19. Mai, 2024

Wirtschaft

Hongkong vor juristischer Zerreißprobe im Immobiliensektor

Hongkong vor juristischer Zerreißprobe im Immobiliensektor

Das rechtliche Tauziehen in Hongkong erreicht eine neue Dimension, nachdem das Vermögen des Immobilienentwicklers Evergrande gerichtlich liquidiert wurde. Richterin Linda Chan verkündete unmissverständlich 'enough is enough', ein Signal, das die Notwendigkeit eines rechtlichen Rahmens für Schuldenprobleme unterstreicht. Die größte Volkswirtschaft Asiens sieht sich mit einer Krise ihrer Immobilienentwickler konfrontiert, wobei seit 2021 mehr als 20 Unternehmen mit Wind-up-Petitionen konfrontiert wurden – ein Novum für den Standort, welcher nun fünf von diesen Erlassen von einem hongkonger Richter hat vollstrecken lassen.

Die strenge Handhabung ist für alle involvierten Parteien ein herber Schlag. Anwälte betiteln das Vorgehen als 'nukleare Option' und sehen nur Verlierer, da Gläubiger oft leer ausgehen und die Verfahren sich monatelang ziehen können. Dabei zeigen sich die strukturellen Defizite des hongkonger Rechtssystems besonders schmerzhaft, wenn man es mit globalen Finanzzentren wie London, New York oder Singapur vergleicht – allesamt Orte mit ausgefeilteren Optionen zur Schuldenrestrukturierung.

Ein Gesetzesentwurf, der Hongkongs rechtliche Lücken schließen soll, wird seit über 20 Jahren diskutiert, musste jedoch stets anderen legislativen Prioritäten weichen. Der bisher letzte Vorstoß fand 2020 während der anfänglichen Covid-19 Pandemie statt, blieb aber im Konsultationsprozess stecken.

Trotz der Absichten der Regierung, die Vorschläge weiter zu verfeinern, bleibt ein Zeitplan aus. Anwälte mahnen, dass ein derartiger Gesetzesentwurf dringend erforderlich sei, auch weil ausländische Gläubiger hongkonger Gerichte vermehrt nutzen, um chinesische Bauträger zu zügigeren Umstrukturierungen zu zwingen.

Chinesische Bauträger haben seit 2021 rund 115 Milliarden der 175 Milliarden Dollar an ausstehenden Offshore-Dollaranleihen nicht bedienen können. Zuletzt stand Shimao nach einer Wind-up-Petition durch eine chinesische Staatsbank im Fokus, während Country Garden nach einem Zahlungsausfall im Oktober mit mehr als 200 Millionen Dollar Schulden konfrontiert wurde.

Ein zentraler Aspekt des Gesetzentwurfs wäre der Schutz der Unternehmen vor übereilten Zwangsvollstreckungen durch Gläubiger während einer anstehenden Restrukturierung. Ohne derzeitigen gesetzlichen Schutz haben Gläubiger in Hongkong freie Bahn, Wind-up-Petitionen einzureichen – ein Verfahren, das laut Anwälten das Finden einer gemeinsamen Lösung erheblich erschwert und so den Restrukturierungsprozess gefährdet.

Auch die Frage, inwieweit ein solches Gesetz Vermögenswerte auf dem chinesischen Festland abdecken würde, ist ungeklärt. Trotz eines 'gegenseitigen Anerkennungsabkommens' zwischen Hongkong und Teilen Chinas herrscht Skepsis bezüglich der Umsetzung auf dem Festland. Eine effektive gesetzliche Schnittstelle wäre entscheidend, betonen Experten.

Rechtsexperten, wie die Partner Lance Jiang von Ashurst und Jonathan Leitch von Hogan Lovells, plädieren für eine baldige Annahme des Restrukturierungsgesetzes, das Hongkong auf Augenhöhe mit anderen internationalen Finanzzentren bringen und sowohl Unternehmen als auch Gläubigern mehr Spielraum für einvernehmliche Lösungen bieten würde.