Drei Angriffe in fünf Tagen
Die Ukraine hat ein neues Ziel für ihre Drohnen gefunden: russische Rechenzentren. Der Internetkonzern Yandex meldete bereits am Freitag Angriffe auf Anlagen in Sasowo am 7. Oktober und in Kaluga am 9. Oktober, beide in Westrussland. In der Nacht auf Sonntag wurde eine weitere Einrichtung in Wladimir getroffen. In zwei von drei Fällen führte der Angriff zu einer Komplettabschaltung der Anlage.

Die Attacken folgen einem Muster. Zuvor hatte die Ukraine Raffinerien und Logistik-Lager angegriffen, darunter Einrichtungen des Handelskonzerns Wildberries. Nun trifft es das digitale Rückgrat des Landes. Yandex, oft als “Google Russlands” bezeichnet, hat dasselbe Problem wie Wildberries: Die Standorte seiner Rechenzentren sind öffentlich bekannt, und der russische Staat schützt sie nicht. Wollte die Ukraine es darauf anlegen, könnte sie dem Konzern damit die wirtschaftliche Grundlage entziehen.
Warum gerade Rechenzentren
Offiziell hat Kiew sich zu den Zielen nicht geäußert. Daten des Cloud-Anbieters Cloudflare legen aber einen Schluss nahe: Der Yandex zugerechnete Datenverkehr ist nach den Angriffen sichtbar eingebrochen. Eine Möglichkeit wäre, dass Bot-Farmen aus Russland getroffen werden sollten, die in sozialen Netzwerken Propaganda verbreiten.
Der Capgemini-Datenexperte Marijn Markus mahnt in einem LinkedIn-Post zur Vorsicht. Unter “Bots” fallen in der Statistik alle automatischen Zugriffe, also Suchmaschinen-Crawler, Scraper, Überwachungstools und Skripte, die mit Schnittstellen arbeiten. Ein Einbruch bei diesem Verkehr beweist daher keinen Schlag gegen Propaganda-Konten.
Für eine gezielte Planung spricht dennoch einiges. Der erste Angriff in Sasowo legte gezielt zwei Supercomputer lahm, die zum Training neuronaler Netze dienen. Der Schlag in der Nacht auf Sonntag galt nach den verfügbaren Informationen dem letzten der insgesamt drei bekannten KI-Supercomputer des Unternehmens. Markus hält einen gezielten Schlag gegen Botnetze deshalb nicht für ausgeschlossen, vor allem mit Blick auf die anstehenden US-Zwischenwahlen. Das bleibt eine Einschätzung, bestätigt ist es nicht.
Folgen für Kunden und Dienste
Normale Nutzer in Russland spüren die Angriffe bislang nur vereinzelt. Die wichtigsten Dienste von Yandex waren laut lokalen Medien nur mäßig beeinträchtigt. Schwerer traf es Kunden von Yandex Cloud, deren Ressourcen in der betroffenen Zone liegen. Die Immobilienplattform Cian meldete Störungen bei Website und App. Auch einige Bauträger, Geschäfte und Anbieter elektronischer Dokumentenverwaltung berichteten von Problemen.

Das Rechenzentrum in Kaluga ist für Yandex besonders wichtig. Es zählt zu den größten des Konzerns und versorgt sowohl die interne Infrastruktur als auch Yandex Cloud.
Was das mit Nebius zu tun hat
Yandex wurde vom Milliardär Arkadi Wolosch gegründet. 2024 zog er sich nach seiner Verurteilung des russischen Kriegs gegen die Ukraine aus dem Russlandgeschäft zurück, im Rahmen einer vom Kreml kontrollierten Transaktion. Dadurch konnte sich die in den Niederlanden registrierte Muttergesellschaft, die heute Nebius Group heißt, vollständig aus Russland lösen.
Für Anleger ist das der entscheidende Punkt. Die an der Börse gehandelte Nebius Group hat nach dieser Darstellung keine Russland-Anlagen mehr, die Angriffe betreffen also das russische Yandex, nicht die ausgegliederte Gesellschaft. Auswirkungen auf Nebius sind aus der Quelle nicht ableitbar.

Einordnung
Die Angriffe zeigen, wie verwundbar KI-Infrastruktur ist, wenn sie in einem Kriegsgebiet liegt. Rechenzentren sind kaum zu verstecken, brauchen viel Strom und Kühlung und lassen sich schwer schützen. Für Russland ist das besonders heikel, weil das Land beim Zugang zu Hochleistungschips ohnehin eingeschränkt ist. Fällt Trainings-Kapazität aus, lässt sie sich nicht schnell ersetzen.
Ob die Ukraine die Angriffe fortsetzt und ob Yandex sich wirtschaftlich erholt, ist offen. Klar ist nur, dass der Krieg nun auch die Infrastruktur trifft, auf der russische Online-Dienste laufen. Für Investoren in KI-Rechenzentren weltweit bleibt das Thema physische Sicherheit, die in Bewertungen selten eine Rolle spielt.


