Warum die US-Währung trotz Abwertung unangreifbar bleibt
Wenn Währungen ins Wanken geraten, wird schnell vom „Ende einer Ära“ gesprochen. Beim US-Dollar wäre das verfrüht – zumindest wenn es nach Stephen Li Jen geht, dem CEO von Eurizon SLJ Capital.
Trotz jüngster Schwäche sieht der frühere Devisenstratege von Morgan Stanley keine andere Währung, die dem Dollar die globale Führungsrolle streitig machen könnte.
Doch es gibt Einschränkungen – insbesondere beim Mythos vom Dollar als sicherem Hafen.
Der Dollar verliert an Anteil, nicht an Bedeutung
Zwar werde der Anteil des Dollars an den weltweiten Währungsreserven weiter zurückgehen – aber das ändert laut Jen nichts an seiner Spitzenstellung. Der Greenback bleibe „die dominierende Reservewährung der Welt“.
„Keine andere Währung wird den Dollar verdrängen können“, schreibt Stephen Li Jen in seinem aktuellen Marktkommentar.
Tatsächlich ist der US-Dollar laut IWF-Daten derzeit in etwa 58 Prozent der globalen Devisenreserven enthalten. Noch vor zehn Jahren lag dieser Wert bei über 65 Prozent. Der Rückgang ist real – aber die Konkurrenz bleibt schwach. Der Euro stagniert seit Jahren, der Renminbi ist weder frei konvertierbar noch politisch unabhängig genug, um das globale Vertrauen zu erben.
Ein sicherer Hafen mit brüchigem Fundament
Deutlich differenzierter fällt Jens Analyse bei der klassischen Rolle des Dollars als Krisenwährung aus. „Damit der Dollar als sicherer Hafen fungieren kann, müssen auch US-Staatsanleihen als sicherer Hafen gelten“, schreibt er – und genau das sei derzeit nicht gegeben.
Der Ausverkauf an den Aktienmärkten sei nicht durch Rezessionsangst, sondern durch eine Neubewertung der US-Vermögenswerte ausgelöst worden. In einem solchen Szenario fehle dem Dollar die Fluchtbewegung, die ihn in der Vergangenheit gestützt hat.

Hinzu kommt: Die USA sitzen inzwischen auf Nettoauslandsverbindlichkeiten von rund 85 % des BIP, etwa 25 Billionen US-Dollar.
Eine so massive Schieflage bei den Kapitalflüssen könnte bei einem Stimmungsumschwung zu extremen Abflüssen führen – mit Folgen für Dollar, Anleihemärkte und Aktien zugleich. Eine sichere Festung sieht anders aus.
Ein schwächerer Dollar ist politisch sogar erwünscht
Ein interessanter Gedanke, den Jen offen anspricht: Die derzeitige Dollarschwäche sei den USA nicht unrecht – im Gegenteil.
„Ein schwacher Dollar wäre eine gute Alternative zu Zöllen“, schreibt er und bringt die Idee eines global koordinierten Abwertungsabkommens ins Spiel – ähnlich dem „Mar-a-Lago-Deal“, den Donald Trump einst in Aussicht stellte. Eine gezielte Abwertung des Dollars um 20 % könnte laut Jen dazu beitragen, protektionistische Maßnahmen zu vermeiden.
Diese These ist nicht neu, aber sie gewinnt an Aktualität: In einer Phase, in der US-Zölle gegenüber China, der EU oder Mexiko politisch immer wieder angedacht werden, könnte die Währung ein strategisches Werkzeug zur geopolitischen Steuerung sein.
USA: Weder Ausnahme noch Abstieg
Interessant ist auch Jens Abrechnung mit dem sogenannten „amerikanischen Exzeptionalismus“. Die USA seien weder so stark noch so schwach, wie es manche Analysten aktuell darstellen.
„Der Dollar war nie so gut – aber auch nie so schlecht“, so seine nüchterne Einschätzung.
Die Überbewertung in den vergangenen Jahren sei übertrieben gewesen, ebenso wie jetzt die Erwartung eines raschen Absturzes.
Keine Dollar-Alternative in Sicht
Trotz aller Relativierungen bleibt eine zentrale Aussage unmissverständlich: Der Dollar wird bleiben. Nicht unangefochten, nicht allmächtig, aber konkurrenzlos. Weder Euro noch Yuan können laut Jen den institutionellen, politischen und finanziellen Unterbau bieten, der den Greenback so attraktiv macht.
Gleichzeitig deutet sich eine tektonische Verschiebung an: Der Dollar bleibt global akzeptiert – aber weniger geliebt. Zentralbanken diversifizieren vorsichtig, Kapitalströme reagieren sensibler, und selbst US-Treasuries sind nicht mehr automatisch der Zufluchtsort, den sie jahrzehntelang darstellten.
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