Wann ein guter Titel trotzdem zum Verkaufskandidaten wird
Bei ASML sprach eigentlich wenig für einen Verkauf. Der Konzern beherrscht den Weltmarkt für Lithografiemaschinen, ohne die sich moderne Halbleiter kaum herstellen lassen, das Geschäft lief, die Aussichten waren gut. Genau das machte Johannes Hesche Sorgen. Der Fondsmanager der Frankfurter Fondsgesellschaft Acatis hielt die Aktie mehr als ein Jahr. Der Kurs lief den Erwartungen davon. Erst senkte Hesche die Position von rund vier auf zwei Prozent, später löste er sie ganz auf.

Seine Regel: Entscheidend ist nicht, wie stark eine Aktie schon gestiegen ist, sondern was man ihr jetzt noch zutraut. Steigt der Kurs schneller, als es die Geschäftsaussichten rechtfertigen, kann auch ein hervorragendes Unternehmen zum Verkaufskandidaten werden.
Aktuell stellen sich viele Anleger dieselbe Frage. Der S&P 500 legte über drei Jahre um fast 80 Prozent zu, der Dax um gut 60 Prozent, der MSCI World um rund 70 Prozent. Getragen wurde das zuletzt von der KI-Euphorie, obwohl unklar ist, ob und wann sich die Milliardeninvestitionen in Gewinne verwandeln. Dazu kommt eine schmale Basis: Der MSCI World bildet rund 1.300 Werte ab, aber die fünf größten Positionen machen fast 20 Prozent aus, doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Erfüllen sich die KI-Hoffnungen nicht, schlägt das schnell durch.
Die Psychologie steht im Weg
Was theoretisch einleuchtet, fällt in der Praxis schwer. Finanzpsychologin Monika Müller aus Wiesbaden nennt den Grund: Bei gut gelaufenen Positionen sei die Sorge groß, dass der Kurs nach dem Verkauf weiter steigt und man Gewinne verpasst. Diese „Regret Aversion“, die Angst, eine Entscheidung später zu bereuen, halte viele länger im Papier, als es sinnvoll wäre.
Helfen können feste Regeln, die man sich vorher setzt. Teilverkäufe seien im Rahmen einer Strategie durchaus nützlich, so Müller, sie vermeiden Klumpenrisiken und bringen das Portfolio ins Gleichgewicht. Nebenbei entfällt der Druck, den perfekten Zeitpunkt zu treffen, was ohnehin fast nie gelingt.
Strategie 1: Position stutzen statt ganz verkaufen
Titus Schlösser von der Vermögensverwaltung Portfolio Concept in Köln versteht Gewinnmitnahmen als festen Teil des Anlageprozesses. Aktien, die sich über Jahre besonders gut entwickeln, gewinnen im Depot automatisch an Gewicht. Es gehe nicht darum, einem Unternehmen plötzlich die Zukunft abzusprechen, sondern darum, sich nicht zu stark von einem einzelnen Wert abhängig zu machen.
Das Prinzip ist einfach: Wächst eine Aktie durch Kursgewinne von fünf auf zehn Prozent des Depots, verkauft man die Hälfte der Position. Ein Teil der Gewinne ist gesichert, man bleibt trotzdem dabei, falls der Kurs weiter steigt. Schlösser nutzte das zuletzt bei Energiewerten wie Shell, die im Zuge des Iran-Kriegs stark gestiegen waren, und steckte das Geld in einen Sektor, der unter den hohen Energiepreisen gelitten hatte. Als grobe Richtgröße nennt er für Privatanleger maximal fünf Prozent Depotanteil je Einzelposition.
Das nennt man Rebalancing. Es funktioniert nur, wenn man eine Zielaufteilung hat. Sollen etwa höchstens 40 Prozent des Depots in Technologie stecken, muss man den Anteil regelmäßig prüfen. Ständiges Hin und Her lohnt sich aber nicht: Gebühren fallen an, und Gewinne müssen versteuert werden.
Strategie 2: Nach Bewertung verkaufen, nicht nach Kurs
Hesche plant Verkäufe weniger am Kurs als an der Bewertung. Er kauft nur, wenn eine Aktie unter seinem selbst berechneten fairen Wert notiert. Dafür schätzt er die künftigen Gewinne und rechnet sie auf heute ab. Nähert sich der Kurs diesem Wert, prüft er die Position neu. Wie viel Gewinn bis dahin aufgelaufen ist, spielt keine Rolle.

Am Beispiel Moderna zeigt er, wie das aussieht. Der Kurs sprang zuletzt nach positiven Studiendaten zu einem Krebsimpfstoff. Für Hesche ist das ein Grund, die Bewertung sofort zu hinterfragen: Sind die neuen Informationen wirklich so viel wert, wie der Kursanstieg suggeriert?
Schwieriger ist es, wenn nicht der Kurs davonläuft, sondern das Unternehmen schwächelt. Beim Schokoladenhersteller Lindt stieg der Umsatz, doch Hesche fragte nach: Wurden tatsächlich mehr Tafeln verkauft, oder nur höhere Preise für dieselbe Menge verlangt? Er beobachtet auch das Management. Werden die Aussagen von Quartal zu Quartal vorsichtiger oder verfehlt der Vorstand wiederholt seine Ziele, wartet er noch einige Monate. Wächst der Umsatz weiter kaum und ist keine Besserung in Sicht, verkauft er.
Eine Kontrollfrage für jeden Anleger: Würde ich die Aktie zum heutigen Kurs noch einmal kaufen? Wenn nicht, spricht das für einen Verkauf.
Stop-Loss: Nützlich, aber mit Risiken
Wer nicht sofort verkaufen will, kann sich per Stop-Loss-Order absichern. Der Broker verkauft automatisch, sobald der Kurs eine Schwelle erreicht. Das begrenzt Verluste oder sichert Gewinne.
Schlösser hält davon wenig. Wer die Schwelle etwa 15 Prozent unter das letzte Hoch setzt, riskiert den Verkauf schon bei einem heftigen Tagesverlust. Dreht danach die Nachrichtenlage und der Kurs erholt sich schnell, ist man nicht mehr dabei. Er räumt aber einen Vorteil ein: Für Anleger, die nicht ständig aufs Depot schauen oder länger im Urlaub sind, kann die Order Kontrolle geben. Die Schwelle sollte dann nicht zu eng gesetzt werden.

Warum der Blick zurück trügt
Halbleiter wie Nvidia, TSMC oder Broadcom haben eine beeindruckende mehrjährige Rally hinter sich. Alle drei sind in den vergangenen drei Jahren mindestens einmal um mehr als ein Drittel vom Hoch abgestürzt. Selbst weit unter dem Hoch gesetzte Verkaufsaufträge hätten die Rally nicht voll mitgenommen. Auch die Bewertung hätte in die Irre geführt: Anfang 2023 notierte Nvidia zum mehr als 80-fachen Gewinn, der langjährige Durchschnitt der Nasdaq liegt bei knapp 30. Die Rally ging trotzdem weiter.
In Wachstumsbranchen zählt deshalb der Blick nach vorn. Eine hohe Bewertung relativiert sich, wenn die Gewinnerwartungen mit dem Kurs mithalten. Gemessen an den erwarteten Gewinnen sehen manche Aktien heute sogar günstiger aus als vor sechs oder zwölf Monaten, sagt Hesche. Das Risiko: Die Erwartungen müssen sich erst erfüllen. Bei Chipherstellern hängt viel davon ab, wie lange die Kunden bereit und in der Lage sind, immer mehr in Rechenzentren zu investieren. Dass alle Gewinner der Branche die eingepreisten Erwartungen erfüllen, hält Hesche für schwierig.
Wie schnell enttäuschte Erwartungen den Kurs drücken, zeigt Novo Nordisk. Schlösser hielt die Aktie lange, trennte sich aber, nicht weil sie stark gestiegen war, sondern weil die Erfolgsstory nicht mehr weiterlief. Im US-Markt wuchs die Konkurrenz bei Diabetes- und Abnehmmitteln, irgendwann rechtfertigten die Aussichten die Bewertung nicht mehr. Den typischen Fehler von Privatanlegern sieht er im Blick in den Rückspiegel: „Die Aktie ist 40 Prozent gestiegen“ ist so wenig ein Argument fürs Halten wie „Ich liege 15 Prozent im Minus“ ein Argument gegen den Verkauf.

Bleibt die Bewertung gemessen an den Aussichten attraktiv, spricht nichts dagegen, Gewinne laufen zu lassen. Gewinnmitnahmen sind dann eher ein taktisches Mittel zur Risikobegrenzung.
Wohin mit dem Geld?
Nach dem Verkauf kommt die nächste Entscheidung. Wer das Geld auf dem Konto liegen lässt oder in Anleihen steckt, senkt automatisch seine Aktienquote. Anleger sollten sich fragen, ob sie das wollen, sagt Schlösser.
Das hängt vom Ziel ab. Wer kurz vor dem Ruhestand steht, kann mit dem Wechsel in eine andere Anlageklasse gut fahren. Wer weiter voll auf Aktien setzt, sollte eher umschichten. Sind Tech- und Wachstumswerte durch die KI-Rally im Depot zu groß geworden, können die Gewinne in defensivere Branchen wie Pharma oder Telekommunikation fließen. Auch Banken eignen sich als Beimischung: Sie profitieren meist von steigenden Zinsen, Wachstumswerte schwächeln dann eher, die Kurse laufen oft gegenläufig. Cash ist sinnvoll, wenn das Geld bald gebraucht wird oder man bewusst auf neue Kaufgelegenheiten wartet.
Kostenlos ist die Flexibilität aber nicht. Steigen die Kurse weiter, bleibt das geparkte Geld außen vor. Wer Gewinne mitnimmt, sollte also nicht nur wissen, warum er verkauft, sondern auch, was er danach mit dem Geld vorhat.


