24. Juni, 2024

Märkte

Stürmische Zeiten auf dem britischen Finanzmarkt: Hargreaves Lansdown lehnt milliardenschweres Übernahmeangebot ab

Stürmische Zeiten auf dem britischen Finanzmarkt: Hargreaves Lansdown lehnt milliardenschweres Übernahmeangebot ab

Die britische Vermögensverwaltungsbranche steht vor einem Karussell aus Übernahmeangeboten, nachdem Hargreaves Lansdown, der führende Anbieter von DIY-Investmentplattformen im Vereinigten Königreich, ein Kaufgebot über umgerechnet fünf Milliarden Pfund von einem von CVC Capital Partners geführten Private-Equity-Konsortium abgelehnt hat. Das Angebot, welches 985 Pence je Aktie vorsah, wurde von Hargreaves Lansdown als deutliche Unterbewertung des Unternehmenswertes zurückgewiesen. Branchenbeobachter deuten diese jüngsten Bewegungen als Zeichen für eine bevorstehende Übernahmewelle, angetrieben von der Tatsache, dass britische Aktien im Vergleich zu internationalen Papieren derzeit unterbewertet sind – eine verlockende Sichtweise für Investoren mit Interesse an günstigen Käufen. Die UK-Aktienmärkte waren in den vergangenen Wochen bereits Schauplatz vielfältiger Übernahmeverhandlungen, darunter BHPs Übernahmeversuche bei Anglo American und Daniel Křetínskýs Interesse an International Distribution Services, dem Eigentümer von Royal Mail. Auch das Cybersecurity-Unternehmen Darktrace mit Sitz in Cambridge soll von der US-amerikanischen Private-Equity-Gesellschaft Thoma Bravo übernommen werden. Nach Einschätzung von Michael Summersgill, Geschäftsführer von AJ Bell, einer weiteren großen britischen Investmentplattform, deuten die Übernahmeofferten darauf hin, dass der britische Finanzmarkt trotz seiner aktuellen Schwierigkeiten großes Wachstumspotential bietet. Rae Maile, Analyst bei Panmure Gordon, sieht in dem Gebot für Hargreaves Lansdown einen Beleg für den Trend, dass niedrige Bewertungen im UK-Markt von langfristig denkenden Investoren ausgenutzt werden. Er sagt voraus, dass weitere Vermögensverwalter, darunter Quilter, Brooks Macdonald und St James's Place, als Übernahmeziele in Betracht gezogen werden könnten, da auch diese momentan unter ihrem eigentlichen Wert gehandelt werden. In den letzten Jahren hat es bereits mehrere große Übernahmen in der britischen Vermögensverwaltungsbranche gegeben, unter anderem die Akquisition von Brewin Dolphin durch die Royal Bank of Canada und die Übernahme von Charles Stanley durch die US-Investmentbank Raymond James. Zusätzlich haben Private-Equity-Unternehmen den Markt erobert, wie etwa Pollen Street mit dem Kauf von Mattioli Woods zu Beginn des Jahres. Große amerikanische Private-Equity-Gruppen, einschließlich Carlyle, Oaktree und Warburg Pincus, haben ebenfalls Transaktionen in der Branche abgeschlossen. Die Strategie der Private-Equity-Firmen sieht häufig vor, solide Plattformen für weitere Akquisitionen kleinerer Vermögensverwalter zu nutzen, um die fragmentierte Branche zu konsolidieren. Dadurch entsteht ein größerer Unternehmensverbund, der schlussendlich mit Gewinn verkauft werden kann. Obwohl britische Aktien momentan unter Kapitalabflüssen leiden, profitieren Investitionsplattformen von Anlegern, die internationale Aktien bevorzugen. AJ Bell meldete beispielsweise einen Nettozufluss von 2,9 Milliarden Pfund im Halbjahr bis Ende März, ein Anstieg um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr, und erhöhte damit das verwaltete Vermögen auf einen Rekordwert von 80,3 Milliarden Pfund. Experten sehen darüber hinaus Chancen für die Branche durch den demografischen Wandel und das wachsende Bedürfnis der Menschen nach privater Altersvorsorge, bedingt durch den Rückgang von Betriebsrenten. Das gestiegene Interesse an solchen Dienstleistungen könnte jedoch auch zu einer erhöhten Frequenz von Angeboten und Gegengeboten führen, wenn es darum geht, über den Wert der Unternehmen zu verhandeln. Investec-Analysten zeigten sich über die Ablehnung des Angebots für Hargreaves Lansdown, das sie als zu gering ansehen, nicht überrascht. Sie betonen, dass der Vorstand die Bedeutung und langfristige Position der Marke in der Tat höher einschätzt. Hargreaves Lansdown, das etwa 40 Prozent der Vermögenswerte des 'Direct-to-Consumer'-Investmentmarktes kontrolliert, wurde vor ungefähr 40 Jahren von Peter Hargreaves und Stephen Lansdown gegründet. Trotz seiner marktbeherrschenden Stellung sieht sich das Unternehmen zunehmender Konkurrenz durch Rivalen wie AJ Bell und Interactive Investor gegenüber, die durch niedrigere Gebühren Marktanteile gewinnen.