Die Ernüchterung am Wiener Parkett hätte kaum heftiger ausfallen können. Am Freitag verwandelte sich die Euphorie vieler Investoren binnen Minuten in blanke Panik, als der Grazer Technologiekonzern Andritz seine vorläufigen Zahlen für das Geschäftsjahr 2025 präsentierte. Was als Routinebericht erwartet wurde, entpuppte sich als handfestes Kurs-Debakel. Zeitweise sackte die Aktie um mehr als zehn Prozent ab – ein Vernichtungsschlag für das Vertrauen der Aktionäre, die mit einer Fortsetzung des Wachstumskurses gerechnet hatten.
Der Kern des Schocks liegt in einer empfindlichen Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Während die Führungsetage im Oktober noch optimistisch Erlöse zwischen 8,0 und 8,3 Milliarden Euro in Aussicht gestellt hatte, steht nun ein Minus von fünf Prozent in den Büchern. Mit rund 7,9 Milliarden Euro wurde selbst das untere Ende der Prognose verfehlt. In der Welt des Hochleistung-Anlagenbaus, wo Präzision alles ist, wiegt ein solcher Fehlschuss doppelt schwer.

Die Währungsfalle schnappt bei den Auslandsumsätzen erbarmungslos zu
Der Vorstand identifizierte schnell den Hauptschuldigen für die Misere: die Stärke der europäischen Gemeinschaftswährung. Der Euro entpuppte sich im abgelaufenen Jahr als zweischneidiges Schwert, das bei der Umrechnung der globalen Erlöse tiefe Wunden hinterließ. Da Andritz einen Großteil seines Geschäfts außerhalb der Eurozone abwickelt, schmolzen die bilanzierten Umsätze in der Heimatwährung dahin, ohne dass das operative Geschäft direkt an Substanz verloren hätte.
Doch die Währungseffekte allein erklären den Absturz nicht vollständig. Es ist die Kombination aus makroökonomischem Gegenwind und hausgemachten zyklischen Problemen, die den Konzern in die Zange nimmt. Die Anleger reagierten allergisch darauf, dass die Prognosen erst vor wenigen Monaten bestätigt wurden, nur um jetzt so deutlich unterboten zu werden.

Massive Überkapazitäten zwingen die Zellstoffsparte in die Knie
Hinter der glatten Fassade der Konzernbilanz tobt ein harter Kampf in den einzelnen Geschäftsbereichen. Besonders die Zellstoff- und Papierindustrie sowie der Metallbereich bereiten Sorgen. Hier kämpft Andritz mit den klassischen Geistern eines zyklischen Abschwungs. Sinkende Nachfrage und ein Überangebot an Kapazitäten zwingen den Konzern zu schmerzhaften Anpassungen.
„Wir kämpfen mit zyklischen Herausforderungen in der Zellstoff- und Papierindustrie sowie im Metallbereich, wo Kapazitäten angepasst werden müssen“, lässt das Management durchblicken.
Diese Formulierungen sind in der Branche meist der Vorbote für Effizienzprogramme oder Umstrukturierungen. Dass die operative Umsatzrendite (Ebita-Marge) mit 8,9 Prozent auf vergleichbarer Basis dennoch stabil blieb, wirkt in diesem Umfeld fast wie ein kleines Wunder, konnte den freien Fall der Aktie aber nicht bremsen.
Der Wasserkraft Boom rettet die Ehre der Grazer Ingenieurskunst
Inmitten der roten Zahlen gibt es jedoch einen Lichtblick, der das Potenzial für eine spätere Erholung in sich trägt: Der Auftragseingang schoss deutlich auf 8,9 Milliarden Euro nach oben, nach 8,3 Milliarden im Vorjahr. Dieser Wert ist die Lebensversicherung für die kommenden Jahre und zeigt, dass die Produkte von Andritz auf dem Weltmarkt nach wie vor heiß begehrt sind.
Vor allem die Sparte Hydropower (Wasserkraft) glänzt als Fels in der Brandung. Während Papiermaschinen im Lager verstauben, treibt der globale Hunger nach erneuerbaren Energien das Geschäft mit Wasserturbinen und Kraftwerkstechnik massiv voran. Hier profitiert Andritz von seiner jahrzehntelangen Erfahrung und der Positionierung als Enabler der Energiewende.
Vorstandschef Joachim Schönbeck setzt auf eine schnelle Rückkehr zum Wachstum
Trotz des aktuellen Kurs-Massakers verbreitet die Konzernspitze Zweckoptimismus für die nähere Zukunft. „Wir freuen uns über das Wachstum des Auftragseingangs und unsere solide Rentabilität“, erklärte Vorstandschef Joachim Schönbeck trocken. Er blickt bereits auf das Jahr 2026 und verspricht den enttäuschten Aktionären eine Rückkehr zum Wachstum.
Die Zielmarke für 2026 liegt erneut in einer Bandbreite von 8,0 bis 8,3 Milliarden Euro beim Umsatz. Damit will Andritz genau dort anknüpfen, wo man eigentlich schon 2025 hätte stehen wollen. Bei der operativen Marge peilt der Konzern einen Wert zwischen 8,7 und 9,1 Prozent an. Es ist ein Balanceakt: Der Konzern muss beweisen, dass er die Kosten im Griff behält, während er gleichzeitig die vollen Auftragsbücher abarbeitet.
Ob die Anleger diesen Optimismus teilen, wird sich erst zeigen, wenn am 5. März die endgültigen, detaillierten Zahlen auf den Tisch kommen. Bis dahin bleibt die Andritz-Aktie ein Symbol für die Volatilität im europäischen Industriesektor – ein Gigant, der kurzzeitig stolperte, aber auf einem Berg von Aufträgen sitzt.



