23. April, 2026

Börse

Wall Street im Rausch trotz Iran-Krieg – Anleger blenden Krise komplett aus

S&P 500 und Nasdaq auf Rekordhoch, während Verbraucher vor Inflation zittern. Trump verlängert Waffenruhe, doch die Blockade bleibt. Die Börse feiert – als gäbe es keinen Krieg. Wie lange hält die Scheinwelt?

Wall Street im Rausch trotz Iran-Krieg – Anleger blenden Krise komplett aus
US-Börsen erreichen Allzeithochs. Unternehmensgewinne +14%. Verbraucher pessimistisch. Bitcoin steigt auf 78.400 Dollar. Euphorie riskant.

Die Verlängerung der Waffenruhe mit dem Iran sowie positiv aufgenommene Firmenbilanzen haben die US-Börsen am Mittwoch angetrieben und eine zweitägige Verlustserie beendet. Der Dow-Jones-Index kletterte im Verlauf um 0,7 Prozent auf 49.490 Punkte. Der breiter gefasste S&P 500 legte um ein Prozent auf 7137 Zähler zu. Der Index der Technologiebörse Nasdaq gewann 1,6 Prozent auf 24.657 Punkte.

US-Präsident Donald Trump hatte zuvor die Waffenruhe mit dem Iran auf unbestimmte Zeit verlängert, nachdem zuvor auch Drohungen den Iran nicht zum Einlenken gebracht hatten. Das schürte bei Investoren die Hoffnung auf ein Friedensabkommen, auch wenn die US-Marine ihre Blockade iranischer Häfen aufrechterhielt und der Iran zwei Schiffe in der Straße von Hormus beschlagnahmte.

Der iranische Parlamentspräsident und Chefunterhändler Mohammad Bagher Ghalibaf erklärte, ein vollständiger Waffenstillstand mache nur Sinn, wenn die Blockade aufgehoben werde. Durch die Meerenge werden etwa 20 Prozent des weltweiten Ölangebots transportiert.

Die Börse preist eine Lösung ein, die nicht existiert

„Die Aktienmärkte scheinen eine schnelle Lösung einzupreisen – und die Bedingungen vor Ort deuten darauf hin, dass dies verfrüht sein könnte", mahnte Larry Adam, Investmentchef bei Raymond James. Zudem blieben die Risiken eines Inflationsschubs bei Ölpreisen nahe der Marke von 100 Dollar pro Barrel bestehen.

Börsianern zufolge deutet die positive Stimmung am Markt darauf hin, dass Anleger nach guten Nachrichten suchen. Zuletzt hatten der S&P 500 und der Nasdaq Rekordhochs erzielt. Eine bemerkenswerte Entwicklung, wenn man bedenkt, dass die geopolitische Lage alles andere als entspannt ist.

„Jeder hat es irgendwie satt", sagte Stephen Massocca vom Finanzdienstleister Wedbush Securities mit Blick auf den Konflikt. Der Markt suche nach einem positiven Ausgang. Die Unternehmensgewinne seien bislang gut ausgefallen, könnten jedoch an Schwung verlieren, sollte der Krieg andauern.

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Dennoch gebe es weiterhin viele günstige Aktien mit enormem Wertpotenzial. Eine Einschätzung, die zwischen Optimismus und Realitätsverweigerung changiert.

Brian Stutland, Leiter des Investmentmanagements von Equity Armor Investments, denkt, dass Anleger den Krieg weitestgehend ausblenden. „Der Markt versucht im Grunde, die Ereignisse im Iran auszublenden und davon auszugehen, dass sich die Situation langsam von selbst lösen wird", sagte er gegenüber dem US-Fernsehsender CNBC.

„Wir sind immer mehr dem Ende näher als dem Anfang", ergänzte Stutland. Eine Logik, die bestechend simpel klingt – aber auch gefährlich naiv sein könnte.

Verbraucher sehen schwarz – die Stimmung kippt

Verbraucher in den USA scheinen den Krieg allerdings nicht ausblenden zu können. Sie zeigen sich einer aktuellen Umfrage zufolge besonders über die steigende Inflation infolge des Irankriegs besorgt. Der Verbrauchervertrauensindex der Universität Michigan erreichte nach vorläufigen Zahlen für April ein Tief. Endgültige Daten werden am Freitag veröffentlicht.

Eine Umfrage der Federal Reserve Bank of New York zeigte unterdessen, dass sich die Einschätzung der Verbraucher zu ihrer finanziellen Situation verschlechterte. Mehr als ein Viertel der Haushalte – der höchste Anteil seit Mai vergangenen Jahres – rechnet derzeit damit, finanziell schlechter dazustehen.

Diese Diskrepanz zwischen Börseneuphorie und Verbraucherpessimismus ist bemerkenswert. Während Wall Street feiert, macht sich Main Street Sorgen. Die Frage ist: Wer hat recht?

Dies spiegelt sich auch im Einzelhandel wider. So verfehlte etwa Walmart im Februar mit seiner Gewinnprognose für das Gesamtjahr die Erwartungen – und begründete das mit der gedämpften Konsumstimmung. Reiseanbieter zeigen allerdings ein anderes Bild: Bei der Fluggesellschaft Delta sowie beim Kreuzfahrtanbieter Carnival gab es zuletzt hohe Buchungszahlen.

„Selbst wenn die Verbraucher ihre Unzufriedenheit mit dem aktuellen Zustand zum Ausdruck bringen, aber die Mittel haben, weiterhin Geld auszugeben, werden die Unternehmensgewinne weiter steigen und der Aktienmarkt wird entsprechend wachsen", sagte Chris Zaccarelli, Leiter des Investmentmanagements bei Northlight Asset Management.

Berichtssaison rettet die Stimmung

Ein starker Auftakt der Berichtssaison linderte die Sorgen um die Konsumlaune der US-Verbraucher angesichts der kriegsbedingt gestiegenen Energiepreise. Nach Daten der LSEG beläuft sich das Gewinnwachstum der US-Unternehmen im ersten Quartal auf etwa 14 Prozent.

Daten von Goldman Sachs zufolge sind die Gewinnschätzungen für die Unternehmen im S&P 500 für die Jahre 2026 und 2027 seit Ende Januar um vier Prozent gestiegen. Diese Zahlen geben den Bullen Rückenwind.

Ein Risiko für die Märkte bleibt jedoch ein mögliches Wiederaufflammen der Inflation, da die Ölpreise um die Marke von 100 Dollar pro Barrel verharren. Sollte der Krieg eskalieren oder die Blockade der Straße von Hormus länger andauern, könnten die Energiepreise weiter steigen – und die Gewinnmargen der Unternehmen unter Druck setzen.

Sichere Häfen werden verlassen – ein riskantes Signal

Während Krisen schauen Anleger nach sogenannten sicheren Häfen. Das sind Anlageformen, die bei Ausschlägen an den Märkten stabil bleiben. Dazu zählen etwa Gold und der US-Dollar.

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Allerdings ließ die Nachfrage nach beiden Anlageklassen zuletzt etwas nach. Die Nachfrage nach Gold verringerte sich zuletzt stetig, nahm aber am heutigen Mittwoch wieder leicht zu. So kostete die Unze zuletzt 4740 US-Dollar. Anfang März waren es noch etwa 5400 US-Dollar pro Unze.

Der Dollar hat derweil alle Gewinne abgegeben, die er seit Beginn des Irankriegs gesammelt hatte. Ein klares Signal: Die Anleger fühlen sich sicher – vielleicht zu sicher.

Hingegen stieg zuletzt auch die Nachfrage nach der Kryptowährung Bitcoin. Die Währung gilt eigentlich als Risikoasset, das in turbulenten Marktphasen verkauft wird. Am Mittwoch stieg der Preis allerdings auf den höchsten Stand seit elf Wochen.

Zeitweise kostete der Bitcoin mehr als 78.400 US-Dollar und lag damit bis zu 3,6 Prozent im Plus. Das ist der höchste Stand seit dem 3. Februar. Mittlerweile notiert der Bitcoin wieder knapp darunter.

Diese Entwicklung widerspricht der klassischen Krisenlogik. Normalerweise fliehen Anleger in Krisen aus Risikoanlagen wie Bitcoin und in sichere Häfen wie Gold. Dass jetzt das Gegenteil passiert, zeigt: Der Markt glaubt nicht mehr an eine Eskalation.

Einzelwerte liefern gemischte Signale

Im Fokus der Anleger standen eine Reihe von Firmenbilanzen. Der Flugzeugbauer Boeing kommt bei der Bewältigung seiner Krise voran. Im ersten Quartal schrieb der Airbus-Rivale nur noch einen Nettoverlust von sieben Millionen Dollar nach 31 Millionen im Vorjahr. Boeing-Aktien legten um 5,5 Prozent zu.

United Airlines brachen dagegen um 5,6 Prozent ein. Die wegen des Iran-Kriegs gestiegenen Kerosinkosten machen der US-Fluggesellschaft zu schaffen. United Airlines rechnet wegen der höheren Ausgaben im Quartal und auch im Gesamtjahr mit weniger Gewinn als von Analysten vorhergesagt.

Für Aufsehen sorgten die außerbörslich gehandelten Aktien von Spirit Airlines, die sich im Wert mehr als verdoppelten. Dem „Wall Street Journal" zufolge steht die US-Regierung kurz vor einer Einigung zur Rettung des angeschlagenen Billigfliegers.

Gefragt waren auch GE Vernova, die knapp 14 Prozent nach oben schossen. Der Kraftwerksausrüster hat seine Prognose für den Jahresumsatz angehoben. Die Aktien von Micron Technology schlossen auf einem Rekordhoch. Der Philadelphia-Halbleiterindex verzeichnete den 16. Gewinntag in Folge und damit die längste Siegesserie seiner Geschichte. Plus 8,5 Prozent.

Seagate legte 3,6 Prozent zu, nachdem die Bank Barclays die Titel des Datenspeicher-Spezialisten auf „Overweight" hochgestuft hatte. Die Papiere des Medizintechnikherstellers Boston Scientific gewannen nach Quartalsergebnissen neun Prozent.

Adobe verteuerte sich um 3,5 Prozent. Der Anbieter von Anwendungen wie Photoshop und Lightroom lockte die Anleger mit einem Aktienrückkaufprogramm im Wert von bis zu 25 Milliarden Dollar.

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Tesla und T-Mobile bewegen sich gegenläufig

Die Deutsche Telekom erwägt Unternehmenskreisen zufolge eine vollständige Zusammenlegung mit ihrer amerikanischen Tochter T-Mobile US. Die Papiere von T-Mobile US verlieren mehr als drei Prozent. Der Markt reagiert skeptisch auf die Fusionspläne.

Tesla hingegen überzeugte mit starken Quartalszahlen. Der US-Autohersteller hat im vergangenen Quartal dank wieder besserer Auslieferungen mehr Umsatz und Gewinn gemacht. Die Erlöse stiegen im Jahresvergleich um 16 Prozent auf 22,39 Milliarden Dollar.

Der Gewinn stieg um 17 Prozent auf 477 Millionen Dollar. Die Aktie reagierte im nachbörslichen Handel mit einem Plus von über drei Prozent.

Ein langsameres Wachstum im Softwaregeschäft und Sorgen vor der Konkurrenz durch Künstliche Intelligenz haben die Aktien von IBM auf Talfahrt geschickt. Die Papiere des US-Technologiekonzerns gaben am Mittwoch nachbörslich um sechs Prozent nach.

Der Umsatz stieg im ersten Quartal zwar um neun Prozent auf 15,92 Milliarden Dollar und übertraf damit die Analystenschätzungen um rund 300 Millionen Dollar. Im Vorquartal hatte das Plus jedoch noch bei 12,2 Prozent gelegen.

Die Frage bleibt – wie lange hält die Euphorie?

Die Börsen feiern, die Verbraucher sorgen sich, und der Krieg schwelt weiter. Diese Gemengelage ist instabil. Sollte es zu einer Eskalation kommen oder die Inflation weiter steigen, könnte die aktuelle Euphorie schnell kippen.

Bis dahin gilt: Die Wall Street lebt in ihrer eigenen Realität – eine Realität, in der Kriege ausgeblendet und Risiken ignoriert werden.