Thyssenkrupps Albtraum: Der Jindal-Deal ist tot – und López sitzt in der Stahlfalle
CEO López wollte den Stahl loswerden. Jetzt sitzt er tiefer drin als je zuvor. Was das Scheitern des Jindal-Deals für Thyssenkrupp bedeutet.

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Thyssenkrupps Albtraum: Der Jindal-Deal ist tot – und López sitzt in der Stahlfalle

CEO Miguel López hat seine wichtigste Wette verloren. Der Verkauf der Stahlsparte ist gescheitert. Was jetzt kommt, könnte ihn zu dem machen, was er nie sein wollte: ein Stahlmanager.

Die Geschichte klang zu schön – und sie war es auch

Es war der Deal, der alles lösen sollte. Die indische Jindal-Dynastie, kapitalkräftig und grün ambitioniert, sollte Deutschlands größten Stahlkonzern übernehmen. Thyssenkrupp Steel Europe wäre weg aus der Konzernbilanz, CEO Miguel López hätte sein wichtigstes Versprechen eingelöst, und die nordrhein-westfälische Landespolitik hätte zumindest bis zur Wahl 2027 Ruhe gehabt.

Am vergangenen Samstag war die Illusion vorbei. Thyssenkrupp gab bekannt: Die Verhandlungen mit Jindal Steel International werden pausiert. Kein Deal, vorerst. Der Konzern versuchte, die Meldung mit Optimismus zu ummanteln – die regulatorischen Rahmenbedingungen hätten sich verbessert, Europa tue mehr für den Schutz der heimischen Stahlindustrie. Man solle sich keine Sorgen machen.

Die Botschaft verpuffte. Denn wer genau hinschaut, sieht: Dies ist nicht eine strategische Pause. Es ist das Scheitern der zentralen Wette von López' Amtszeit.

López hat viel bewegt – aber die entscheidende Wette verloren

Das ist keine kleine Niederlage. Seit seinem Amtsantritt im Frühjahr 2023 hat López auf Geheiß von Aufsichtsratschef Siegfried Russwurm tatsächlich Enormes bewegt. Er führte und beendete Verhandlungen mit dem tschechischen Superinvestor Daniel Křetínský über einen Stahl-Verkauf. Er brachte die Kieler Schiffbausparte TKMS an die Börse – zu einem günstigen Zeitpunkt, da die Zeitenwende Rüstungsunternehmen mit neuer Bewertungsphantasie auflud. Und er trieb die Idee einer schlanken Finanzholding mit echtem Nachdruck voran.

Die Börse honorierte das. Vom Tiefstwert im Sommer 2024 kletterte die Thyssenkrupp-Aktie bis Februar 2026 auf zeitweise über elf Euro – fast eine Verfünffachung. Das Signal war klar: Der Markt glaubte an die Transformation.

Nur fehlt ihr jetzt das Herzstück. Eine schlanke Holding mit einem massiven Stahlkonzern mittendrin ist keine schlanke Holding. Sie ist ein Stahlkonzern.

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Der Jindal-Deal war von Anfang an eine wackelige Konstruktion

Wer die Verhandlungsgeschichte kennt, wird nicht überrascht sein. Jindal Steel International – der Bieter – ist nicht dasselbe Unternehmen wie der börsennotierte Konzern Jindal Steel. Die Bietergesellschaft ist auf Mauritius registriert, ihre finanzielle Substanz war nie vollständig transparent. Und die zentrale Frage, wer am Ende für die rund 2,5 Milliarden Euro Pensionslasten haftet, die auf der Stahlsparte lasten, blieb bis zuletzt offen.

López hatte dennoch alles getan, um den Deal attraktiv zu machen. Stahlchefin Marie Jaroni handelte einen Sanierungstarifvertrag mit erheblichen Einschnitten aus. Die Finanzierungsfrage wurde überraschend geräuschlos in einer vertraulichen Vereinbarung gelöst. Ein Deal mit Salzgitter über den Thyssenkrupp-Anteil am Duisburger Gemeinschaftswerk HKM wurde auf den Weg gebracht.

Konzermbetriebsratschef Tekin Nassikol verkündete öffentlich, es habe „gefunkt". Hach.

Gescheitert ist der Deal, wie es bei solchen Transaktionen fast immer der Fall ist, am Preis. Dass der Kaufpreis negativ sein würde – dass Thyssenkrupp also draufzahlen müsste – war wegen der Pensionslasten von Anfang an klar. Aber über das genaue Ausmaß dieser Zuzahlung kam es offenbar zu keiner Einigung. Und Anfragen von Gewerkschaftsvertretern, die Indien besuchten, ob die Jindals die Mitbestimmungskultur in Duisburg tatsächlich respektieren würden, blieben ohne befriedigende Antworten.

Die regulatorische Beruhigungspille wirkt nicht

Thyssenkrupp argumentiert nun, die verbesserten Rahmenbedingungen rechtfertigten eine eigenständige Zukunft des Stahls. Die EU hat ab dem 1. Juli verschärfte Zollbestimmungen gegen Billigimporte eingeführt, seit Jahresbeginn ist der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus scharf gestellt, und ein EU-Aktionsplan Stahl existiert zumindest auf dem Papier.

Das sind wichtige politische Signale – aber keine belastbare Geschäftsgrundlage.

Die Rohstahlproduktion in Deutschland legte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um neun Prozent auf 9,3 Millionen Tonnen zu. Aufs Jahr hochgerechnet entspräche das rund 37 Millionen Tonnen. Das Minimum für eine gesunde Kapazitätsauslastung liegt nach Angaben der Wirtschaftsvereinigung Stahl bei etwa 40 Millionen Tonnen. Die Branche ist also noch nicht dort, wo sie sein müsste – und die zarten Erholungszeichen reichen nicht, um eine neue strategische Wette darauf aufzubauen.

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Die EBITDA-Lücke ist das eigentliche Drama

Das Zahlenbild ist schonungslos. Für eine wirkliche Eigenständigkeit bräuchte Thyssenkrupp Steel Europe ein EBITDA von 1,1 bis 1,3 Milliarden Euro pro Jahr. Die aktuelle Ist-Situation liegt bei rund 300 Millionen Euro. Eine Lücke von fast einer Milliarde Euro – und kein klarer Weg, sie in absehbarer Zeit zu schließen.

Etwas Entlastung könnte ein überarbeitetes Finanzierungsmodell für die geplante Direktreduktionsanlage in Duisburg bringen, in die Bund und Land mehr als drei Milliarden Euro investieren wollen. Die Anlage sollte ursprünglich 2027 mit Wasserstoff betrieben werden. Da dieser Wasserstoff nicht in ausreichender Menge existiert, laufen Verhandlungen über eine Lockerung hin zu Erdgas. Die Inbetriebnahme verschiebt sich damit auf frühestens Ende des Jahrzehnts.

Parallel steht noch das Closing des HKM-Deals mit Salzgitter aus. Auch hier fließt Geld – aber kein Geld, das die strukturelle EBITDA-Lücke schließt.

Die eigentliche Frage: Lässt man den Stahl verhungern?

Hinter vorgehaltener Hand war bei Thyssenkrupp-Anteilseignern lange eine Linie zu hören: Wenn man die Stahlsparte nicht loswird, lässt man sie unterhalb der Insolvenzgrenze einfach vor sich hindümpeln. Keine weiteren Quersubventionen. Diese Haltung ist nun einer ungemütlichen Realität gewichen: Der Stahl bleibt, und mit ihm die Frage, wie López ihn weiterentwickeln will.

Gewinne aus dem geplanten Verkauf der Aufzugsparte TK Elevator an den finnischen Konzern Kone in den Stahl zu leiten, wäre eine Überraschung. López hat den Konzernumbau immer mit der Botschaft verbunden, Kapital aus Altgeschäften freizusetzen – nicht, um es in die Stahlsparte zu investieren.

Und doch: Wenn Finanzierungszusagen des Bundes und des Landes Nordrhein-Westfalen bestimmte Investitionsverpflichtungen nach sich ziehen, könnte López kaum anders.

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López könnte am Ende das werden, was er nie sein wollte

Die Ironie dieser Entwicklung ist kaum zu übertreffen. Miguel López kam zu Thyssenkrupp mit dem expliziten Ziel, den Konzern vom Stahl zu befreien. Aus dem Industriekonglomerat sollte eine kapitalmarktfähige Holding werden, schlank und fokussiert. Drei Jahre später sitzt er tiefer im Stahl drin als je zuvor – mit einer strukturellen Ertragslücke, einem geplatzten Milliardendeal und dem politischen Druck einer ganzen Region an Rhein und Ruhr im Nacken.

Die IG Metall dringt auf eine klare Perspektive. Die Landespolitik in Düsseldorf braucht vor der Wahl 2027 eine Antwort. Und der Markt wartet darauf, ob Thyssenkrupp tatsächlich einen Weg findet, den Stahl profitabel zu machen.

López könnte am Ende genau das werden, was er nie sein wollte: ein Stahlmanager.