Nach einer Pause von acht Jahren kommen die Regierungen Deutschlands und Brasiliens erstmals wieder zu umfassenden Beratungen über ihre Zusammenarbeit zusammen. Unter der Leitung von Bundeskanzler Olaf Scholz und Präsident Luiz Inácio Lula da Silva werden die Gespräche im Berliner Kanzleramt am Montag stattfinden. Dabei sollen Themen wie wirtschaftliche Zusammenarbeit, Energie und Klimaschutz sowie Außen- und Sicherheitspolitik erörtert werden. Besonders spannend ist die Frage, ob die jahrelangen Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen der südamerikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Mercosur und der Europäischen Union endlich zum Abschluss gebracht werden können.
Ein Abkommen zwischen der EU und den vier Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay würde eine der weltweit größten Freihandelszonen mit über 700 Millionen Einwohnern schaffen. Die Gespräche laufen bereits seit über 20 Jahren, aber eine im Jahr 2019 getroffene Grundsatzeinigung wird aufgrund anhaltender Bedenken, insbesondere beim Regenwaldschutz, nicht umgesetzt.
Während die deutsche Wirtschaft einen schnellen Abschluss des Abkommens fordert, hatten die Grünen zuletzt Nachverhandlungen gefordert, um dem 'intensiven Abbau von Rohstoffen im globalen Süden für den Konsum des globalen Nordens' ein Ende zu setzen. Die Regierungskoalition aus SPD, Grünen und FDP hat jedoch kürzlich im Bundestag deutlich gemacht, dass sie zu dem geplanten Handelsabkommen stehen.
An dem Treffen nehmen auf beiden Seiten mehrere Minister teil, auf deutscher Seite sind es neun. Es sind zahlreiche Vereinbarungen geplant, darunter zum Thema Artenvielfalt und Meeresschutz, Wiederaufforstung von Regenwäldern, Digitalisierung und Gewinnung mineralischer Rohstoffe.
Brasilien hat am 1. Dezember den Vorsitz der G20-Runde der führenden Wirtschaftsmächte übernommen und wird im nächsten Jahr den Gipfel in Rio de Janeiro ausrichten. Das Land ist zudem Mitglied in der Brics-Gruppe mit China, Russland und Indien, die von vielen als Konkurrenz zur G7 der westlichen Industrieländer gesehen wird.
In sicherheitspolitischen Fragen gibt es deutliche Differenzen zwischen Deutschland und Brasilien, insbesondere in Bezug auf den Gaza- und den Ukraine-Krieg. Während Deutschland sich für Feuerpausen zwischen Israel und der islamistischen Hamas einsetzt, um humanitäre Hilfe zu ermöglichen, fordert Brasilien eine sofortige und dauerhafte Waffenruhe. Im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine setzt sich Brasilien seit langem für Friedensverhandlungen ein, während Deutschland die Entscheidung darüber der Ukraine überlässt.
Die Bundesregierung verabredet sich regelmäßig mit Ländern zu Regierungskonsultationen, mit denen es eine besonders enge Partnerschaft gibt oder die für Deutschland von besonders großer strategischer Bedeutung sind. Die Konsultationen zwischen Deutschland und Brasilien hatten 2015 in Brasília begonnen, wurden aber unter dem rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro jahrelang ausgesetzt. Mit der Rückkehr von Lula an die brasilianische Staatsspitze wurde die Idee jedoch wiederbelebt. Im Januar vereinbarten Lula und Scholz bei dessen Antrittsbesuch in Brasília, die Beratungen wieder aufzunehmen.