Ein Ingenieur macht am eigenen Leib die neue Marktrealität durch
Noch arbeitet Thomas B. bei der Deutschen Bahn, doch der Ingenieur möchte sich beruflich neu orientieren. Der 45-Jährige ist gut ausgebildet und bringt zudem Erfahrung aus der Autoindustrie mit, da wird sich doch schnell ein guter Job finden, dachte er jedenfalls. Zu Beginn seiner Karriere ließen gute Angebote tatsächlich nicht lange auf sich warten. Doch anders als bei seinen bisherigen Arbeitsplatzwechseln hat sich der Markt verändert. In der Autoindustrie sei er es damals gewohnt gewesen, dass es viele offene Stellen gab, heute sei das nicht mehr so, sagt der Ingenieur.

Die gefühlte Sicherheit der Berufsgruppe bröckelt dramatisch
Die Erfahrungen von Thomas B. kennen mittlerweile viele Ingenieure, wie eine gemeinsame Studie der Online-Stellenbörsen Jobware und Get in Engineering zeigt. Nur noch 35 Prozent der Ingenieure schätzen ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt als gut oder sehr gut ein. 2021, als die Umfrage erstmals durchgeführt wurde, waren es noch 73 Prozent. Deutlich gestiegen ist im gleichen Zeitraum der Anteil der Ingenieure, die ihre berufliche Lage als sehr schlecht einstufen, von 3 auf 23 Prozent, ein dramatischer Stimmungsumschwung binnen weniger Jahre.
Als Gründe nennt die Studie vor allem die konjunkturelle Unsicherheit in Deutschland. Sparprogramme, Umstrukturierungen und Insolvenzen in klassischen Industriezweigen wie der Autoindustrie oder im Maschinenbau sind mittlerweile an der Tagesordnung. Die Folgen treffen dabei genau jene Berufsgruppen, die früher als besonders krisensicher galten, wie Ingenieure oder auch IT-Spezialisten. Viele Ingenieurinnen und Ingenieure erlebten gerade hautnah, wie sich ihre Kernbranchen durch technologische und wirtschaftliche Transformationen veränderten, erklärt Jobware-Chef Wolfgang Achilles. Diese Unsicherheit übertrage sich spürbar auf die persönliche Einschätzung der eigenen Arbeitsmarktchancen, auch wenn der Fachkräftebedarf in der Breite weiterhin ungebrochen hoch sei.

Die Autoindustrie baut so schnell Stellen ab wie keine andere Branche
In der deutschen Autoindustrie, in der viele Ingenieure tätig sind, schwinden die Arbeitsplätze derzeit schneller als in jeder anderen Industriebranche. Zum Ende des ersten Halbjahres 2026 waren in der deutschen Leitbranche noch 691.500 Menschen beschäftigt, so wenig wie noch nie seit Beginn der vergleichbaren Statistikreihe im Jahr 2005. Die aktuelle Zahl entspricht einem Rückgang um 42.300 Beschäftigte oder 5,8 Prozent innerhalb eines einzigen Jahres, betroffen sind davon auch hochqualifizierte Ingenieure.
2030 werde die deutsche Automobilindustrie auf 500.000 Arbeitsplätze oder weniger geschrumpft sein, prognostiziert Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer. Die Folge, Ingenieure auf Jobsuche kämpfen um immer weniger werdende Stellen in der einst so sicheren Autobranche.
Trotz aller Verunsicherung bleibt die Wechselbereitschaft hoch
Überraschend ist, dass trotz der Verunsicherung und des Pessimismus unter den Ingenieuren die Wechselbereitschaft weiterhin auf hohem Niveau bleibt. Laut der Studie können sich 83 Prozent der Befragten den Wechsel des Arbeitsplatzes vorstellen, genau so viele wie bereits 2021, als die Nachfrage nach Ingenieuren noch deutlich größer war. Im Moment sei der Markt vor allem deshalb sehr aktiv, weil mehr Ingenieurinnen und Ingenieure als sonst ohne Anstellung und auf der Suche nach einem Job seien, erklärt Achilles, für Arbeitgeber gebe es dadurch viel verfügbares Talent auf dem Markt.

Künstliche Intelligenz wird zum Zankapfel zwischen Arbeitgeber und Beschäftigten
Auch Thomas B. sucht unter anderem deshalb nach einer neuen Herausforderung, weil er in seinem Job mehr Künstliche Intelligenz nutzen möchte. Der Ingenieur hat keine Angst vor der Technik, im Gegenteil, doch sein Arbeitgeber lasse den Einsatz aus Kostengründen nicht zu, erzählt er, dabei spare er damit sehr viel Zeit und sei effektiver.
So wie Thomas B. blicken auch 80 Prozent der befragten Ingenieure auf die Arbeit mit Künstlicher Intelligenz, die überwiegende Mehrheit sieht sie laut Studie als nützliches Werkzeug, das die eigene Arbeit unterstützt, ohne die eigene Expertise zu ersetzen. Sechs Prozent der Befragten sehen KI sogar als regelrechten Karriere-Turbo. Es gibt aber auch kritische Stimmen, ähnlich der Automatisierung und Robotik in der Fertigung in den 1990er-Jahren werde es zu einer Arbeitserleichterung, aber auch zu Jobverlust in den Büros kommen, befürchtet einer der Befragten. Ein anderer Ingenieur sieht die Gefahr, dass KI den Berufseinstieg von Talenten erschwere, da einfache Routinetätigkeiten wegfielen, die früher auch der Ausbildung junger Absolventen dienten.
Die Angst weiche der Erkenntnis, sagt Achilles dazu, mit wachsender KI-Kompetenz trete an die Stelle von Furcht eine realistischere Einschätzung von Chancen und Risiken. Wer Künstliche Intelligenz für sich zu nutzen wisse, sehe sich schnell auf einem Karrieresprungbrett, weshalb es kaum überrasche, dass sich die Befragten vor allem KI-Fortbildungen und die Möglichkeit zum Experimentieren wünschten. Beim konkreten Nutzen im Arbeitsalltag bleiben die Ingenieure allerdings überraschend zurückhaltend, nur etwas mehr als jeder Zweite, 58 Prozent, sieht in Künstlicher Intelligenz einen massiven Gewinn oder eine spürbare Erleichterung, ein Drittel der Befragten sieht dagegen keinen Effekt oder sogar einen Mehraufwand.
Beim Homeoffice gibt es dagegen kaum Kompromissbereitschaft
Deutlich eindeutiger fällt die Meinung der befragten Ingenieure aus, wenn es um flexibles Arbeiten oder Homeoffice geht. Für 87 Prozent der Ingenieure hat das Arbeitszeitmodell des Arbeitgebers direkten Einfluss auf die Job-Wahl. Auch Thomas B. schätzt die Flexibilität, die ihm sein Arbeitgeber einräumt, zwei bis drei Tage arbeitet er im Büro für den gezielten Austausch mit Kollegen, an den übrigen Tagen im Homeoffice, diese Mischung sei für ihn wichtig, sagt er.
Das hybride Arbeitszeitmodell ist unter den Befragten besonders beliebt, 85 Prozent bevorzugen feste Homeoffice-Tage oder die Möglichkeit, diese frei wählen zu können. Arbeitgebern müsse klar sein, dass am Hybridmodell kein Weg vorbeiführe, betont Achilles, für Engineering-Talente sei das Thema absolut entscheidend bei der Arbeitgeberwahl, wer darauf verzichte, werde nicht die Besten für sein Unternehmen gewinnen können, zumal ausländische Unternehmen aktiv um deutsche Fachkräfte werben und dabei gezielt hybrides Arbeiten anbieten.
Teilzeit bleibt die Ausnahme, mit einem auffälligen Geschlechterunterschied
Teilzeitarbeit spielt unter den Befragten dagegen kaum eine Rolle, nur 13 Prozent können sich eine Reduzierung ihrer Arbeitszeit vorstellen, fünf Jahre zuvor waren es mit 14 Prozent kaum mehr. Auffällig ist dabei allerdings der Geschlechterunterschied, während der Teilzeitwunsch bei Männern sogar leicht rückläufig ist, ist er bei Frauen gestiegen. Mit 27 Prozent gab fast ein Drittel der befragten Frauen an, in Teilzeit arbeiten zu wollen, bei den Männern waren es nur 10 Prozent, ein Unterschied, der zeigt, wie ungleich Beruf und andere Lebensbereiche in der Ingenieurbranche nach wie vor zwischen den Geschlechtern verteilt sind.



