Der Energiehunger der KI sprengt alle Grenzen
Die Rechenzentren brennen nicht. Aber sie könnten es, wenn der Stromhunger der Künstlichen Intelligenz weiter so wächst wie bisher. Für Konzerne wie Meta, Google und Microsoft ist die Energiefrage längst zur existenziellen Engpassfrage geworden – und die Antworten werden immer radikaler.
Elon Musk will Rechenzentren ins All schicken, um dort rund um die Uhr Solarenergie zu ernten. Meta geht den umgekehrten Weg: Die Rechner bleiben am Boden, der Strom kommt aus dem Orbit. Ende April gab der Konzern eine Partnerschaft mit dem Raumfahrt-Start-up Overview Energy bekannt – und formulierte damit eine der kühnsten Energiewetten der Technologiegeschichte.
Bis zu ein Gigawatt Solarstrom soll aus dem Weltall direkt in Metas Rechenzentren fließen. So viel Energie, wie eine ganze Megacity verbraucht.
Overview Energy verfolgt einen Ansatz, den die Branche bisher ignoriert hat
Die Idee des Weltraum-Solarstroms ist nicht neu. Raumfahrtingenieure diskutieren sie seit den 1970er Jahren. Das Konzept ist einfach: Solarkraftwerke im Orbit empfangen fast ununterbrochen volles Sonnenlicht, weil es weder Nacht noch Wolken gibt. Die Energie wird drahtlos zur Erde übertragen.
Was Overview Energy von anderen Ansätzen unterscheidet, ist die Übertragungstechnologie. Während die meisten Konzepte auf Mikrowellenstrahlung setzen, wandelt das Start-up den Strom in Infrarotlicht um – ähnlich wie es Nachtsichtkameras verwenden. Eine speziell entwickelte Optik- und Steuerungstechnik bündelt diesen Lichtstrahl dann gezielt auf bestehende Solarkraftwerke auf der Erde, die das Infrarotlicht zurück in Strom umwandeln.
Der entscheidende Vorteil dieses Ansatzes: Es müssen keine neuen Empfangsanlagen gebaut werden. Jedes bestehende Solarkraftwerk wird zur Empfangsstation.
„Der Strahl ist niemals stärker als das Sonnenlicht, niemals sichtbar und niemals schädlich", verspricht Overview Energy. „Er ist absolut sicher für Menschen, Tiere, Flugzeuge und andere Raumfahrzeuge."
Die geplante Umlaufbahn liegt im geostationären Orbit auf rund 36.000 Kilometern Höhe. Dort bewegt sich jeder Satellit synchron mit der Erdrotation und bleibt dauerhaft über demselben Punkt. Von dort aus lässt sich rund ein Drittel des Planeten mit Infrarotlicht erreichen.

Der Zeitplan ist ambitioniert – und die technischen Fragen noch offen
Overview Energy plant für 2028 einen Demonstrationsflug, 2030 soll der erste kommerzielle Strom fließen. Das klingt nah. Es ist es nicht.
Erste Testflüge mit einer Cessna in fünf Kilometern Höhe sollen gezeigt haben, dass die Stromübertragung aus der Luft grundsätzlich funktioniert. Doch zwischen einem Flugzeugtest und einem Satellitensystem im geostationären Orbit liegt technisch eine andere Welt. Overview-Energy-Chef Marc Berte räumt das selbst ein: „Die Laser sind der einfache Part, das Tracking und die Optik sind der harte Teil."
Der Demonstrationsflug 2028 wird zentrale Fragen beantworten müssen. Wie effizient ist die Energieübertragung über 36.000 Kilometer wirklich? Wie präzise lässt sich der Infrarotstrahl auf ein sich drehendes Solarkraftwerk ausrichten? Welchen Einfluss haben Wolken, Staub und Luftverschmutzung auf die Ausbeute? Und wie verhält sich das System bei Sonnenstürmen?
Bis diese Fragen beantwortet sind, bleibt das Gigawatt-Versprechen an Meta ein Versprechen.
Die Wirtschaftlichkeit ist die eigentliche Kriegszone
Selbst wenn die Technik funktioniert, ist das Projekt noch nicht gerettet. Der größte Kostenfaktor ist der Transport ins All. Raketenstarts machen laut einer Studie von Frazer-Nash, Space Solar Engineering und dem Imperial College London rund 50 Prozent der späteren Stromkosten aus.
Die einzige realistische Hoffnung, diesen Faktor zu senken, heißt SpaceX. Das neue Starship-Raketensystem könnte die Kosten pro Kilogramm Nutzlast von mehreren Tausend Euro auf wenige Hundert drücken. Ob und wann das gelingt, ist jedoch offen – und macht Overview Energy in seiner Kalkulation von Elon Musks Raumfahrtplänen abhängig.
Selbst unter optimistischen Annahmen kommen die Studien zu ernüchternden Ergebnissen. Frazer-Nash prognostiziert für das Jahr 2040 Stromkosten zwischen 87 und 129 britischen Pfund je Megawattstunde aus orbitalen Solaranlagen. Irdische Solarenergie kostet heute bereits 47 Pfund. Die NASA ist noch skeptischer: Ihre Studie sieht Weltraum-Solarstrom selbst im Jahr 2050 noch zwölf bis achtzig Mal teurer als konventionell erzeugten Strom.
Das erste vollständige System im All wird laut Frazer-Nash rund zehn Milliarden Euro kosten – bei erheblichen technischen Risiken.
Meta sucht Strom überall – auch in der Vergangenheit
Was die Partnerschaft mit Overview Energy in ein scharfes Licht rückt, ist der Kontext, in dem sie geschlossen wurde. Meta baut gerade in Ohio sein Gigawatt-Rechenzentrum „Prometheus" – eines der größten KI-Infrastrukturprojekte der Welt, das noch in diesem Jahr den Betrieb aufnehmen soll. Für dessen Stromversorgung setzt Meta ausgerechnet auf Kernkraft – eine Technologie, die niemand als futuristisch bezeichnet.

Das erzählt viel über den Zustand der Energiediskussion im Silicon Valley. Konzerne, die sich jahrelang als Pioniere der erneuerbaren Energien inszeniert haben, greifen in der KI-Ära auf Atomkraft zurück, während sie gleichzeitig Verträge mit Weltraum-Start-ups unterzeichnen. Die Bandbreite zwischen diesen beiden Strategien – Atomkraftwerk und Orbital-Laser – beschreibt die Verzweiflung hinter dem Energiehunger der KI präziser als jede Analystenprognose.
Der Deal ist ein Signal, keine Lösung
Was Meta mit Overview Energy unterschrieben hat, ist kein Energievertrag. Es ist eine Option auf eine Zukunft, die technisch und wirtschaftlich noch nicht existiert. „Durch diese Partnerschaft gehört Meta zu den ersten großen Technologieunternehmen, die sich Kapazitäten für Weltraum-Solarenergie gesichert haben", erklärt der Konzern. Das stimmt. Und es klingt besser, als es ist.
Gesicherte Kapazitäten in einer Technologie, die ihren ersten kommerziellen Test noch nicht absolviert hat, sind keine Kapazitäten. Sie sind eine Wette. Eine, die Overview Energy Legitimität verschafft, Investoren anzieht und das Thema aus dem Science-Fiction-Regal in die Finanzierungsrunden von Silicon Valley holt.
Ob 2030 tatsächlich der erste Strom aus dem Orbit in Metas Server fließt, wird vor allem der Demonstrationsflug 2028 entscheiden. Bis dahin bleibt die schönste Energieidee der Technologiebranche das, was sie schon seit Jahrzehnten ist: eine brillante Theorie mit einer langen Liste offener Fragen.