Das Münchner Vorzeigeunternehmen Siemens Healthineers steht vor einer historischen Zerreißprobe und versucht nun, den drohenden Kontrollverlust an den internationalen Handelsplätzen mit einer gewaltigen Kapitalspritze abzuwenden. In einer überraschenden Ad-hoc-Mitteilung verkündete die Konzernleitung den offiziellen Startschuss für ein massives Aktienrückkaufprogramm, das bereits am 1. Juni anlaufen soll.
Bis spätestens zum 29. Januar kommenden Jahres will der im DAX notierte Medizintechnik-Konzern eigene Anteilsscheine im astronomischen Gegenwert von bis zu 230 Millionen Euro über die Börse einsaugen. Das maximale Volumen der Transaktion ist auf 14 Millionen Stückaktien gedeckelt. An den Märkten wird dieser Schritt heftig diskutiert, denn er gleicht einer finanziellen Festung, die das Management hastig errichtet, um den anhaltenden Abwärtstrend der vergangenen Monate einzudämmen.
Die Reaktion der Händler im Frankfurter XETRA-Handel fiel nach der Ankündigung zunächst wohlwollend aus. Die Aktie von Siemens Healthineers drehte nach einer wochenlangen Durststrecke ins Plus und kletterte zeitweise um über zwei Prozent auf 35,20 Euro. Doch die kurzfristige Erholungsrallye kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Konzern mit dem Rücken zur Wand agiert. Ein Blick auf die nackten Jahreszahlen offenbart das ganze Ausmaß der Misere, da das Papier seit Beginn des Jahres bereits fast ein Viertel seines gesamten Marktwertes eingebüßt hat.
Der verdeckte Notfallplan gegen den ruinösen Absturz der hauseigenen Labordiagnostik
Hinter den Kulissen der Konzernzentrale herrscht akuter Handlungsbedarf, denn das operative Geschäft leidet unter schweren strukturellen Verwerfungen. Erst vor wenigen Wochen musste das Management um Vorstandschef Bernd Montag die Reißleine ziehen und die offizielle Prognose für das gesamte Geschäftsjahr drastisch nach unten korrigieren. Besonders die chronisch schwächelnde Sparte der Labordiagnostik bereitet den Analysten schlaflose Nächte und erweist sich zunehmend als Mühlstein um den Hals des gesamten DAX-Konzerns.
Vor allem das einstige Wachstums-Wunderland China hat sich für die Münchner zu einer unberechenbaren Gefahrenzone entwickelt. Einbrüche im dortigen Gesundheitssystem und staatlich verordnete Sparprogramme haben die Absatzzahlen für hochkomplexe Laborgeräte einbrechen lassen.

Dass der Konzern nun Hunderte Millionen Euro aufwendet, um eigene Aktien aufzukaufen, anstatt dieses Geld direkt in die Entwicklung neuer Produkte zu stecken, interpretieren kritische Beobachter als defensiven Befreiungsschlag. Das Management versucht panisch, den Marktwert künstlich zu stabilisieren, während die fundamentalen Probleme im operativen Kerngeschäft ungelöst bleiben.
Die unbarmherzige Inflation bei Speicherchips und Logistik frisst die Margen der Medizintechnik auf
Ein weiteres existenzielles Problem, das Siemens Healthineers immer tiefer in die Krise treibt, ist die unbarmherzige Teuerungswelle in den globalen Lieferketten. Der Konzern leidet massiv unter den explodierenden Kosten für Rohmaterialien und mikroelektronische Bauteile, die für die Produktion von modernen Computertomographen und MRT-Systemen unverzichtbar sind. Die anhaltenden geopolitischen Spannungen im Nahen Osten und die damit verbundenen Blockaden der Handelsrouten wirken wie ein Brandbeschleuniger.
Finanzvorstand Jochen Schmitz machte unlängst in einer emotional geführten Telefonkonferenz mit Analysten keinen Hehl aus der dramatischen Lage und benannte die Schuldigen im System ganz direkt.
„Größte Treiber dieser Inflation sind Speicher-Chips, Rohmaterialien und Logistikkosten“, so der Finanzchef des Konzerns im Hinblick auf die unkontrollierbaren Belastungen.
Schmitz prognostizierte, dass die zusätzlichen Kosten in der globalen Lieferkette das Ergebnis allein im zweiten Geschäftshalbjahr im mittleren bis hohen zweistelligen Millionen-Euro-Bereich belasten dürften. Das verordnete Aktienrückkaufprogramm soll nun den unbarmherzigen Margenverfall an der Börse kaschieren. Wenn die Gewinne pro Aktie operativ schrumpfen, muss man eben die Anzahl der Aktien verringern, um die Kennzahlen für die internationalen Großinvestoren künstlich zu schönen.
Das riskante Zweckbündnis zur Besänftigung der eigenen Belegschaft birgt Zündstoff
Die offizielle Begründung für den Millionen-Rückkauf klingt indes zahm und harmonisch. Laut Unternehmensangaben sollen die zurückgekauften Wertpapiere vornehmlich dafür verwendet werden, die bestehenden Vergütungs- und Belegschaftsaktienprogramme des Konzerns zu bedienen. Das Management versucht damit, die eigenen Mitarbeiter in Zeiten spürbarer Verunsicherung und schwindender Boni enger an das Unternehmen zu binden und mit Firmenanteilen zu besänftigen.
Doch dieses interne Koppelgeschäft birgt erheblichen Zündstoff für den Aktienmarkt. Wenn ein Konzern in Zeiten einer operativen Krise Millionenbeträge aufwendet, um die eigenen Angestellten mit Aktien zu entlohnen, droht ein gefährlicher Verwässerungseffekt, sobald diese Papiere von den Mitarbeitern zu Geld gemacht werden.
Zudem fragen sich institutionelle Anleger, ob diese Mittel nicht weitaus sinnvoller in der Forschung investiert wären. Die Konkurrenz im Bereich der Medizintechnik schläft nicht, und während Siemens Healthineers wertvolle Liquidität im eigenen Aktienmarkt verbrennt, pumpen amerikanische und asiatische Wettbewerber jeden verfügbaren Dollar in die Entwicklung bahnbrechender Systeme für die Krebsfrüherkennung und die robotergestützte Chirurgie.

Die bittere Wahrheit über das verlangsamte Wachstum im globalen Verdrängungswettbewerb
Die Reduzierung der Wachstumsziele zeigt schonungslos, dass der einstige Überflieger der Siemens-Familie deutlich an Dynamik verloren hat. Für das bis Ende September laufende Geschäftsjahr rechnet der Finanzvorstand auf vergleichbarer Basis nur noch mit einem mageren Umsatzplus von 4,5 bis 5,0 Prozent, nachdem zuvor stolze 5,0 bis 6,0 Prozent in Aussicht gestellt worden waren. Das bereinigte Ergebnis je Aktie wurde auf eine Spanne von 2,20 bis 2,30 Euro zusammengestrichen.
Zwar versuchen optimistische Analystenhäuser wie Barclays das Papier weiterhin mit einem positiven „Overweight“-Rating und einem fiktiven Kursziel von 50 Euro im Markt zu stützen. Doch die Realität an den Handelstischen spricht eine völlig andere Sprache.
Der 230-Millionen-Euro-Poker ist ein Ritt auf der Rasierklinge. Gelingt es Bernd Montag nicht, das Ruder in China und in der heimischen Labordiagnostik in den kommenden Monaten radikal herumzureißen, wird das teure Rückkaufprogramm als verpufftes Strohfeuer in die Geschichte eingehen. Am Ende des Tages schützt kein Millionen-Rückkauf vor dem unbarmherzigen Urteil des Marktes, wenn die Produkte in den Kliniken dieser Welt nicht mehr die gewohnten Renditen abwerfen.