Auf den ersten Blick wirkt die operative Bilanz glänzend: Das Transportvolumen stieg dank eines robusten Welthandels um acht Prozent auf beachtliche 13,5 Millionen Standardcontainer (TEU). Doch der Blick in die Gewinn-und-Verlust-Rechnung gleicht einer Kaltdusche für Investoren. Der Betriebsgewinn (EBIT) krachte im Vergleich zum Vorjahr von 2,8 Milliarden Dollar auf nur noch 1,1 Milliarden Dollar zusammen – ein brutaler Einbruch um rund 61 Prozent.
Obwohl das Unternehmen damit das obere Ende der eigenen, bereits vorsichtigen Prognose erreicht hat, zeigt das Ergebnis die tiefe Verwundbarkeit der globalen Lieferketten. Der Umsatz konnte sich zwar stabil bei 21,1 Milliarden Dollar halten, doch unter der Wasseroberfläche kämpft Hapag-Lloyd mit einem gefährlichen Mix aus sinkenden Margen und geopolitischen Risiken.

Die Kap-Route als Geldverbrenner: Wenn Geopolitik die Bilanz torpediert
Ein Hauptschuldiger für das schrumpfende Ergebnis ist schnell ausgemacht: Die anhaltenden Krisen im Nahen Osten zwingen die Reedereien zu massiven und kostspieligen Umwegen. Statt der Passage durch den Suezkanal müssen die Schiffe die Südspitze Afrikas umrunden. Diese Route um das Kap der Guten Hoffnung verlängert die Fahrzeit um Wochen und treibt den Treibstoffverbrauch sowie die Personalkosten in astronomische Höhen.
Was für die Transportmenge nach Wachstum aussieht, entpuppt sich in der Kalkulation als logistischer Albtraum. „Die Kosten für die Umleitung haben das Jahresergebnis massiv belastet“, lässt das Management durchblicken. Diese unvorhersehbaren Ausgaben trafen auf einen Markt, der gleichzeitig mit einer Erosion der Einnahmen zu kämpfen hatte.
Frachtraten-Verfall: Das Ende der goldenen Logistik-Ära
Während die Kosten explodieren, bröckelt die wichtigste Einnahmequelle: Die durchschnittliche Frachtrate sank im Vergleich zum Vorjahr um acht Prozent auf nur noch 1.376 Dollar je TEU. Nach den Ausnahmejahren der Pandemie, in denen Reedereien Traumrenditen erzielten, hat die Realität den Markt nun endgültig eingeholt. Überkapazitäten in der Branche und ein harter Preiskampf setzen die Hamburger unter Druck.

Es ist ein klassisches Zangenszenario: Auf der einen Seite drücken geopolitische Krisen die Kostenbasis nach oben, auf der anderen Seite verhindert der globale Wettbewerb notwendige Preiserhöhungen. Für Hapag-Lloyd bedeutet das, dass trotz eines Umsatzwachstums von 20,7 auf 21,1 Milliarden Dollar am Ende deutlich weniger in der Kasse bleibt. Die Ära der „mühelosen“ Milliarden-Gewinne ist vorerst vorbei.
Lichtblick im Welthandel: Die Mengen-Story bleibt intakt
Trotz der Gewinnwarnung gibt es einen Faktor, der Mut macht. Mit 13,5 Millionen beförderten Containern beweist Hapag-Lloyd eine ungebrochene operative Stärke. Die Nachfrage nach Transportkapazitäten ist da, der Welthandel zeigt sich trotz aller geopolitischen Spannungen krisenresilient. Das Problem des Unternehmens ist aktuell kein Nachfrageproblem, sondern ein reines Effizienz- und Kostenproblem.
Anleger reagierten verhalten auf die vorläufigen Zahlen. Zwar wurde das Erreichen des oberen Endes der Prognose positiv vermerkt, doch die Sorge vor einer dauerhaft niedrigen Profitabilität schwingt mit. Der Konzern muss nun beweisen, dass er seine Kostenstrukturen an die neue Normalität der langen Seewege anpassen kann, ohne Marktanteile an die Konkurrenz zu verlieren.
Navigieren im Nebel
Hapag-Lloyd steht vor einem herausfordernden Turnus. Die endgültigen Zahlen werden zeigen, wie viel Spielraum für Dividenden und Investitionen in moderne, effizientere Schiffe bleibt. Klar ist: Die Schifffahrt bleibt das Fieberthermometer der Weltwirtschaft – und derzeit zeigt es für die Gewinne der Reedereien eine deutliche Unterkühlung an.
Der Hamburger Gigant muss sich warm anziehen, denn der Wind auf den Weltmeeren weht im Jahr 2026 deutlich schärfer.

