Hinter den Kulissen der Siemens-Zentrale in München vollzieht sich derzeit ein beispielloser Machtkampf um die Zukunft des deutschen Industrie-Flaggschiffs. Vorstandschef Roland Busch treibt sein Prestigeprojekt der „One Tech Company“ mit einer Härte voran, die intern für massive Schockwellen sorgt.
Was monatelang wie eine abstrakte Management-Floskel wirkte, nimmt in den internen Gremien des Tech-Riesen nun beängstigend konkrete Formen an. Bis zum Stichtag am 1. Oktober soll der unübersichtliche Konzernapparat radikal auf Effizienz getrimmt werden. Betroffen ist vor allem das Herzstück des Unternehmens: die hochprofitable Digitalschnittstelle.
Es handelt sich um „einen der größten Umbauten der vergangenen Jahre“, räumt ein Konzernsprecher die historische Dimension der Transformation ein. Doch der Preis für die totale Fokussierung auf die industrielle künstliche Intelligenz ist hoch. Die Belegschaft reagiert mit offener Verunsicherung auf die Pläne der Konzernleitung.
Die unbarmherzige Jagd nach Ineffizienzen erschüttert das Fundament der gesamten deutschen Stammbelegschaft
Die Dimensionen der Reorganisation sind atemberaubend und betreffen die Kernstrukturen des global agierenden Riesen. Allein auf dem deutschen Heimatmarkt stehen die Arbeitsplätze von mindestens 20.000 der insgesamt 87.000 Beschäftigten vor gravierenden Veränderungen. Titel werden gestrichen, Zuständigkeiten verschoben und ganze Abteilungen neu zugeordnet.
Eine Siemens-Sprecherin bestätigte offiziell, dass durch die fundamentale Reorganisation „etwas weniger als die Hälfte“ aller Stellen in Deutschland bewegt werden. Global erfasst das Beben sogar rund ein Viertel der gesamten Belegschaft – das entspricht rund 79.000 Mitarbeitern, die sich auf eine völlig neue Arbeitswelt einstellen müssen.
Besonders hart trifft es das mittlere und obere Management. Zahlreichen altgedienten Führungskräften droht durch die rücksichtslose Zusammenlegung von Berichtswegen der sofortige Verlust ihrer prestigeträchtigen „Chief“-Titel. Das Management versucht derweil, die Wogen zu glätten.
Der Vorstand gab den Arbeitnehmervertretern das formelle Versprechen ab, dass die historische Radikalkur ohne betriebsbedingten Stellenabbau umgesetzt werden soll. Doch an der Basis wächst das Misstrauen gegenüber den Versprechungen der Teppichetage täglich. „Vielen ist noch nicht klar, was die ‚One Tech Company‘ konkret für sie bedeutet“, warnt die stellvertretende Gesamtbetriebsratsvorsitzende Steffi Lengfelder sichtlich besorgt.

Die Zerschlagung des historischen Sparten-Egoismus soll den unkoordinierten Kundenservice endlich beenden
Das fundamentale Problem von Siemens ist ein typisches Leiden historisch gewachsener Großkonzerne. Über Jahrzehnte bildeten sich innerhalb des Apparats parallele Strukturen und bürokratische Silos aus, die weitgehend isoliert voneinander agierten und massive Ineffizienzen erzeugten.
Im schlimmsten Fall bedeutete dies für Großkunden, dass sie mit unzähligen verschiedenen Ansprechpartnern aus unterschiedlichen Einheiten verhandeln mussten, die intern nicht einmal Daten austauschten. „Wir wissen zu oft nicht: Was macht Einheit A beim Kunden, was Einheit B?“, kritisierte Konzernchef Roland Busch die unhaltbaren Zustände unlängst in einem Interview.
Damit ist jetzt Schluss. Die prestigeträchtige und traditionell margenstärkste Vorzeigesparte „Digital Industries“ (DI), die als technologisches Gehirn für Automatisierung und Industriesoftware fungiert, wird brutal halbiert.
Die bisherigen vier eigenständigen Geschäftseinheiten für Prozessautomatisierung, Fabrikautomatisierung und Motion Control werden aufgelöst und in einer einzigen Megastruktur namens „Automation“ zusammengeschweißt. Daneben bleibt lediglich die reine Softwareeinheit bestehen, die für digitale Zwillinge und KI-Lösungen zuständig ist. Aus vier mach zwei – so lautet das mathematische Urteil für das Herz des Konzerns.
Eine aggressive Zentralisierung des Vertriebs beschneidet die Autonomie der einzelnen Konzernfürsten
Zusätzlich zu dieser Radikalkur zieht Busch horizontale Machtebenen in das Konzerngefüge ein, welche die Autonomie der einzelnen Sparten wie „Smart Infrastructure“ oder „Mobility“ endgültig brechen sollen. Eine zentralisierte, spartenübergreifende Vertriebsorganisation sowie eine gemeinsame Forschungsabteilung werden über die klassischen Divisionen gestülpt.
Auch die Kernbereiche Finanzen, Personal, IT und Kommunikation werden horizontal über alle Sparten hinweg zwangsvernetzt. Das klare Ziel: Der Kunde soll künftig nur noch auf „ein Siemens“ treffen und im Idealfall nur noch einen einzigen zentralen Ansprechpartner besitzen.
Diese kompromisslose Transformation soll die nötige Schlagkraft freisetzen, um die weltweite Marktführerschaft bei industrieller KI zu zementieren. Siemens wittert in diesem Segment ein Milliardengeschäft. Ein Sprecher des Hauses beschreibt die aktuelle Stimmung in der Industrie gar euphorisch als echte „Goldgräberstimmung“.

Um diesen technologischen Anspruch zu untermauern, kaufte der Konzern bereits im vergangenen Jahr geballte Kompetenz in den USA ein. Vasi Philomin, der zuvor die Entwicklung der generativen KI beim Cloud-Riesen Amazon Web Services leitete, soll die Ambitionen als oberster Daten- und KI-Architekt vorantreiben.
Das gefährliche Spiel mit fehleranfälligen Algorithmen in der industriellen Fertigung erhöht den Leistungsdruck
Auf der Hannover Messe präsentierte Busch bereits stolz das neue technologische Flaggschiff des Konzerns: den „Eigen Engineering Agent“. Dieser hochentwickelte KI-Agent soll in Fabriken wie ein digitaler Büroleiter selbstständig Programmierungen vornehmen, Prozesse steuern und Fehleranalysen durchführen.
Doch das System birgt enorme Risiken für die Anwender. Während die sogenannten Halluzinationen eines Chatbots im normalen Büroalltag lediglich für Amüsement sorgen, können fehlerhafte Entscheidungen einer industriellen KI in einer automatisierten Fertigungshalle Schäden in Millionenhöhe verursachen oder ganze Produktionslinien dauerhaft lahmlegen.
Der technologische Quantensprung erhöht den Druck auf die Belegschaft massiv. „Die Jobs werden sich ändern und jeder muss lernen, mit den Technologien umzugehen“, stellte Roland Busch unmissverständlich klar. Um die Mitarbeiter krampfhaft auf den neuen Kurs einzuschwören, pumpt Siemens jährlich rund 400 Millionen Euro in interne Aus- und Weiterbildungsprogramme.
Finanziellen Rückenwind für das riskante Manöver geben die aktuellen Bilanzen. Nach einem historischen Rekordgewinn von 10,4 Milliarden Euro im Jahr 2025 meldete der Konzern auch für das zweite Quartel des laufenden Geschäftsjahres 2025/26 ein Umsatzplus von sechs Prozent auf 19,8 Milliarden Euro. Der Auftragseingang schoss sogar um 18 Prozent auf 24,1 Milliarden Euro nach oben.
Die liquidation der Nürnberger Softwaretochter Evosoft hinterlässt einen tiefen Kratzer im sauberen Image
Trotz der glänzenden Zahlen ist die Stimmung unter den Beschäftigten am Tiefpunkt. Für zusätzliche Unruhe sorgte die Nachricht über das endgültige Aus der Nürnberger Softwaretochter Evosoft. Der IT-Dienstleister wird komplett abgewickelt, wodurch bis zum Jahr 2027 rund 380 Angestellte ihren angestammten Arbeitsplatz verlieren.

Zwar betont die Gewerkschaft IG Metall, dass aufgrund bestehender Standort- und Beschäftigungssicherungsverträge keine betriebsbedingten Kündigungen drohen und man sich auf einen Sozialplan geeinigt habe, doch der psychologische Schaden in der Belegschaft ist immens. Das Vertrauen in die langfristigen Beschäftigungsgarantien des Vorstands bröckelt massiv.
Die Gewerkschaft trägt den historischen Konzernumbau zähneknirschend mit – allerdings nur unter der strikten Bedingung des absoluten Kündigungsschutzes. Tobias Bäumler, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats, kündigte bereits harten Widerstand an, falls der Vorstand die Grenzen überschreitet: Man werde „die geplanten Strukturen kritisch hinterfragen“.
Sollte Busches brutaler Masterplan jedoch aufgehen, wird Siemens im Oktober nicht mehr das Traditionsunternehmen sein, das es einmal war – sondern eine hocheffiziente, softwaregesteuerte Geldmaschine.