Seit seinem Amtsantritt im Dezember hat Argentiniens neuer libertärer Präsident Javier Milei einige wirtschaftliche Erfolge verbucht, die international Aufmerksamkeit erregen. Die Preise für in Dollar notierte Staatsanleihen haben sich nahezu verdoppelt und der kritisch beäugte Schwarzmarktkurs des Pesos hat sich stabilisiert. Zudem verkündete Milei diese Woche einen für Argentinien historischen Meilenstein: das erste Quartal mit einem Haushaltsüberschuss seit 2008 – ein Ereignis von "historischem, weltweitem Ausmaß". Doch trotz dieser positiven Signale bleibt die harte Realität auf den Straßen Buenos Aires' für viele unverändert.
Ein 27-jähriger Verkäufer von Reinigungstüchern, Rodrigo aus Moreno, berichtet von einer "sehr hässlichen Zeit". Die Austerität und Deregulierung, die den Markt optimistisch stimmen, haben zunächst die schlimmste wirtschaftliche Krise Argentiniens seit zwei Jahrzehnten vertieft. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte in den ersten beiden Monaten 2024 um 3,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, der Konsum der Verbraucher ist eingebrochen.
Investoren wie auch der Internationale Währungsfonds (IWF), der für dieses Jahr eine Schrumpfung um 2,8 Prozent und für das nächste Jahr ein Wachstum von 5 Prozent voraussagt, glauben dennoch an eine wirtschaftliche Trendwende. Milei hofft auf die Geduld der Argentinier, auch wenn diese im Alltag mit Entbehrungen zu kämpfen haben. Die von Milei vorgenommenen Wirtschaftsreformen und die Abwertung der Landeswährung um 54 Prozent im Dezember brachten eine Inflationsrate von 287 Prozent mit sich, während die Preise für alltägliche Waren auf europäisches Niveau kletterten.
Experten warnte davor, dass die bislang stabilen Zustimmungswerte für Milei im Falle zunehmender Proteste und Opposition im Parlament sinken könnten, was eine Stabilisierung der Wirtschaft weiter erschweren würde. Eine große Kundgebung gegen Kürzungen im öffentlichen Universitätswesen zog laut der Zeitung La Nación 430.000 Menschen an und sendete damit ein warnendes Signal an die Austeritätspolitik des Präsidenten.
Während Milei weiterhin knapp 50 Prozent Zustimmung genießt, zeigen Umfragen, dass selbst unter den Argentinieren, die mit ihrem Geld kaum über den Monat kommen, 30 Prozent den Präsidenten unterstützen – ein Phänomen, das auf tiefe Frustration über die ökonomische Führungsleistung vorheriger Regierungen zurückzuführen sein könnte. Analysten betonen indes, dass die Kontrolle der Inflation von entscheidender Bedeutung für die Geduld der Bevölkerung sein wird.
In den nächsten zwei Monaten stehen wichtige Entscheidungen an, die den wirtschaftlichen Kurs des Landes prägen werden. Sollte die Regierung weiterhin Haushaltsüberschüsse erzielen wollen, wird dies angesichts der Rezession eine Herausforderung darstellen. Dennoch glauben Ökonomen, dass das Schlimmste bald überstanden sein könnte. Exportorientierte Sektoren wie die Landwirtschaft könnten eine rasche Erholung begünstigen, während konsumabhängige Branchen langsamer aufholen.
Die Rindfleischindustrie, die einen Rekordexport seit 1967 verzeichnete, könnte als Vorbild einer exportgetriebenen Erholung stehen, während der inländische Konsum drastisch zurückgeht. Argentinien steht somit an einem wirtschaftspolitischen Wendepunkt, der entscheidend für die zukünftige Entwicklung des Landes sein wird.