Der Wind hat sich gedreht – und er weht mit Orkanstärke in die Segel von Siemens Energy. Wo vor wenigen Jahren noch tiefe Sorgenfalten über milliardenschwere Verluste der Windtochter Gamesa und bittere Bittgänge nach Staatsgarantien die Schlagzeilen dominierten, herrscht heute nackte Euphorie. Der Münchner Energietechnik-Riese hat sich binnen kürzester Zeit vom Sanierungsfall zum unangefochtenen Superstar des deutschen Aktienindex Dax gewandelt. Die Veröffentlichung der endgültigen Zahlen für das zweite Quartal gleicht einer Machtdemonstration, die das gesamte Frankfurter Parkett erzittern lässt.
Der operative Mittelzufluss, das Herzblut eines jeden Industriekonzerns, ist nicht nur gestiegen – er ist explodiert. Um sagenhafte 42 Prozent schoss der Cashflow vor Steuern im Zeitraum von Januar bis März nach oben und landete bei fast zwei Milliarden Euro. Diese Flut an Liquidität ermöglicht es Christian Bruch, die Daumenschrauben für Leerverkäufer anzuziehen und den Aktionären ein Geschenk zu machen, das im aktuellen Marktumfeld seinesgleichen sucht. Bis zum Herbst zieht der Konzern seine Aktienrückkäufe massiv vor und pumpt eine zusätzliche Milliarde Euro in das Programm. Insgesamt fließen allein in diesem Geschäftsjahr 3,6 Milliarden Euro an die Anteilseigner zurück.
Die Gier des Silicon Valley befeuert den deutschen Rekordauftrag
Hinter diesem plötzlichen Reichtum steht eine globale Entwicklung, die Siemens Energy fast im Alleingang zur neuen Kursrakete macht: Der unersättliche Energiehunger der Künstlichen Intelligenz. In den USA investieren Big-Tech-Giganten wie Microsoft, Google und Meta derzeit Milliarden in neue Rechenzentren. Diese digitalen Fabriken brauchen zwei Dinge im Überfluss: Gewaltige Mengen an Strom und hocheffiziente Kühlsysteme. Hier kommt die deutsche Ingenieurskunst ins Spiel.
„Etwa jede vierte Gasturbine, die Siemens Energy verkauft, ist für ein Rechenzentrum bestimmt“, so CEO Christian Bruch.
Es ist ein lukratives Nischengeschäft, das sich zum Massenmarkt entwickelt hat. Während der stärkste Konkurrent GE Vernova im eigenen US-Heimatmarkt unter Druck gerät, sammeln die Münchener einen Rekordauftrag nach dem nächsten ein. Satte 17,7 Milliarden Euro an neuen Bestellungen flossen allein im letzten Quartal in die Bücher – das ist fast eine Verdopplung im Vergleich zum Zeitraum vor zwei Jahren. Der gesamte Auftragsbestand ist mittlerweile auf die unvorstellbare Summe von 154 Milliarden Euro angewachsen.
Doch es ist nicht nur die reine Energieerzeugung, die die Kassen füllt. Der Ausbau der globalen Hochspannungsnetze, das Rückgrat der Energiewende, erweist sich als zweite Goldgrube. Transformatoren und Schaltanlagen werden weltweit händeringend gesucht, um die unbeständigen erneuerbaren Energien überhaupt transportieren zu können. Siemens Energy sitzt hier an der Quelle und nutzt die Knappheit, um Margen durchzusetzen, von denen man in der Windkraft-Sparte jahrelang nur träumen konnte.
Der Vernichtungsschlag gegen die Gamesa Krise zeigt Wirkung
Die größte Überraschung verbirgt sich jedoch in den Trümmern der Vergangenheit. Die Windkraft-Tochter Siemens Gamesa, die das Unternehmen 2023 an den Rand des Abgrunds trieb, scheint den Todesstoß überlebt zu haben. Die verheerenden Qualitätsprobleme bei Onshore-Windrädern werden sukzessive abgearbeitet. Im vergangenen Quartal lag der Verlust bei „nur noch“ 44 Millionen Euro. Was für andere Unternehmen ein Desaster wäre, ist für Siemens Energy ein Triumph der Disziplin: Vor zwei Jahren war das Loch in der Bilanz noch zehnmal so tief.
Christian Bruch steuert den Konzern nun mit harter Hand in Richtung Profitabilität. Die Prognose für den Cashflow im Gesamtjahr wurde spektakulär angehoben – von ursprünglich vier bis fünf Milliarden auf bis zu acht Milliarden Euro. Dass der Konzern in der Marktkapitalisierung mittlerweile SAP und dem ehemaligen Mutterkonzern Siemens auf den Fersen ist und Platz 3 im Dax belegt, ist Ausdruck dieser neuen Resilienz. „Das Marktumfeld bleibt trotz geopolitischer Unsicherheiten sehr positiv“, erklärt Bruch und lässt damit keinen Zweifel daran, dass der Turnaround geschafft ist.
Trotz der glänzenden Zahlen bleibt ein Wermutstropfen im Bereich der Offshore-Windkraft. Hier kämpfen viele Projekte mit steigenden Kosten und sinkender Rentabilität, was die Auftragszahlen leicht dämpfte. Bruch fordert daher bessere Investitionsbedingungen, insbesondere in Europa, um den strategisch wichtigen Bereich nicht zu verlieren. Doch im Moment scheint der Boom bei Gas und Netzen alle anderen Sorgen wegzuspülen. Siemens Energy ist nicht mehr das Sorgenkind der Nation, sondern die treibende Kraft einer neuen, energiehungrigen Ära. Die Pointe dieser Entwicklung ist fast schon ironisch: Ausgerechnet die Gaskraft, die viele bereits abgeschrieben hatten, finanziert nun den Weg in die grüne Zukunft.