Der gefürchtete Stichtag verwandelt sich in eine Kaufparty
Seit SpaceX im Juni an die Börse ging, hatte die Wall Street mit Bangen auf den 6. August geblickt. An diesem Tag lief die erste Sperrfrist aus, die frühe Investoren am Verkauf ihrer Aktien gehindert hatte, und Millionen Aktien drohten den Markt zu überschwemmen. Die Sorge erwies sich als unbegründet.
Seit dem Ende der Sperrfrist legte die SpaceX-Aktie einen regelrechten Höhenflug hin, binnen nur fünf Handelstagen kletterte der Kurs um 35 Prozent, was der Marktkapitalisierung rund 500 Milliarden Dollar hinzufügte und die Aktie zurück über ihren ursprünglichen Ausgabepreis von 135 Dollar katapultierte. Der Kurssprung widerlegte damit sämtliche Befürchtungen vor einer drohenden Verkaufswelle und gab Investoren Zuversicht, dass auch künftige Sperrfristablaufe weniger schmerzhaft ausfallen könnten als befürchtet.
Investoren atmen auf nachdem die größte Unbekannte verschwunden ist
Andrew Plum, Managing Partner und Leiter des Investmentkomitees bei Loxahatchee Capital, das SpaceX-Aktien hält, brachte die Erleichterung auf den Punkt. Man habe die große Hürde genommen, nämlich die Unbekannte, so Plum. Der Markt preise negative Ereignisse mitunter zu stark ein, während er auf das Eintreten der entsprechenden Information warte, und am Ende falle das tatsächliche Ergebnis meist weniger schlimm aus als befürchtet.
Der bisherige Börsenweg von SpaceX war alles andere als geradlinig verlaufen. Nach der Preisfestsetzung des Rekord-Börsengangs über 86 Milliarden Dollar am 11. Juni schoss die Aktie in den ersten Handelstagen zunächst nach oben, bevor sie die Richtung wechselte und bis Anfang August mehr als eine Billion Dollar an Marktwert wieder verlor. Der Ablauf der Sperrfrist sollte eigentlich eine weitere Gefahrenstelle markieren, entpuppte sich am Ende aber lediglich als kurzer Ausrutscher.
Ein neunstufiges Freigabesystem soll den Markt vor Schocks schützen
Anders als bei den meisten Börsengängen, bei denen Insidern üblicherweise für 180 Tage der Verkauf untersagt ist, wählte SpaceX angesichts seiner schieren Größe und des Risikos, den Markt zu erschüttern, ein deutlich komplexeres Verfahren. Management und Banken staffelten die Freigaben der gesperrten Aktien über eine neunstufige Struktur.

Die jüngste Freigabe war zugleich die größte einzelne Tranche, 911,5 Millionen Aktien wurden freigegeben, mehr als beim ursprünglichen Börsengang überhaupt verkauft worden waren. Die nächste Freigabe steht bereits am 20. August an und bringt bis zu 319 Millionen weitere Aktien auf den Markt, rund 7 Prozent der insgesamt noch gesperrten Aktienmenge. Ähnliche Siebenprozent-Tranchen werden in den kommenden Monaten sukzessive freigegeben, bevor schließlich im Juni 2027 auch Elon Musks eigener Aktienblock von 6,4 Milliarden Aktien entsperrt wird.
Der eigentliche Auslöser des Kursrutsches war gar nicht die Sperrfrist selbst
Bemerkenswerterweise fiel die Aktie bereits am Tag vor Ablauf der Sperrfrist um 14 Prozent, doch der eigentliche Schuldige dafür war offenbar gar nicht die bevorstehende Freigabe, sondern der erste Quartalsbericht des Unternehmens, insbesondere höher als erwartete Investitionsausgaben für Künstliche Intelligenz. Gleichzeitig enthielten die Zahlen aber auch positive Überraschungen, darunter einen deutlichen Umsatzüberschuss sowie einen besser als erwarteten Verlust je Aktie, Faktoren, die vermutlich zusätzlich zur anschließenden Erholung des Kurses beitrugen.
Gene Munster, Managing Partner bei Deepwater Asset Management, das ebenfalls SpaceX-Aktien hält, beschrieb die Stimmung im eigenen Haus vor der Freigabe als regelrechten Ausnahmezustand. Wäre die Aktie damals bei 225 Dollar notiert, hätte sie sich vermutlich dem allgemeinen negativen Trend gebeugt, so seine Einschätzung. Sobald Investoren nach dem ersten Handelstag erkannt hätten, dass kein Ausverkauf drohe, hätten sie das vergangene Quartal neu bewertet und festgestellt, dass sich die Dinge tatsächlich positiv entwickelten, ergänzte Munster.
Musk verspricht auf dem Earnings Call einmal mehr Gewaltiges
Wie so oft ließ es sich auch Firmenchef Elon Musk beim Analystencall nicht nehmen, kühne Prognosen zu wagen. Er erwarte, dass der Umsatz von SpaceX bis Jahresende eine annualisierte Rate von mehr als 100 Milliarden Dollar erreiche, und bis 2030, möglicherweise sogar bereits 2029, eine Billion Dollar Umsatz. Solche Ankündigungen befeuerten die ohnehin schon optimistische Stimmung zusätzlich.

Plum sieht in den überraschend guten Zahlen sogar das eigentliche Gegenmittel gegen den Verkaufsdruck aus der Sperrfristfreigabe. Sehr gute Finanznachrichten des Unternehmens zögen neue Käufer auf dem aktuellen Kursniveau an, was es den Altaktionären erlaube, ihre Anteile zu einem angemessenen Preis abzugeben, ohne den Kurs übermäßig zu belasten, so Plum.
Eine Fangemeinde die eher an Musk glaubt als an die Bilanz
Manche Investoren zeigten sich wenig überrascht, dass sich SpaceX nach der Sperrfristfreigabe anders verhielt als andere Aktien. Während solche Ereignisse üblicherweise Druck auf die betroffenen Papiere ausüben, könnte Musks Popularität die Spielregeln verändert haben. David Wagner, Portfoliomanager bei Aptus Capital Advisors, das ebenfalls SpaceX-Aktien besitzt, vermutet, die frühe Investorenbasis sei weniger den fundamentalen Marktdaten treu als vielmehr Elon Musk und seiner Vision. Diese Anlegerbasis könnte deshalb widerstandsfähiger sein als üblicherweise angenommen, da es sich eher um eine Wette auf Musk handle als um eine Wette auf kurzfristige Gewinne, operative Umsetzung oder freien Cashflow, so Wagner.
Auch der Umstand, dass die Aktie vor der Sperrfristfreigabe bereits deutlich unter ihrem Ausgabepreis notierte, dürfte laut Munster geholfen haben. Er erwartet, dass sich ein ähnliches Handelsmuster auch bei künftigen Sperrfristablaufen zeigen könnte, ein Kursrückgang im Vorfeld, gefolgt von einer Erholung danach, sofern Insider nicht überstürzt versuchen, ihre Anteile abzustoßen.
Für Anleger bleibt vor allem eines sicher, hohe Schwankungen
Unterm Strich sollten sich SpaceX-Investoren auf weiterhin ausgeprägte Kursschwankungen einstellen, während in den kommenden Monaten immer mehr Aktien auf den Markt kommen und sich die Erzählung rund um das Unternehmen weiterentwickelt. Rhys Williams, Chefstratege bei Wayve Capital Management, erwartet, dass die Aktie weiterhin zwischen der Angst vor einer vielversprechenden, aber cashfluss-mäßig noch Jahre entfernten Geschichte und der Gier hin und her pendeln werde, sobald Investoren sich erneut von Musks Vision begeistern lassen. Bullen könnten weiterhin von der großen Vision träumen, während Bären sich auf die enormen Investitionsausgaben konzentrieren dürften, so Williams.



