27. April, 2026

Unternehmen

Kahlschlag an der Albe: Berenberg liquidiert das Erbe der Ära Born

nnerhalb weniger Jahre schrumpfte das verwaltete Vermögen von Berenberg um über 55 Prozent. Nun folgt der finale Befreiungsschlag: Mit der Abwicklung prominenter Fonds tilgt die Hamburger Privatbank die Spuren einer gescheiterten Wachstumsoffensive.

Kahlschlag an der Albe: Berenberg liquidiert das Erbe der Ära Born
Neuausrichtung bei Berenberg per 27. Mai 2026: Warum die Hamburger Privatbank jetzt alles auf europäische Nebenwerte setzt.

Das Ende eines Milliarden-Märchens in der Hamburger Überseestadt

Es war die Speerspitze einer neuen Zeit, ein Versprechen auf Rendite durch hanseatische Präzision: Der Berenberg European Focus Fund. Unter der Ägide des gefeierten Investmentchefs Matthias Born schwoll das Volumen auf stolze 1,7 Milliarden Euro an. Doch im April 2026 ist von diesem Glanz nichts mehr übrig. Das einstige Flaggschiff ist auf mickrige 155 Millionen Euro zusammengeschrumpft – ein Minus von über 90 Prozent. Am 27. Mai wird der Fonds nun endgültig beerdigt und in ein Schwesterprodukt zwangsfusioniert.

Hinter der unterkühlten Kommunikation der Bank als „strategische Neuausrichtung“ verbirgt sich ein finanzielles Debakel. Während der Markt für Nebenwerte in den letzten drei Jahren rotierte, lieferte der Focus Fund eine enttäuschende Performance von minus 1,1 Prozent pro Jahr. Anleger flüchteten in Scharen, die Kosten für das Management fraßen die Substanz auf. Berenberg zieht nun den Stecker, um zu retten, was von der Reputation als Asset Manager noch übrig ist. Es ist der Rückzug in die Nische, nachdem der Traum vom großen europäischen Fondshaus geplatzt ist.

Doch der Focus Fund ist nicht das einzige Opfer des großen Kehraus. Auch der International Micro Cap, einst als innovatives Nischenprodukt gestartet, verschwindet von der Bildfläche. Mit nur noch 36,6 Millionen Euro war das Vehikel nicht mehr skalierbar – ein klassischer „Orphan Fund“, der in der Bilanz der Privatbank nur noch als Kostenfalle auftauchte. Der Kahlschlag markiert das Ende einer Ära, in der Berenberg versuchte, mit den ganz Großen der Branche mitzuspielen.

Ein Exodus der Köpfe erschüttert das Fundament der Privatbank

Wer wissen will, wie tief die Krise bei Deutschlands ältester Privatbank sitzt, muss sich die personellen Trümmerfelder ansehen. Der Abgang von Matthias Born im September 2025 war nur der erste Dominostein. Es folgte ein beispielloser Exodus der Führungsebene: Chefstratege Bernd Meyer ging nach nur wenigen Wochen in einer neuen Rolle, ESG-Leiterin Rupini Deepa Sobottka kehrte dem Haus den Rücken, und schließlich musste auch Klaus Naeve, der Leiter des Wealth und Asset Managements, seinen Hut nehmen. Er flüchtet zum Konkurrenten Julius Bär.

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Die Bank reagierte auf den Vertrauensverlust mit brachialen Strukturreformen. Das Asset Management wurde kurzerhand mit der Unternehmensbank verschmolzen, eigenständige Bereiche wurden eingestampft. Doch die Ruhe kehrte nicht ein. Allein im Winter 2025/2026 rollte eine Kündigungswelle durch das Haus, die 50 Stellen vernichtete – die Hälfte davon im Herzstück des Unternehmens, dem Portfoliomanagement. Für ein Haus, das mit „hanseatischer Qualität“ und aktiver Betreuung wirbt, gleicht dies einer Amputation am offenen Herzen.

Die Zahlen hinter diesem Rückzug sind erschreckend: Von ehemals 7,2 Milliarden Euro an Publikumsfonds-Vermögen sind heute gerade noch 3 Milliarden Euro übrig. Mehr als 4 Milliarden Euro haben frustrierte Anleger seit Ende 2021 abgezogen. Der massive Wettbewerb durch billige ETFs und eine unglückliche Sektor-Rotation haben Berenberg in eine Abwärtsspirale getrieben, aus der sich die Bank nun durch Verkleinerung befreien will.

Alles auf Nebenwerte: Die riskante Wette auf die Nische

Was bleibt nach dem großen Rückbau? Die neue Strategie von Berenberg ist so simpel wie riskant: Man fokussiert sich fast ausschließlich auf europäische Nebenwerte (Small- und Micro-Caps). Hier, wo der Markt weniger effizient ist und aktive Manager ihre Stärken theoretisch besser ausspielen können als Indexfonds, will die Bank neu angreifen. Die aufnehmenden Fonds, wie der European Small Cap und der European Micro Cap, sind tatsächlich die performanteren Geschwister im Sortiment.

Vor allem der European Micro Cap dient als letzter Hoffnungsträger. Mit einem Plus von über 5 Prozent pro Jahr seit Auflage liefert er die einzige Kennzahl, die Berater und institutionelle Investoren noch überzeugen könnte. Die Fusionen sollen die verbliebenen Fonds effizienter und konkurrenzfähiger machen, indem die laufenden Kosten auf ein größeres Volumen verteilt werden. Für die betroffenen Anleger ist der Schritt per 27. Mai immerhin steuerneutral, doch der regionale Fokus verschiebt sich teilweise drastisch.

Ob dieser Rückzug auf die Kernkompetenzen reicht, um das Vertrauen der Märkte zurückzugewinnen, ist ungewiss. Vertrauen kehrt in der Welt der Finanzen deutlich langsamer zurück als Kapital. Die Narben, die der Weggang der Galionsfiguren hinterlassen hat, sind tief. Berenberg braucht jetzt vor allem eines: Zeit und eine makellose Performance-Historie ohne weitere Skandale oder Massenkündigungen. In Hamburg hofft man, dass nach dem Abriss endlich das Fundament für einen stabilen, wenn auch deutlich kleineren Neuaufbau steht.

Der 27. Mai 2026 wird als der Tag in die Geschichte eingehen, an dem Berenberg offiziell eingestand, dass Größe allein kein Garant für Erfolg an der Elbe ist.

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