18. Juli, 2024

Wirtschaft

Meilenstein im Wirecard-Prozess: Chefbuchhalter E. bricht sein Schweigen

Meilenstein im Wirecard-Prozess: Chefbuchhalter E. bricht sein Schweigen

Im Wirecard-Prozess wird ein bedeutender Fortschritt erzielt: Der bislang schweigsame dritte Angeklagte E., ehemaliger Chefbuchhalter des 2020 kollabierten Dax-Konzerns, hat angekündigt, am 17. Juli erstmals zu den Anklagevorwürfen auszusagen. Diese Ankündigung machte der Vorsitzende Richter Markus Födisch am 134. Prozesstag bekannt.

Bislang hatte E. lediglich seine Personalien bestätigt und sonst jegliche Stellungnahme vermieden. Die IV. Strafkammer des Münchner Landgerichts unter der Leitung von Födisch hat ihm nun eine Haftstrafe zwischen sechs und acht Jahren in Aussicht gestellt, sollte er ein umfassendes Geständnis ablegen. Für seine geplante Aussage sind zwei Tage angesetzt.

Ob E. die Anklagevorwürfe einräumen oder zurückweisen wird, ist noch unklar. Seine Verteidigerin Sabine Stetter betonte jedoch, dass E. zur Aufklärung des Sachverhalts beitragen und seine Sicht der Dinge schildern wolle. Er sei bereit, Fragen des Gerichts und der übrigen Verfahrensbeteiligten zu beantworten.

Der Hauptanklagepunkt gegen E., den früheren Wirecard-Vorstandschef Markus Braun und den ehemaligen Dubai-Manager Oliver Bellenhaus lautet gewerbsmäßiger Bandenbetrug. Die drei sollen zusammen mit anderen Komplizen Milliardenumsätze erfunden haben, um das defizitäre Unternehmen über Wasser zu halten. Die Münchner Staatsanwaltschaft beziffert den Betrugsschaden auf über drei Milliarden Euro.

Im bisherigen Prozessverlauf steht Aussage gegen Aussage: Braun, der seit vier Jahren in Untersuchungshaft sitzt, weist sämtliche Vorwürfe zurück, während Bellenhaus die meisten Anklagepunkte eingeräumt hat und Braun schwer belastet. Braun wiederum beschuldigt Bellenhaus der Lüge und behauptet, die eigentlichen Täter seien der untergetauchte frühere Vertriebsvorstand Jan Marsalek und Bellenhaus selbst, die Milliardenerlöse in die eigenen Taschen abgezweigt hätten, ohne dass er davon wusste.

E.s bevorstehende Aussage hat somit große Bedeutung auch für das Schicksal von Braun. Sollte der Chefbuchhalter die Anklagevorwürfe einräumen, könnte das die Position des 54-jährigen Ex-Vorstandschefs erheblich verschlechtern. Sollte er hingegen wesentliche Teile der Anklage zurückweisen, könnte das Brauns Verteidigung stärken.

Der bisherige Prozessverlauf deutet jedoch darauf hin, dass die Kammer Brauns Argumentation skeptisch gegenübersteht: Er ist der einzige Angeklagte, der nach wie vor in Untersuchungshaft sitzt, während Bellenhaus seit Februar unter Auflagen frei ist. E. wurde schon Monate vor Prozessbeginn aus der Untersuchungshaft entlassen.

Richter Födisch hat mehrfach betont, dass er ein umfassendes Geständnis von E. erwartet. In den vergangenen Wochen fanden bereits zwei Rechtsgespräche über einen möglichen Deal statt, die zu dem Strafrahmen von sechs bis acht Jahren Haft führten. Verteidigerin Stetter schloss ein weiteres Rechtsgespräch nicht aus und bezeichnete es als „denkbar“.