UPS-Chefin Carol Tomé hat am Dienstag in Atlanta verkündet, der Logistikkonzern sei über den Berg. Sie erwarte für das zweite Quartal eine Rückkehr zum Wachstum bei Umsatz und operativem Gewinn. Das erste Quartal sei eine entscheidende Übergangsphase gewesen, in der mehrere strategische Maßnahmen umgesetzt werden mussten – „und das haben wir geschafft", so die Managerin.
Die Börse sieht das offensichtlich anders. Die UPS-Aktie gab im vorbörslichen US-Handel nach. Diese Reaktion ist bemerkenswert, denn UPS hatte zu Jahresbeginn die Markterwartungen übertroffen und sieht sich auf Kurs zu den gesteckten Zielen. Wenn ein Unternehmen die Prognosen schlägt und Zuversicht ausstrahlt, steigt normalerweise die Aktie. Dass sie fällt, deutet auf Skepsis hin.
Der US-Konzern bestätigte seine Jahresziele: Der Umsatz soll 2026 von 88,7 auf rund 89,7 Milliarden Dollar steigen. Die bereinigte Gewinnmarge soll 9,6 Prozent betragen, nach im Jahr 2025 erzielten 9,8 Prozent. Diese Zahlen werfen Fragen auf.
Ein Umsatzwachstum von einer Milliarde auf 88,7 Milliarden Basis
Rechnen wir nach: Von 88,7 auf 89,7 Milliarden Dollar ist ein Anstieg um eine Milliarde. Das entspricht einem Wachstum von 1,1 Prozent. In einem globalen Logistikmarkt, der von E-Commerce getrieben wird und historisch deutlich stärker wächst, ist das mager.
Zum Vergleich: Die US-Inflation liegt weiterhin im Bereich von zwei bis drei Prozent. Ein nominales Umsatzwachstum von 1,1 Prozent bedeutet real stagnierende oder sogar schrumpfende Erlöse. Für einen Konzern, der sich "über den Berg" wähnt, ist das eine schwache Performance.
Die sinkende Gewinnmarge verstärkt den Eindruck. Von 9,8 Prozent in 2025 auf 9,6 Prozent in 2026 mag wie ein Rundungsfehler klingen. Doch bei einem Umsatz von knapp 90 Milliarden Dollar bedeuten 0,2 Prozentpunkte weniger Marge etwa 180 Millionen Dollar weniger operativen Gewinn. Das ist kein Pappenstiel.
Tomés Rhetorik – "über den Berg", "Rückkehr zum Wachstum", "strategische Maßnahmen erfolgreich umgesetzt" – klingt nach Turnaround. Die Zahlen zeichnen ein anderes Bild: Mini-Wachstum, schrumpfende Margen, vage Formulierungen.
Die "entscheidende Übergangsphase" bleibt nebulös
Tomé spricht von einer "entscheidenden Übergangsphase" im ersten Quartal, in der "mehrere strategische Maßnahmen" umgesetzt werden mussten. Doch welche Maßnahmen genau? Die Mitteilung schweigt sich aus.
In der Unternehmenskommunikation ist das ein Warnsignal. Wenn Maßnahmen erfolgreich waren und konkrete Ergebnisse liefern, werden sie detailliert kommuniziert. Wenn sie vage bleiben, deutet das entweder auf Misserfolge hin, die verschleiert werden sollen, oder auf Maßnahmen, die noch keine messbaren Resultate gebracht haben.
"Übergangsphase" ist zudem ein Euphemismus. Es bedeutet: Die Zahlen sind noch nicht gut, aber wartet mal ab, bald wird's besser. Investoren haben solche Versprechen schon oft gehört – und wurden oft enttäuscht.

Die Tatsache, dass UPS im ersten Quartal die Markterwartungen übertroffen hat, relativiert sich, wenn man bedenkt, dass die Erwartungen nach schwachen Vorquartalen möglicherweise ohnehin niedrig angesetzt waren. Eine niedrige Latte zu überspringen, ist kein Kunststück.
Der Logistikmarkt ist härter geworden
UPS operiert in einem Markt, der sich fundamental verändert hat. Amazon baut seine eigene Logistikinfrastruktur massiv aus und ist längst nicht mehr auf externe Dienstleister wie UPS angewiesen. Das entzieht UPS Volumen und Margen.
Gleichzeitig intensiviert sich der Wettbewerb mit FedEx. Beide Konzerne kämpfen um dieselben Unternehmenskunden, drücken sich gegenseitig die Preise und leiden unter Überkapazitäten. Die Pandemie hatte den E-Commerce befeuert und Logistiker zu massiven Investitionen veranlasst. Doch das explosive Wachstum ist vorbei, die Kapazitäten bleiben.
In diesem Umfeld ein Umsatzwachstum von 1,1 Prozent zu prognostizieren, bedeutet faktisch Marktanteilsverluste. Der Markt wächst schneller, UPS wächst langsamer. Die Differenz geht an Wettbewerber.
Die sinkende Gewinnmarge deutet zudem auf Preisdruck hin. UPS muss offensichtlich Zugeständnisse machen, um Kunden zu halten oder zu gewinnen. Das ist kein Zeichen von Stärke, sondern von Defensive.
Tomés Optimismus wirkt deplatziert
Carol Tomé hat UPS seit 2020 geführt und war zunächst erfolgreich. Doch die letzten Quartale zeigten Schwäche. Ihre Aussage, UPS sei "über den Berg", wirkt vor diesem Hintergrund wie ein Versuch, Zuversicht zu projizieren, wo die Zahlen Vorsicht gebieten.
Die Reaktion der Aktie im vorbörslichen Handel spiegelt diese Diskrepanz wider. Investoren hören die Worte, sehen die Zahlen und entscheiden sich für die Zahlen. Ein Umsatzwachstum von 1,1 Prozent bei sinkender Marge rechtfertigt keine Kursgewinne.
Interessant wird sein, wie sich das zweite Quartal tatsächlich entwickelt. Tomé hat versprochen, dass Umsatz und operativer Gewinn zurückkehren zum Wachstum. Das ist eine klare Ansage, an der sie gemessen werden wird.
Sollte Q2 enttäuschen, dürfte der Druck auf die CEO massiv steigen. Sollte Q2 liefern, könnte die aktuelle Skepsis als übertrieben erscheinen. Doch vorerst gilt: Die Börse vertraut Tomés Worten nicht – und das aus gutem Grund.