Der Federstrich in Warschau markiert das Ende einer Ära und den Beginn einer hochgefährlichen finanziellen Verflechtung. Als am Freitag Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz und Finanzminister Andrzej Domanski ihre Unterschriften unter das Abkommen setzten, ging es um weit mehr als nur um Zahlen in einer Bilanz. Es ging um die Neuausrichtung der europäischen Sicherheitsarchitektur und die Frage, wie viel nationale Unabhängigkeit ein Land für seine Sicherheit opfern darf. Fast 44 Milliarden Euro fließen nun aus Brüssel in Richtung Weichsel – eine Summe, die selbst für das rüstungsbegeisterte Polen astronomisch anmutet.
Es ist eine Premiere mit Sprengkraft. Polen nutzt als erstes Mitgliedsland das Programm „Security Action For Europe“, kurz Safe. Dieser EU-Topf ist mit insgesamt 150 Milliarden Euro gefüllt und soll die chronisch unterfinanzierten Armeen des Kontinents fit für die Konfrontation mit Moskau machen. Doch der Goldregen aus Brüssel ist an Bedingungen geknüpft, die in der polnischen Innenpolitik einen regelrechten Flächenbrand ausgelöst haben. Premier Donald Tusk feiert das Abkommen als historischen Sieg, doch der Preis dafür könnte die politische Handlungsfreiheit des Landes sein.
Die gigantische Kreditaufnahme zementiert eine neue Ära der Abhängigkeit von Brüssel
Donald Tusk sparte bei der Unterzeichnungszeremonie nicht mit Pathos. „Das ist ein Wendepunkt in der Geschichte Polens und der EU“, erklärte der Ministerpräsident sichtlich zufrieden. Für ihn ist der Kredit der Beweis, dass Europa endlich bereit ist, Verantwortung für die eigene Verteidigung zu übernehmen. Doch hinter den Kulissen tobt ein Machtkampf, der die polnische Gesellschaft bis ins Mark erschüttert. Präsident Karol Nawrocki, ein erklärter Gegner der Tusk-Regierung, hatte zuvor versucht, das Vorhaben mit einem Veto zu stoppen. Sein Vorwurf wiegt schwer: Tusk begehe einen strategischen Fehler, der Polen langfristig an die Kandare der EU und vor allem an deutsche Interessen binden werde.
Nawrockis Argumentation stützt sich auf eine brisante Klausel im Kreditvertrag. Das Geld aus dem Safe-Programm ist primär für den Kauf europäischer Waffensysteme vorgesehen. In Warschau wird dies von den Nationalkonservativen als direkter Angriff auf die strategische Partnerschaft mit den USA gewertet. Bisher kaufte Polen bevorzugt in Washington und Seoul ein – von Abrams-Panzern bis hin zu Kampfjets. Nun zwingt der EU-Kredit das Land dazu, den Blick nach Westen zu richten, zu Rheinmetall, Airbus und Leonardo. Ein „Todesstoß für die Souveränität“, unken die Kritiker im Umfeld des Präsidenten.

Der Rüstungswettlauf an der Weichsel treibt das Staatsdefizit in ungeahnte Höhen
Die nackten Zahlen verdeutlichen die Dimension des polnischen Aufrüstungswahns. Bereits in diesem Jahr fließen 4,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Verteidigung – ein Spitzenwert innerhalb der Nato, der selbst die USA alt aussehen lässt. Mit den zusätzlichen 44 Milliarden Euro aus Brüssel will Warschau den „Schutzschild Ost“ vollenden: Moderne Raketenabwehr, Tausende neue gepanzerte Fahrzeuge und eine lückenlose Überwachung der Grenzen zu Belarus und Russland. „Der Kredit wird Polen sicherer machen“, betonte Tusk und verwies darauf, dass die EU nun zeige, dass sie „ihre Lektion aus der Geschichte gelernt hat“.
Doch die finanzielle Last ist erdrückend. Experten warnen davor, dass Polen sich in eine Schuldenspirale begibt, die kaum noch zu kontrollieren ist. Die Regierung Tusk hat einen juristischen Trick angewandt, um das Präsidial-Veto zu umgehen: Die Kreditaufnahme wird über einen bestehenden Mechanismus im Verteidigungsministerium abgewickelt, statt ein neues Gesetz durch das Parlament zu peitschen. Das ist politisches Hochrisikospiel. Es umgeht die demokratische Kontrolle und schafft vollendete Tatsachen, die bei einem Regierungswechsel kaum noch rückgängig zu machen sind.
Washington beobachtet den Warschauer Kurswechsel mit wachsendem Argwohn
Nicht nur in Warschau, auch in Washington herrscht Irritation. Wenn Polen, der bisher verlässlichste Käufer amerikanischer Rüstungsgüter in Europa, plötzlich Milliarden in europäische Projekte umleitet, verändert das die transatlantische Statik. Präsident Nawrocki warnte explizit davor, die USA zu verärgern. Der Vorrang für europäische Anbieter bei Waffenkäufen, der in den Kreditbedingungen verankert ist, könnte die Beziehung zum wichtigsten Sicherheitsgaranten belasten. In einer Zeit, in der die Bedrohung durch Russland so real ist wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr, ist ein Riss in der Allianz das Letzte, was Warschau gebrauchen kann.

Die Unterzeichnung durch die EU-Kommissare Piotr Serafin und Andrius Kubilius ist daher auch als klares Signal an den Kreml zu verstehen. Brüssel will zeigen, dass man gewillt ist, die Verteidigungsfähigkeit der Mitgliedstaaten mit massiven Finanzspritzen zu stützen. Doch für Polen bleibt ein fader Beigeschmack. Das Land, das sich jahrelang gegen die Zentralisierungsgelüste der EU-Kommission gewehrt hat, hängt nun am Tropf der europäischen Finanzbürokratie. Wer zahlt, schafft an – diese alte Weisheit könnte für die polnische Verteidigungspolitik bald bittere Realität werden.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Sicherheit im 21. Jahrhundert nicht nur mit Panzern, sondern vor allem mit Krediten erkauft wird. Polen hat sich für den schnellen Weg der Aufrüstung entschieden, doch die Zinsen dafür könnten weit über den rein monetären Bereich hinausgehen. Der „Wendepunkt“, den Tusk beschwört, könnte sich als eine Sackgasse erweisen, in der die nationale Souveränität zugunsten einer europäischen Verteidigungsidentität geopfert wird.