Zwei Nummernschilder am Dortmunder Hauptbahnhof sind die einzige heiße Spur in einem Kriminalfall, der das Vertrauen in das deutsche Bankensystem in seinen Grundfesten erschüttert.
Der Einbruch in die Sparkasse Gelsenkirchen ist kein gewöhnliches Delikt, sondern eine Zäsur. Während 230 Ermittler noch im Nebel stochern, formiert sich auf juristischer Ebene eine Front, die für das Geldinstitut weitaus gefährlicher werden könnte als die Täter selbst.
Eine historische Klagewelle rollt unaufhaltsam auf das Geldinstitut zu
Die Dimensionen sprengen jede bisher bekannte Norm. Rechtsanwalt Daniel Kuhlmann aus Datteln spricht offen aus, was viele befürchten: Der Bank droht ein juristisches Armageddon.

Bereits 150 Vollmachten liegen auf seinem Schreibtisch, weitere 150 Interessenten stehen Schlange. Die Prognose ist düster und präzise zugleich: Bis zu 1.000 Kläger könnten sich am Ende gegen die Sparkasse verbünden.
Es ist ein strategischer Krieg. Kuhlmann will bereits kommende Woche die ersten Klagen beim Landgericht Essen einreichen. Der Zeitpunkt ist kein Zufall, sondern taktisches Kalkül.
Er will verhindern, dass unerfahrene Kollegen mit schlecht vorbereiteten Klagen vorpreschen und negative Präzedenzfälle schaffen. Denn das erste Urteil wird die Richtung für alle weiteren Verfahren diktieren.
Die Sicherheitsvorkehrungen der Filiale weisen angeblich gravierende Lücken auf
Hier liegt der Sprengstoff für die Sparkasse. Die Vorwürfe der Anwälte wiegen schwerer als der materielle Verlust. Es geht um den Vorwurf des grob schuldhaften Verhaltens.
Kuhlmanns Informationen zeichnen ein Bild der Fahrlässigkeit: Kein Einbruchsbewegungsmelder, kein Erschütterungssensor im Tresorraum. Schlimmer noch: Auf einen Feueralarm aus dem sensibelsten Bereich der Bank soll nicht reagiert worden sein.
Das Szenario ist grotesk. Die Täter hätten sich womöglich bis zu 48 Stunden völlig ungestört in der Bank aufhalten können. Sollte sich dies bewahrheiten, wäre das kein Sicherheitsleck mehr, sondern ein Offenbarungseid.
Den betroffenen Kunden droht aufgrund der Haftungsgrenzen der finanzielle Ruin
Das bittere Erwachen folgt beim Blick in die Verträge. Standardmäßig sind die Schließfächer lediglich mit 10.300 Euro versichert. Angesichts eines Gesamtschadens, der womöglich die 100-Millionen-Euro-Marke durchbricht, ist das ein Tropfen auf den heißen Stein.

Jürgen Hennemann, Fachanwalt für Versicherungsrecht, wird deutlich: Die Sparkasse habe ihre Sorgfalts- und Obhutspflichten in hohem Maße verletzt. Dass sich das Institut nun selbst als Opfer inszeniert, bezeichnet er als grotesk.
Viele Opfer, insbesondere jene mit Migrationshintergrund, nutzten die Schließfächer zur Lagerung von familiärem Gold und Bargeld – oft die gesamten Ersparnisse eines Lebens. Wer mehr als den Standardbetrag erstattet haben will, muss der Bank grobe Fahrlässigkeit nachweisen.
Übereilte rechtliche Schritte bergen ein unkalkulierbares Kostenrisiko
Trotz der Wut mahnen Experten zur strategischen Geduld. Hennemann warnt davor, blindlings Klage einzureichen, solange die Ermittlungsergebnisse nur fragmentarisch vorliegen.
Ein Schnellschuss wäre kontraproduktiv und teuer. Auch Rechtsschutzversicherer werden ohne belastbare Faktenlage kaum Deckungszusagen erteilen.
Der Weg führt zunächst zwingend über außergerichtliche Forderungen. Erst wenn die Beweislage zur Sicherheitstechnik wasserdicht ist, hat der Gang vor Gericht Aussicht auf Erfolg.
Die Führungsetage bestreitet jegliches Fehlverhalten kategorisch
Sparkassenchef Michael Klotz zieht sich auf die Position zurück, die Anlage habe dem „anerkannten Stand der Technik“ entsprochen. Eine Aussage, die in den kommenden Monaten von Gutachtern zerpflückt werden wird.
NRW-Innenminister Herbert Reul schaltet sich ebenfalls ein. Die Frage, ob die Alarmanlage defekt war, ausgeschaltet wurde oder von den Tätern manipuliert werden konnte, ist nun Chefsache.
Dieser Fall wird die Rechtsprechung zur Bankenhaftung in Deutschland neu definieren – mit existenzbedrohenden Konsequenzen für eine der beiden Seiten.



