Eine momentane Kostennote von 872 Millionen US-Dollar und die drohende Verdopplung auf bis zu 1,6 Milliarden US-Dollar – das ist die finanzielle Dimension des Ransomware-Angriffs, mit dem sich der US-amerikanische Gesundheitsriese UnitedHealth konfrontiert sieht. Die Cyberattacke, initiiert von der Hackergruppe BlackCat, hatte einschneidende Folgen: In einem drastischen Fall führte sie zur Stornierung einer lebensrettenden Hirnoperation, da die Versicherungsabwicklung durch Change Healthcare, eine Tochtergesellschaft des UnitedHealth-Konzerns, blockiert wurde.
Was vordergründig nach einem Einzelfall klingen mag, offenbart bei genauerem Hinsehen seine systemische Bedeutung. Experten für Cybersicherheit warnen, dass solche Vorfälle lediglich die Spitze eines Eisbergs an Risiken darstellen, die das Potenzial haben, öffentliche Schockwellen auszulösen. Investoren und Führungskräfte werden dadurch zunehmend veranlasst, ihre Beziehungen zur Regierung in Cyberfragen und ihr Verständnis von treuhänderischer Pflicht in einem freien Marktsystem zu überdenken.
Die Brisanz dieser Problematik wird auch auf politischer Ebene gesehen. So bezeichnete Matt Hartman von der Cybersecurity and Infrastructure Security Agency der USA die Häufung von Hackerangriffen als nationalen Notstand während einer Konferenz an der Vanderbilt University. Er hob hervor, dass sowohl staatliche Akteure als auch kriminelle Ransomware-Teams verstärkt Gesundheitseinrichtungen und andere kritische Infrastrukturen ins Visier nehmen.
Drei Entwicklungen schüren besonders die Besorgnis: Erstens ein Anstieg der Hacks seit Russlands Einmarsch in die Ukraine, zweitens eine Zunahme von Angriffen durch mit Russland verknüpfte Ransomware-Banden auf schlecht gesicherte Unternehmenszulieferer und Tochterfirmen und drittens ein Wandel im Vorgehen der chinesischen Regierung – von herkömmlichen Spionage- und Diebstahlstrategien hin zum so genannten "Living off the Land", wobei Angreifer sich heimlich in die Infrastruktur einnisteln und auf ihre Stunde warten.
Dieses "Prepositioning" ist schwer zu erkennen, doch jüngst wurde über einen chinesischen Hack namens "Volt Typhoon" berichtet, der in Fachkreisen nun als größere Bedrohung als die sichtbareren Ransomware-Fälle gilt. Derart alarmiert, arbeiten Institutionen wie die NSA, die CIA und das Verteidigungsministerium in den USA intensiv daran, die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft zu verstärken – ein dringend benötigter Schulterschluss laut Sheetal Patel von der CIA.
Diese Anstrengungen treffen jedoch auf vier große, noch ungelöste Kontroversen. Erstens die anhaltende Zahlung hoher Lösegelder durch die Versicherungsbranche, zweitens der Wunsch nach strengeren Vorgaben bei der Auswahl von Zulieferern, drittens der Vorschlag zur strafferen Kontrolle von Fusionen und Übernahmen und schließlich eine mangelnde Rechenschaftspflicht seitens der Aktionäre und ihrer Berater in puncto Cyberrisiken.
Trotz der Dringlichkeit könnte der Anstoß zu einer stärkeren Kooperation innerhalb der Unternehmenswelt ausbleiben, bis ein noch weitaus schwerwiegenderer Angriff erfolgt – ein Risiko, das nicht nur Politiker und die Öffentlichkeit, sondern ebenso Investoren beunruhigen sollte.