In der Konzernzentrale von Beaverton weht ein neuer, rauer Wind. Elliott Hill, der erst kürzlich das Ruder beim strauchelnden Weltmarktführer übernommen hat, fegt die Überreste einer Strategie beiseite, die Nike fast die Identität gekostet hätte. Jahrelang versuchte der Konzern, eher auf Laufstegen als auf Aschebahnen stattzufinden – ein Fehler, der der Konkurrenz von Adidas bis Hoka Tür und Tor öffnete. Nun zeigen die neuesten Quartalszahlen: Der Riese bewegt sich wieder, doch der Boden unter seinen Füßen ist gefährlich brüchig.

Zwar konnte Nike die düsteren Prognosen der Analysten leicht übertreffen, doch die nackten Zahlen offenbaren das Ausmaß der Sanierungsaufgabe. Während der Umsatz bei 11,3 Milliarden Dollar stagnierte, kollabierte der Gewinn unter dem Strich förmlich. Ein Minus von 35 Prozent auf nur noch 520 Millionen Dollar ist ein herber Schlag für die erfolgsverwöhnten Aktionäre. Dennoch atmet die Börse auf, denn die befürchtete Kernschmelze im Heimatmarkt blieb aus.
Die Rückkehr zum Athleten beendet die Lifestyle-Irrfahrt
Der neue Kurs von Elliott Hill ist radikal und schmerzhaft zugleich. Weg von modischen Sneakern für die breite Masse, hin zu Hochleistungsprodukten für Profisportler. In den vergangenen Jahren hatte sich Nike zu sehr auf den direkten Online-Vertrieb und modische Spielereien verlassen, dabei aber die Basis in den Sportgeschäften und die Innovation im Running-Segment vernachlässigt. Hill hat nun eine „Sport-Offensive“ ausgerufen, die das Kerngeschäft wieder in den Fokus rückt.
„Wir konzentrieren uns wieder auf Innovationen, die von Athleten inspiriert sind“, lässt das Management durchblicken. Besonders im Bereich Running und Fußball konnte Nike im abgelaufenen Quartal Boden gutmachen. Ein Plus von 20 Prozent im Bereich Nike Running zeigt, dass die Marke ihre Glaubwürdigkeit bei den Kernnutzern zurückerobert. Es ist ein mühsamer Prozess, das Vertrauen der Einzelhändler wiederzugewinnen, die man zuvor mit der aggressiven Direct-to-Consumer-Strategie verprellt hatte.
Der US-Heimatmarkt wird zum rettenden Anker in der Krise
Während globale Turbulenzen und geopolitische Spannungen – insbesondere der eskalierende Iran-Konflikt – die Konsumstimmung weltweit drücken, erweist sich Nordamerika als erstaunlich robust. Mit einem Umsatzplus von drei Prozent auf über fünf Milliarden Dollar stemmt sich der US-Markt gegen den globalen Abwärtstrend. Es ist dieser Funke Hoffnung, der die Aktie im nachbörslichen Handel zeitweise stützte, bevor die Realität der globalen Prognosen wieder zuschlug.

In den USA scheint die Botschaft des Neuanfangs anzukommen. Die Lagerbestände, die Nike monatelang wie Blei in den Regalen lagen, wurden durch gezielte Rabattaktionen bereinigt. Zwar drückte dies die Margen massiv nach unten, schuf aber Platz für die neuen Kollektionen, die unter Hills Ägide entwickelt wurden. Der Preis für diese Reinigung ist hoch: Höhere Zölle und gestiegene Marketingkosten für die neue Sport-Positionierung fressen die Gewinne auf, doch für Hill ist dies ein notwendiges Opfer, um den langfristigen Verfall zu stoppen.
Das China-Desaster droht den gesamten Sanierungsplan zu kippen
Doch über all dem Optimismus schwebt ein dunkler Schatten, der aus dem Osten kommt. Greater China, einst der Wachstumsmotor des Konzerns, entwickelt sich zum Sorgenkind Nummer eins. Die Nachfrage im Reich der Mitte schwächelt massiv, verschärft durch eine aggressive lokale Konkurrenz und eine allgemeine Konsumzurückhaltung. Für das kommende Quartal zeichnet Nike ein düsteres Bild: Ein Umsatzrückgang von zwei bis vier Prozent wird erwartet, getrieben durch einen potenziellen Einbruch von 20 Prozent in China.
Diese Prognose wirkte wie eine kalte Dusche für die Anleger. Die Unsicherheit über die Dauer des Turnarounds ist greifbar. Hill spricht zwar davon, dass Nike sich in den „mittleren Inning“ seines Comebacks befinde, doch das Risiko bleibt, dass der Konzern zwischen den Fronten eines Handelskrieges und dem Vertrauensverlust der chinesischen Kunden zerrieben wird. Wenn der wichtigste Zukunftsmarkt wegbricht, nützt auch die schönste Rückbesinnung auf den Sport im heimischen Oregon wenig.
Letztlich ist der aktuelle Quartalsbericht ein Dokument des Übergangs. Nike hat den freien Fall gestoppt, aber die Flughöhe ist noch weit von alten Rekorden entfernt. Elliott Hill hat den Motor zwar wieder gestartet, doch ob der Treibstoff reicht, um durch das Gewitter der globalen Rezession und der China-Schwäche zu fliegen, bleibt die große Wette der Wall Street.
Die Pointe dieses Wirtschafts-Krimis ist so simpel wie bitter: Nike rennt wieder, aber das Ziel ist weiter entfernt als je zuvor.



