Ein Turnaround, der sich in Zahlen messen lässt
Salzgitter hat 2025 nicht gewonnen. Aber der Stahlkonzern hat aufgehört zu verlieren – zumindest im großen Stil. Unter dem Strich steht ein Fehlbetrag von 69,8 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor waren es noch 347,9 Millionen Euro. Die Reduktion um fast 80 Prozent ist das deutlichste Signal, dass die Talsohle durchschritten ist.
Der Unterschied zwischen den Jahren ist schnell erklärt. 2024 war das Ergebnis von hohen Wertberichtigungen, Rückstellungen und Umbaukosten geprägt. Diese Einmalbelastungen fallen 2025 weg. Das bereinigte operative Bild verbessert sich damit strukturell.
Vor Steuern lag das Minus 2025 bei 28 Millionen Euro. Für 2026 peilt Salzgitter einen Vorsteuergewinn von 75 bis 175 Millionen Euro an. Das wäre der erste Jahresgewinn nach einer langen Durststrecke – und der Vorstand hat ihn bereits im Februar angekündigt, als die vorläufigen Zahlen präsentiert wurden.
Der Umsatz soll wieder wachsen – trotz schwachem Markt
Der Außenumsatz sank 2025 von 10,01 auf 8,98 Milliarden Euro. Für 2026 plant Salzgitter eine Erholung auf rund 9,5 Milliarden Euro. Das ist kein Rekordversprechen – es ist die vorsichtige These, dass sich das Stahlumfeld stabilisiert und die eigene Marktposition hält.
Das Umfeld bleibt anspruchsvoll. Die europäische Stahlindustrie kämpft mit strukturellen Problemen: günstige Importe aus Asien, hohe Energiekosten, schwache Nachfrage aus der Automobilindustrie. Salzgitter ist davon nicht ausgenommen. Dass der Konzern in diesem Umfeld überhaupt eine Gewinnprognose für 2026 wagt, ist ein Zeichen von Stabilisierung.
Die stabile Dividende von 20 Cent je Aktie – identisch zum Vorjahr – unterstützt dieses Signal. Vorstand und Aufsichtsrat wollen der Hauptversammlung am 3. Juni einen entsprechenden Vorschlag unterbreiten. In einem Jahr mit operativem Verlust eine Dividende zu zahlen, ist eine Aussage über die Kapitalstärke und das Vertrauen ins laufende Geschäftsjahr.

Die HKM-Übernahme ist der eigentliche Gamechanger
Was die 2026er-Prognose noch nicht enthält, ist das ambitionierteste Vorhaben des Jahres: die geplante Übernahme der Hüttenwerke Krupp Mannesmann von Thyssenkrupp Steel zum 1. Juni 2026. Thyssenkrupp hält bisher 50 Prozent an HKM, Salzgitter 30 Prozent. Nach der Transaktion würde Salzgitter zur dominanten Kraft bei HKM.
HKM ist eines der größten integrierten Hüttenwerke Deutschlands, spezialisiert auf Rohstahlproduktion und Strangguss. Die Übernahme würde Salzgitters Produktionskapazität und vertikale Integration erheblich stärken – und das in einem Moment, in dem Thyssenkrupp Steel selbst unter massivem Restrukturierungsdruck steht.
Strategisch ist die Logik klar: Wer in einer schrumpfenden europäischen Stahlindustrie überleben will, braucht Skaleneffekte, günstigere Produktionskosten und eine breitere Rohstahlbasis. HKM liefert genau das.
Das Risiko liegt in der Umsetzung. Hüttenwerke dieser Größenordnung zu integrieren ist komplex, kapitalintensiv und dauert Jahre. Die Gewinnprognose für 2026 berücksichtigt die HKM-Kosten bewusst noch nicht – ein Zeichen für kaufmännische Vorsicht, aber auch für die Unsicherheit über den genauen Integrationsaufwand.
Zurück im MDAX – ein Symbol, das zählt
Salzgitter notiert wieder im MDAX der mittelgroßen Werte. Das ist keine operative Kennzahl, aber ein Signal. Die Rückkehr in den Index bedeutet institutionelle Sichtbarkeit, Pflichtaufnahme in Indexfonds und ein gestiegenes Interesse professioneller Investoren.
2025 war für die deutsche Stahlindustrie kein gutes Jahr. Salzgitter hat es genutzt, um Altlasten abzubauen, Verluste zu halbieren und sich für eine Übernahme zu positionieren, die das Unternehmen strukturell verändert. Die Zielzone für 2026 ist klar definiert. Die Frage ist, ob das Stahlumfeld mitmacht.
