Deutschland steht vor einer finanziellen Zeitenwende: Die Babyboomer verlassen den Arbeitsmarkt, Lebensversicherungen werden fällig und Immobilienbesitzer suchen nach Simplizität. Es ist die Geburtsstunde eines neuen Milliarden-Marktes für "Ruhestandsfonds". Mittendrin: Eckhard Sauren, Gründer der Kölner Sauren Fondservice GmbH. Sein Ende 2024 gestarteter Fonds schüttet monatlich 0,3 Prozent des Vermögens aus (3,6 Prozent p.a.) und hat bereits 50 Millionen Euro eingesammelt.
Doch der Erfolg wird von scharfer Kritik begleitet. Die Stiftung Warentest brandmarkte das Produkt als „teuer und langfristig riskant“. Der Vorwurf: Die Kosten fressen die Rendite auf, bevor sie beim Anleger ankommt. Sauren hingegen sieht darin einen Denkfehler und warnt davor, dass die ETF-Industrie die Risiken der Rentner-Generation sträflich unterschätzt. Für ihn ist die monatliche Planbarkeit wichtiger als die reine Kostenquote.

Die 5-Prozent-Falle: Warum hohe Versprechen im Ruhestand brandgefährlich sind
Sauren wird im aktuellen Podcast-Interview deutlich: Wer Rentnern monatliche Ausschüttungen von 5 oder 6 Prozent verspricht, spielt mit dem Feuer. Er bezeichnet solche Angebote als „Desaster waiting to happen“. Die Mathematik dahinter ist unerbittlich: Ein Portfolio mit einer hohen Aktienquote kann im normalen Marktzyklus um 30 bis 40 Prozent einbrechen.
Schüttet ein Fonds auf dieser reduzierten Basis weiterhin 6 Prozent aus, ist der Kapitalerhalt kaum noch möglich.
„Dann gaukelst du den Anlegern eine Stabilität vor, die du in der Praxis nicht halten kannst“, so Sauren.
Für seinen eigenen Fonds hat er deshalb eine strikte Grenze gezogen: Monatliche Auszahlungen gibt es nur für konservative Strategien mit einer Aktienquote von maximal 25 bis 30 Prozent.
Kosten-Disput mit Stiftung Warentest: Aktives Management als Rettungsanker?
Der Hauptkritikpunkt der Stiftung Warentest ist die Kostenstruktur. Mit einer Gesamtkostenquote von 2,75 Prozent und einem Ausschüttungsziel von 3,6 Prozent muss der Fonds jährlich über 6 Prozent Rendite erwirtschaften, nur um die Substanz zu erhalten. Sauren kontert diesen Ansatz frontal. Er argumentiert, dass diese Logik nur für passive Strategien (ETFs) gelte.
Gute aktive Manager könnten nach Kosten eine bessere Performance liefern als billige, passive Produkte. Als Beweis führt er seine Millionen-Wette gegen die ETF-Industrie an. Der Sauren-Fonds ist als Dachfonds konzipiert, der in Aktien, Renten und Absolute-Return-Strategien investiert. Ziel ist es, die Volatilität so gering zu halten, dass die monatlichen 0,3 Prozent auch in Schwächephasen ausgezahlt werden können – notfalls kurzzeitig aus der Substanz.
Der MSCI-World-Moment: Ist die Ära der passiven Dominanz vorbei?
Sauren nutzt die Debatte auch für eine Grundsatzkritik am Marktumfeld. Der jahrelange Erfolg von ETFs auf den MSCI World sei kein Naturgesetz gewesen, sondern das Ergebnis massiver Kapitalzuflüsse in wenige US-Tech-Giganten. Mit einem US-Anteil von über 70 Prozent sei der Weltindex heute kaum noch sinnvoll diversifiziert.

Dieses Klumpenrisiko spiele aktiven Multi-Asset-Strategien in die Hände, die flexibler auf Währungsschwankungen und geopolitische Krisen reagieren können. Besonders kritisch sieht er neue Produkte wie den Invesco-ETF auf den Nasdaq 100 mit monatlicher Ausschüttung:
„Der Nasdaq ist super volatil. Das als Ruhestandslösung zu vermarkten, ist reines Marketing und schadet dem gesamten Segment.“
Fazit: Psychologie schlägt Kostenquote
Am Ende geht es beim Thema Ruhestandsfonds weniger um die dritte Nachkommastelle bei den Gebühren, sondern um Psychologie. Für jemanden, der sein Haus verkauft hat, ist die monatliche Überweisung eine lebensnotwendige Konstante. „Davon gönne ich mir einen Urlaub“, beschreibt Sauren den Effekt. Das Gespräch über diese Produkte führt bei vielen 60-Jährigen zudem zu einer späten Einsicht: Dass ihre Portfolios für die Phase des Kapitalverzehrs oft viel zu riskant aufgestellt sind.

