In den Glaspalästen der klassischen Filialbanken dürfte es ungemütlich werden. Unzer, der Berliner Riese für Zahlungsabwicklung, sprengt seine bisherigen Ketten. Was als reiner Dienstleister im Hintergrund begann, entwickelt sich nun zu einer ernsthaften Bedrohung für das traditionelle Firmenkundengeschäft. Das Kalkül ist so simpel wie gefährlich: Wer bereits die Kasse kontrolliert, will künftig auch das Konto verwalten.
Der Vorstoß markiert einen Wendepunkt in der Strategie des Unternehmens, das einst unter dem Namen Heidelpay bekannt wurde. Mit der Einführung von „Financial Services“ bietet Unzer nun eigene Geschäftskonten und Kreditkarten an. Es ist der Versuch, den Kundenkreis – vom kleinen Restaurant an der Ecke bis zum mittelständischen Online-Händler – komplett in das eigene Ökosystem zu ziehen und die Konkurrenz arbeitslos zu machen.

Die mühsame Ära der klassischen Hausbank geht unwiderruflich zu Ende
Für viele Kleinunternehmer ist der Gang zur Bank mittlerweile ein bürokratischer Spießrutenlauf. Wochenlange Prüfungen, veraltete Interfaces und horrende Gebühren gehören zum Alltag. Hier setzt Unzer den Hebel an. „Für kleine Unternehmen kann die Eröffnung eines klassischen Bankkontos ziemlich mühsam sein“, konstatiert Unzer-CEO Robert Bueninck nüchtern. Sein Versprechen: Alles aus einer Hand, ohne Reibungsverluste.
In Kooperation mit dem Kreditkarten-Spezialisten Pliant rollt Unzer eine Mastercard-Firmenkreditkarte aus, die direkt mit der bestehenden Zahlungssoftware verknüpft ist. Das Ziel ist die totale Übersicht. Einnahmen aus dem Ladengeschäft oder dem Webshop fließen direkt auf das neue Unzer-Konto, Ausgaben werden im selben Dashboard gesteuert. „Bei uns finden sie alles, was sie für ihr Geschäft brauchen“, so Bueninck kampflustig.
Unzer nutzt das riskante Playbook der globalen Payment Giganten
Der Berliner Bezahldienst ist nicht allein mit dieser Vision. Die Strategie folgt dem Vorbild globaler Giganten wie Adyen oder Stripe. Diese setzen massiv auf „Embedded Finance“ – Finanzdienstleistungen, die direkt in die Business-Software eingebettet sind. Es ist eine Wette auf die Bequemlichkeit der Unternehmer: Warum zwei verschiedene Logins für Zahlungen und Banking nutzen, wenn eine Plattform beides erledigt?

Doch der Vergleich hinkt noch bei den nackten Zahlen. Während Adyen und Stripe Transaktionsvolumina im Billionen-Bereich bewegen, schleust Unzer jährlich rund 19,6 Milliarden Euro durch seine Systeme. Das ist beachtlich, aber im globalen Maßstab noch die Rolle des Herausforderers. Doch Unzer hat einen entscheidenden Vorteil: Die tiefe Verwurzelung im deutschen Einzelhandel durch Kunden wie Netto oder Decathlon.
Nach dem Bafin Vernichtungsschlag kehrt der Erfolg endlich zurück
Dass Unzer heute überhaupt in der Offensive ist, grenzt an ein kleines Wunder. Die letzten Jahre waren geprägt von einem existenzbedrohenden Konflikt mit der Finanzaufsicht Bafin. 2022 verhängten die Kontrolleure einen drastischen Neukunden-Stopp wegen massiver Mängel in der Geldwäscheprävention. Es war ein Schlag, der das Wachstum zeitweise komplett zum Erliegen brachte und das Image des Fintechs schwer beschädigte.
Zusätzlich band ein Eigentümerwechsel massive Ressourcen. Der Finanzinvestor KKR stieg aus, eine Investorengruppe um Goldman Sachs übernahm das Ruder. Doch die Rosskur scheint gewirkt zu haben. Im Jahr 2024 meldete sich Unzer mit einem Umsatz von 220 Millionen Euro zurück – ein Plus von fast 7 Prozent. Vor allem das Softwaregeschäft explodierte um 32 Prozent und lieferte den Treibstoff für den aktuellen Angriff auf den Bankensektor.
Kredite und Ausgabenmanagement sollen die totale Abhängigkeit besiegeln
Das Konto und die Karte sind erst der Anfang einer weitaus größeren Expansion. Unzer plant bereits den nächsten Schritt: Die Vergabe von Krediten und ein automatisiertes Ausgabenmanagement. Damit würde das Fintech zur primären Anlaufstelle für die gesamte Unternehmensfinanzierung. Wer seine Umsatzzahlen ohnehin bei Unzer generiert, bekommt den Kreditrahmen künftig vielleicht per Mausklick, basierend auf Echtzeitdaten statt auf verstaubten Bilanzen.
Die klassische Bankbeziehung wird damit zur bloßen Durchlaufstation degradiert. Wenn die Wette von Robert Bueninck aufgeht, wird die Business-Software zur neuen Schaltzentrale der Wirtschaft. Ob die traditionellen Banken dieser technologischen Übermacht etwas entgegenzusetzen haben, bleibt fraglich. Die Pointe ist bitter für die Etablierten: Während sie noch über Digitalisierung reden, hat Unzer ihnen bereits die Kasse und nun auch den Tresor weggenommen.



