Der Absturz ist keine Überraschung mehr – er ist ein Urteil
Vier Euro. So wenig kostet eine HelloFresh-Aktie an diesem Mittwoch zur Mittagszeit. Allein heute hat das Papier mehr als 16 Prozent verloren, seit Jahresbeginn ein Drittel seines Wertes. Wer sich erinnert: 2021 kostete die Aktie zum Allzeithoch 97,36 Euro. Damals stieg HelloFresh sogar in den DAX auf. Heute ist das Unternehmen nur noch im SDAX gelistet.
Das ist kein Kursrückgang. Das ist der strukturelle Kollaps eines Geschäftsmodells, das von einer Ausnahmesituation lebte und sich nie davon erholt hat, dass die Ausnahmesituation endete.
Der Auslöser des heutigen Einbruchs ist der Ausblick: HelloFresh rechnet auch 2026 mit einem Umsatzrückgang von drei bis sechs Prozent, bereinigt um Wechselkurseffekte. Das bereinigte EBITDA soll zwischen 375 und 425 Millionen Euro liegen – bestenfalls leicht über Vorjahresniveau. Branchenexperten hatten zumindest ein stabiles Ergebnis erwartet. Auch das wurde verfehlt.
Das Pandemie-Wunder ist endgültig vorbei
2021 war HelloFresh das Unternehmen der Stunde. Restaurants geschlossen, Menschen zuhause, Lust auf Kochen – die Kochbox traf einen Zeitgeist und einen Bedarf gleichzeitig. Die Abonnentenzahlen explodierten, der Umsatz auch, und die Börse feierte ein Unternehmen, das Lebensmittel per Paket verschickte, als wäre es das nächste Amazon.
Was folgte, war absehbar. Mit der Rückkehr zur Normalität nach der Pandemie verließen Kunden das System, das sie nur notgedrungen genutzt hatten. Die Nachfrage sank. Und sie sinkt weiter.
2025 fielen die Umsätze um 11,8 Prozent auf 6,76 Milliarden Euro – währungsbereinigt ein Rückgang von 9,0 Prozent. Besonders schmerzhaft: Der eigentliche Markenkern, die Kochbox, verlor währungsbereinigt 12,7 Prozent. Die kleinere Sparte mit Fertiggerichten gab nur 1,4 Prozent nach – aber sie ist zu klein, um die Lücke zu füllen.

Sparen statt wachsen – und trotzdem kein Ausweg
Das Management reagiert mit dem einzigen Instrument, das kurzfristig verfügbar ist: Kostensenkung. Bis Ende 2025 erzielte HelloFresh Einsparungen von 160 Millionen Euro. Für 2026 sind weitere 140 Millionen Euro geplant.
Diese Einsparungen sind der einzige Grund, warum das operative Ergebnis 2025 überhaupt leicht gestiegen ist. Ohne sie hätte HelloFresh einen deutlich größeren Verlust ausgewiesen. Unter dem Strich blieb 2025 ein Fehlbetrag von 92,6 Millionen Euro – nach 136,4 Millionen Euro Verlust im Vorjahr.
Fortschritt, ja. Aber kein Wachstum. Und ohne Wachstum ist jedes Sparprogramm nur eine Verlangsamung des Abstiegs.
Im Februar zog HelloFresh aus dem italienischen Markt ab, der spanische Rückzug ist geplant. Für beide Märkte bestehe „keine klare Perspektive", hieß es. Das ist die nüchternste Formulierung für das Eingeständnis, dass das Modell dort nicht funktioniert.
Das Grundproblem lässt sich nicht wegsparen
HelloFresh kämpft nicht nur gegen rückläufige Nachfrage. Es kämpft gegen die Logik des eigenen Produkts. Frische Lebensmittel per Post zu versenden ist komplex, teuer und fehleranfällig. Die Kühlkette muss stimmen, die Lieferzeiten auch, und das in zahlreichen Märkten gleichzeitig.

Hinzu kommt die wirtschaftliche Lage. Viele Kunden überdenken ihre Ausgaben – und die Kochbox gehört zu den Posten, die als Erstes gestrichen werden. Der Supermarkt um die Ecke verkauft dieselben Zutaten ohne Lieferpauschale, ohne Abonnementbindung und ohne Mindestbestellmenge.
Extreme Wetterbedingungen in Europa und den USA hatten bereits im Januar die Auslieferungen gestört und die Profitabilität belastet. Ein Unternehmen, dessen Geschäftsmodell so wetterabhängig ist, hat wenig Schutz gegen externe Schocks.
Delivery Hero und die Pandemie-Sieger kämpfen alle
HelloFresh ist kein Einzelfall. Es ist das prominenteste Beispiel einer ganzen Kategorie von Unternehmen, die von der Pandemie katapultiert wurden und seitdem fallen. Delivery Hero kämpft mit ähnlichen Problemen: sinkende Kundenzahlen, hohe Logistikkosten, eine Branche, die im Ausnahmezustand aufgebaut wurde und im Normalzustand nicht profitabel ist.
Die Parallelen sind strukturell. Beide Unternehmen haben in der Pandemie massiv skaliert, Infrastruktur aufgebaut, Märkte erschlossen – und stehen nun vor der Frage, wie viel davon in einer Normalwelt noch trägt.
Bei HelloFresh lautet die Antwort bislang: zu wenig.
Vier Euro – und kein Ende in Sicht
Das bereinigte EBITDA-Ziel für 2026 liegt im besten Fall bei 425 Millionen Euro. Das klingt nach einer substanziellen Zahl – bis man sie in Relation setzt zu einer Aktie, die auf Rekordtief notiert, zu einem Unternehmen, das drei Jahre in Folge schrumpft, und zu einem Geschäftsmodell, das seinen Wachstumstreiber verloren hat.
HelloFresh ist nicht pleite. Es ist profitabel, wenn man großzügig bereinigt. Es spart, es restrukturiert, es zieht sich aus Verlustmärkten zurück. Das sind die richtigen Schritte für ein Unternehmen, das überleben will.
Aber Überleben ist nicht das, wofür die Aktie 2021 mit 97 Euro bewertet wurde. Und der Markt hat heute klargemacht, was er von der Lücke zwischen damals und jetzt hält.



