Das Kernproblem: Fed kämpft an der falschen Front
Steve Forbes, der legendäre Herausgeber des gleichnamigen Magazins, hat in einem Auftritt bei Larry Kudlow eine provokante These in den Raum geworfen, die die aktuelle geldpolitische Doktrin erschüttert. Die US-Notenbank konzentriere sich auf die falschen Hebel, um die Inflation unter Kontrolle zu bringen, argumentiert Forbes. Statt sich weiterhin auf Zinserhöhungen zu verlassen, sollte die Fed ihre Bilanz schrumpfen und den Dollar gezielt aufwerten. Der Grund: Die hartnäckigste Form der aktuellen Inflation wird nicht durch überhitzte Inlandsnachfrage getrieben, sondern durch teurere Importe. Diese Diagnose unterscheidet sich fundamental von der bisherigen Fed-Rhetorik.

Forbes' Kritik zielt auf eine strukturelle Schwäche der bisherigen Bekämpfungsstrategie. Während die Notenbank die Kreditbedingungen verschärft und damit die Konsumnachfrage dämpft, bleibt eine zentrale Inflationsquelle unangetastet: die Preissteigerungen bei eingeführten Gütern. Ein stärkerer Dollar würde Importe automatisch günstiger machen und damit direkt an der Quelle der Importinflation ansetzen. Die Strategie klingt kontraintuitiv für Fed-Anhänger, die traditionell an Zinserhöhungen glauben. Doch Forbes argumentiert nicht emotional, sondern mit einer wirtschaftlichen Logik, die schwer zu widerlegen ist.
Einzelhandelsergebnisse als stille Bestätigung
Besonders interessant ist die Beobachtung, dass Einzelhandelsketten in jüngster Zeit mit überraschend starken Gewinnergebnissen aufhorchen ließen. Diese positiven Überraschungen könnten ein erstes Signal dafür sein, dass Forbes' Analyse tatsächlich auf etwas Realem basiert. Wenn die klassischen Zinserhöhungen der Fed bereits preislich eingepreist sind, die Verbraucher aber trotzdem kaufen, deutet dies darauf hin, dass das echte Inflationsproblem nicht in der Nachfrageseite liegt. Starke Einzelhandelsergebnisse unter schwierigeren Bedingungen könnten paradoxerweise die These unterstützen, dass eine andere Strategie bessere Ergebnisse liefern könnte.

Die Discounter und großen Einzelhandelsketten berichten häufig von stabileren Margen, wenn die Importpreise sinken. Ein stärkerer Dollar würde genau diese Dynamik verstärken, da amerikanische Unternehmen ihre Einkaufskosten für Waren aus Asien und anderen Regionen senken könnten. Die bisherige Fed-Strategie hat diese positive Effekt-Kette nicht aktiviert. Stattdessen wurden Kreditkosten erhöht, was Unternehmensgewinne unter Druck setzte. Dass einzelne Retailer dennoch outperformen, könnte also ein Hinweis sein, dass ein Dollar-fokussierter Ansatz die Gewinner und Verlierer umkehren könnte.
Warum die Fed die Bilanzschrumpfung intensivieren sollte
Neben der Dollar-Aufwertung fordert Forbes eine aggressivere Bilanzschrumpfung. Die Fed hat zwar ihre Bilanzsumme nach dem großen Schuldenaufbau während der Pandemie zu reduzieren begonnen, doch Forbes argumentiert, dass dieses Tempo zu langsam ist. Eine schnellere Reduktion der Fed-Bestände würde das Geldangebot straffer machen, ohne die breite Kreditvergabe so stark zu beeinträchtigen wie Zinserhöhungen. Theoretisch könnte eine aggressive Bilanzkompression also gezielter wirken: Sie würde die langfristigen Zinsen erhöhen und die Anleihemärkte stabilisieren, ohne kleine und mittlere Unternehmen, die auf günstige Kreditlinien angewiesen sind, zu strangulieren.
Das Argument hat einen historischen Hintergrund. Paul Volcker, der legendäre Fed-Chef, setzte in den 1980er Jahren weniger auf Bilanzreduktion, sondern auf aggressive Zinserhöhungen, um die Stagflation zu bekämpfen. Doch die wirtschaftlichen Strukturen haben sich seitdem erheblich verändert. Der heutige Kapitalmarkt ist globaler, die Handelsströme sind komplexer, und die Importquoten sind deutlich höher. Eine modern adaptierte Strategie könnte also durchaus andere Prioritäten setzen als in früheren Jahrzehnten.

Die politische Dimension und die Zukunft
Forbes' Vorschlag ist nicht nur wirtschaftlich relevant, sondern auch politisch brisant. Ein stärkerer Dollar ist nicht im Interesse aller Stakeholder: Exporteure leiden unter höheren Wechselkursen, und Schwellenländer geraten unter Druck, wenn der Dollar anzieht. Die Fed müsste also eine explizite Entscheidung treffen, eine Strategie zu verfolgen, die Importpreis-Stabilität über Exportunternehmen-Rentabilität priorisiert. Das widerspricht der bisherigen Neutralitätsdoktrin, nach der die Notenbank Wechselkurse nicht zielgerichtet beeinflussen sollte.
Doch vielleicht ist genau das der Punkt: Wenn die traditionelle Fed-Strategie die Importinflation nicht in den Griff bekommt, ist eine Neuausrichtung überfällig. Forbes' Kritik könnte langfristig die geldpolitische Debatte verändern – unabhängig davon, ob die Fed seinen konkreten Vorschlägen folgt oder nicht. Die nächsten Quartalsergebnisse von Einzelhandelsketten werden zeigen, ob seine Diagnose wirklich trifft.

