Sonova, der Schweizer Branchenprimus, muss seine hochfliegenden Ambitionen für das laufende Geschäftsjahr massiv dämpfen. Was als dynamisches Wachstumsjahr geplant war, droht nun zu einer Zitterpartie am untersten Rand der Erwartungen zu werden. Der neue starke Mann an der Spitze, Eric Bernard, räumte in einem Interview mit der „Finanz und Wirtschaft“ unumwunden ein, dass der Gegenwind auf den Weltmärkten deutlich heftiger weht als kalkuliert. Es ist ein Offenbarungseid, der zeigt: Wenn die Weltwirtschaft hustet, bleibt selbst das Geschäft mit der Gesundheit nicht verschont.

Die bittere Realität der Zahlen zwingt den neuen Chef zum taktischen Rückzug
Die Messlatte lag eigentlich bei einem Umsatzplus von fünf bis neun Prozent. Doch die Realität des ersten Halbjahres hat diesen Optimismus pulverisiert. Mit einem mageren Zuwachs von lediglich 4,9 Prozent in Lokalwährungen ist der Spielraum für Fehler auf Null geschrumpft.
„Es ist ziemlich klar, dass wir am unteren Ende der Bandbreite sein werden“, stellte Bernard trocken fest.
Es ist die Sprache eines Managers, der versucht, die Märkte auf eine Enttäuschung vorzubereiten, bevor die finalen Berichte den Kurs massiv unter Druck setzen.
Der Wachstums-Motor von Sonova stottert nicht wegen hausgemachter Probleme, sondern aufgrund einer globalen Lähmung der Konsumenten. In einer Zeit, in der die Inflation die Budgets der privaten Haushalte weltweit auffrisst, werden teure Investitionen in Hörsysteme immer häufiger auf die lange Bank geschoben. Das Hörgerät ist vom medizinischen Muss zum aufschiebbaren Luxusgut mutiert – eine gefährliche Entwicklung für ein Unternehmen, das auf hohe Margen und stetigen Absatz angewiesen ist.
Ein globaler Giftcocktail aus Inflation und Krisenangst lähmt die Kauflust
Bernard macht keinen Hehl daraus, worin er die Ursache für das Siechtum sieht: Es ist die psychologische Belastung der Konsumenten. Die Flut an negativen Nachrichten rund um den Globus habe eine Schockstarre ausgelöst. Wenn die Zukunft unsicher erscheint, halten die Menschen ihr Geld zusammen. Dieser Konsumverzicht trifft Sonova direkt ins Mark, da ein erheblicher Teil des Geschäfts auf private Zuzahlungen der Kunden angewiesen ist.

Die Normalisierung, auf die viele Anleger gehofft hatten, lässt weiter auf sich warten. Erst gegen Ende der zweiten Jahreshälfte 2026 oder gar Anfang 2027 rechnet der Sonova-Chef mit einer Rückkehr zu stabilen Verhältnissen. Bis dahin bleibt das Marktumfeld toxisch. Wer geglaubt hatte, das Gesundheitssegment sei immun gegen konjunkturelle Zyklen, wird hier eines Besseren belehrt. Der Patient „Weltmarkt“ braucht mehr als nur ein Hörgerät – er braucht Stabilität, die derzeit nirgendwo in Sicht ist.
Der dramatische Markteinbruch markiert das Ende der goldenen Wachstumsjahre
Besonders erschreckend ist der Blick auf die gesamte Branche. Früher wuchs der Markt für Hörgeräte verlässlich um vier bis sechs Prozent pro Jahr – ein Traumwert für jeden Investor. Doch diese Zeiten sind vorbei. Aktuell schleppt sich der Markt mit mickrigen ein bis drei Prozent voran. Sonova wächst zwar immer noch schneller als der Durchschnitt, doch in einer schrumpfenden Arena ist auch der Beste irgendwann am Ende seiner Kräfte.
Diese Halbierung des Marktwachstums ist ein strukturelles Alarmsignal. Es deutet darauf hin, dass nicht nur die aktuelle Krise bremst, sondern sich das Konsumverhalten nachhaltig verändert hat. Für Sonova bedeutet dies: Der Kampf um Marktanteile wird härter, teurer und schmutziger. Wenn der Kuchen nicht mehr größer wird, muss man ihn der Konkurrenz vom Teller stehlen. Eric Bernard steht vor der Herkulesaufgabe, Sonova durch diese Phase der Stagnation zu steuern, ohne die Innovationskraft zu opfern, die den Konzern einst an die Spitze brachte.
Die goldenen Jahre der Hörgeräte-Branche scheinen vorerst verstummt zu sein. Was bleibt, ist ein rauer Überlebenskampf in einem Umfeld, das keine Fehler verzeiht.


