Die gegenwärtige Marktlage ist für Airbnb keineswegs rosig. Doch gerade das könnte ein guter Zeitpunkt für Anleger sein, um erneut einen Blick auf das Unternehmen zu werfen.
In den vergangenen sechs Monaten hat die Aktie des Pioniers im Bereich der Zimmervermietung ein Viertel ihres Marktwerts verloren und gehört damit zu den größten Verlierern unter den Internet-Großkonzernen. Auch im Jahresvergleich sieht der Trend kaum besser aus: Airbnb verzeichnet einen Kursrückgang von 10 % und ist damit das einzig negativ performende Wertpapier innerhalb der S&P 500 Hotels, Resorts und Kreuzfahrtlinien.
Airbnb hat eine einzigartige Stellung, indem es die Bereiche Reisen, Online-Handel und Gig-Ökonomie miteinander verbindet und das Konzept, Zimmer oder Häuser an Fremde zu vermieten, massentauglich gemacht hat. Bis Ende letzten Jahres hatten sich mehr als fünf Millionen Gastgeber auf der Plattform angemeldet, und die Anzahl der Gästeankünfte erreichte 1,5 Milliarden.
Allerdings macht diese Skalierung das Unternehmen auch anfällig für die gleichen wirtschaftlichen Trends, die etablierte Akteure im Bereich Reisen und Unterhaltung beeinflussen. Nach einer Periode stark erhöhter Ausgaben für Reisen infolge von Covid-19, schränken Verbraucher in den USA und anderswo nun ihre Ausgaben ein.
"Nach Covid-19 haben die Verbraucher all ihr Geld ausgegeben und sind nun verstärkt auf Kredit angewiesen", erklärte Hilton-CEO Chris Nassetta bei einer Gewinnbesprechung. Airbnb-CEO Brian Chesky bemerkte derweil "kürzere Buchungszeiten und Anzeichen von rückläufiger Nachfrage bei US-Gästen."
Keine glückliche Zeit für die Unterbringungsbranche, könnte man meinen. Dennoch hat Airbnb bessere Zukunftsaussichten als viele seiner Mitbewerber. Der Online-Reisegigant wird in diesem Jahr voraussichtlich ein Wachstum der Bruttobuchungen von fast 11 % verzeichnen, verglichen mit nur 4 % bis 6 % bei Konkurrenten wie Expedia und Bookings.com. Auch wird Airbnb ein zweistelliges Umsatzwachstum für mindestens die nächsten vier Jahre prognostiziert, während Marriott und Hilton nur auf 5 % bis 8 % jährlich kommen sollen.
Doch keine dieser Aktien hat so stark gelitten wie die von Airbnb. Dies liegt teilweise daran, dass Airbnb relativ neu auf dem Markt ist und in einer Zeit extremer Schwankungen der Reisebranche an die Börse ging. Das Fehlen einer langfristigen Betriebshistorie lässt Investoren oft nur kurzfristige Daten zur Bewertung. "Die Menschen wissen nicht genau, wie das Unternehmen weiter wachsen wird", erläutert Analyst Richard Clarke von Bernstein Research. "Der Markt extrapoliert einfach die jüngsten Wachstumszahlen."
Nur etwa ein Viertel der Analysten empfiehlt Airbnb als Kauf. Clarke ist einer von ihnen und weist in seinem Bericht darauf hin, dass Airbnb von einer Übernachfrage nach Unterkünften profitiert.
Trotz seiner gegenwärtigen Dimensionen hat Airbnb noch viel Wachstumspotenzial. Laut Chesky könnten die Buchungen von einer halben Milliarde Nächten pro Jahr auf eine Milliarde steigen, wenn nur ein Gast von einem Hotel zu Airbnb wechselt.
Zusätzlich plant Airbnb die Einführung neuer Dienstleistungen. Eine „Winterveröffentlichung“ im Oktober soll den Weg für Gastgeberservices und andere Neuerungen ebnen. Neue Dienste wie ein Marktplatz für Gastgeber, neue Reisedienste für Gäste und gesponserte Anzeigen könnten das Geschäftsmodell von Airbnb diversifizieren.
Natürlich wird dies Zeit brauchen. Laut Kevin Kopelman von TD Cowen könnten neue Dienste im nächsten Jahr jedoch bereits 2 Prozentpunkte zum Umsatzwachstum beitragen. Momentan wird Airbnb fast zum historischen Tiefststand von 17-mal des geschätzten freien Cashflows gehandelt – ein Abschlag von mehr als 20 % im Vergleich zu Gig-Ökonomie-Größen wie Uber und DoorDash. Airbnb zählt zudem zu Bernsteins am wenigsten überfüllten Internet- und Medienstocks, vergleichbar mit Etsy, dessen Bruttowarenumsatz seit zwei Jahren rückläufig ist. Ein erneuter Blick auf Airbnb dürfte Anlegern also kaum schlaflose Nächte bereiten.