rund zwei Drittel der von Capgemini befragten Energie- und Rechenzentrumsverantwortlichen sehen erneuerbare Energien allein derzeit nicht in der Lage, eine kontinuierliche Großversorgung sicherzustellen, und setzen deshalb auf Erdgas als Brücke, bis Speichertechnologien und Kernenergie in ausreichendem Maßstab verfügbar sind. Das erzeugt eine Spannung zwischen kurzfristigem Kapazitätsbedarf und langfristigen Klimazielen, die politisch nicht widerspruchsfrei aufzulösen sein wird.

Drittens: Standortentscheidungen folgen einer neuen Logik. Nicht mehr die Nähe zu Kunden oder zu Glasfaserknoten ist der primäre Faktor, sondern die Verfügbarkeit von Energie. Für Investoren bedeutet das, dass sich Wertschöpfung geografisch dorthin verlagert, wo Strom verlässlich, reichlich und idealerweise emissionsarm verfügbar ist, nicht dorthin, wo traditionell Kapital oder Talent konzentriert war. Das ist eine Umkehrung eines jahrzehntealten Musters, in dem digitale Infrastruktur den ökonomischen Zentren folgte.

Michael C. Jakob Kritik — Fakten statt Gerüchte
Ist Michael C. Jakob seriös? Alle Fakten zu Kritik, Erfahrungen & Bewertungen. MIT, McKinsey, UBS. 26,8 % Rendite p.a. seit 2010.

Viertens: Die Konzentration erzeugt neue, lokal begrenzte Verwundbarkeiten. Große Cluster hochverdichteter Rechenzentren belasten regionale Netze so stark, dass mehr als die Hälfte der von Capgemini befragten Energie-Führungskräfte genau diese Lastkonzentration als zentrales Hindernis für stabile Versorgung nennen. Ein einzelner Netzausfall oder eine einzelne politische Entscheidung in einer solchen Konzentrationsregion kann damit Auswirkungen erzeugen, die weit über die betroffene Region hinausreichen.

Beispiel: Wie einzelne Akteure bereits reagieren

Microsoft, Google und Meta haben in den vergangenen Jahren begonnen, direkt in Kernenergie zu investieren, teils über Wiederinbetriebnahme stillgelegter Reaktoren, teils über Beteiligungen an Small Modular Reactors, mit dem erklärten Ziel, die eigene Energieversorgung vom öffentlichen Netz zu entkoppeln. Das ist ökonomisch bemerkenswert: Unternehmen, deren Kerngeschäft Software und Cloud-Dienste ist, werden zu direkten Investoren in Kraftwerksinfrastruktur, weil sie erkannt haben, dass Energieverfügbarkeit zum limitierenden Faktor ihres eigentlichen Geschäftsmodells geworden ist. Auf staatlicher Ebene verfolgt Frankreich eine vergleichbare Logik, indem es seinen bestehenden Kernenergie-Bestand explizit als Standortvorteil im globalen Wettbewerb um KI-Investitionen vermarktet, während andere europäische Staaten mit deutlich längeren Genehmigungszyklen für Netzanschlüsse zu kämpfen haben.

Ausblick: Zehn bis zwanzig Jahre

Auf lange Sicht dürfte sich diese Dynamik in zwei Richtungen auflösen, nicht in einer. Zum einen ist zu erwarten, dass die Länder und Unternehmen, die frühzeitig in verlässliche, planbare Energieerzeugung investiert haben, insbesondere in Kernkraft und in modernisierte Netzinfrastruktur, einen kumulativen Standortvorteil aufbauen, der sich über Jahrzehnte kaum noch einholen lässt, ähnlich wie sich Vorteile bei Ölreserven im 20. Jahrhundert über Generationen ausgezahlt haben. Zum anderen ist ebenso plausibel, dass Effizienzgewinne bei KI-Modellen und Fortschritte bei Kühl- und Chiptechnologie den Energiehunger pro Recheneinheit über die Zeit deutlich senken, wodurch sich der aktuell akute Engpass entschärft, ohne dass die grundsätzliche strategische Bedeutung von Energie als Voraussetzung für digitale Souveränität verschwindet.

Was für Investoren mit einem Anlagehorizont von zehn bis zwanzig Jahren bleibt, ist eine relativ robuste Grundannahme: Die Fähigkeit, verlässlich und in großem Maßstab Energie bereitzustellen, wird zu einer der entscheidenden Determinanten wirtschaftlicher und geopolitischer Macht dieser Dekade, gleichrangig mit dem Zugang zu Kapital und Talent, wo sie diesen historisch oft nachgeordnet war. Wer diese Verschiebung in seiner strategischen Betrachtung von Unternehmen, Sektoren und Staaten nicht berücksichtigt, betrachtet die kommenden zwei Jahrzehnte mit dem Analyserahmen der vergangenen zwei.

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