Am Dienstagabend legte der kalifornische Herausforderer von Elon Musk seine Karten für das vierte Quartal 2025 auf den Tisch – und das Blatt sieht düster aus. Obwohl das Unternehmen deutlich mehr Autos verkauft als im Vorjahr, scheint jeder einzelne Wagen die finanzielle Basis des Konzerns weiter auszuhöhlen. Es ist das klassische Dilemma eines Newcomers: Die Skalierung frisst die Marge schneller auf, als der Umsatz wachsen kann.

Die Reaktion der Märkte ließ nicht lange auf sich warten. Im nachbörslichen NASDAQ-Handel rutschte das Papier zeitweise um fast vier Prozent ab. Investoren strafen damit die Unfähigkeit des Managements ab, die Kosten in den Griff zu bekommen. Während Branchenprimus Tesla trotz weltweitem Preisdruck profitabel bleibt, mutiert Lucid immer mehr zum Milliardengrab für seine Geldgeber, allen voran den saudischen Staatsfonds PIF.
Analysten-Schock: Der Verlust pro Aktie explodiert
Die nackten Zahlen des vierten Quartals sind ein Schlag in die Magengrube für jeden Optimisten. Lucid verbuchte einen Verlust von sage und schreibe 3,62 US-Dollar je Aktie. Das ist nicht nur eine Verschlechterung zum Vorjahr (2,24 US-Dollar), sondern liegt auch meilenweit unter den ohnehin schon pessimistischen Schätzungen der Analysten, die „nur“ mit einem Minus von 2,67 US-Dollar gerechnet hatten. Damit wird deutlich, dass die Effizienzsteigerungen, die CEO Peter Rawlinson versprochen hatte, bisher reine Lippenbekenntnisse geblieben sind.

Betrachtet man das gesamte Geschäftsjahr 2025, wird das Ausmaß des Desasters erst richtig greifbar. Ein Minus von 12,09 US-Dollar je Aktie steht unter dem Strich. Zwar ist das eine minimale Verbesserung gegenüber dem Horror-Jahr zuvor (-12,52 US-Dollar), doch Experten hatten mit einer deutlich stärkeren Erholung auf unter 10 Dollar Verlust gerechnet. Lucid verbrennt Kapital in einem Tempo, das selbst für die kapitalintensive Autobranche außergewöhnlich ist. Jeder Dollar Umsatz scheint derzeit mit einem Vielfachen an Verlust erkauft zu werden.
Umsatz-Rallye als schwacher Trost für die Bullen
Dabei gibt es durchaus eine positive Seite, die jedoch im roten Zahlenmeer untergeht: Die Nachfrage nach den Luxus-Stromern ist vorhanden. Im vierten Quartal kletterte der Umsatz auf 522,73 Millionen US-Dollar – mehr als eine Verdopplung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (234,5 Millionen US-Dollar). Auch die Prognosen der Wall Street von rund 460 Millionen Dollar wurden locker getoppt. Das zeigt: Die Autos sind technisch brillant und finden ihre Käufer im High-End-Segment.
Im gesamten Fiskaljahr 2025 spülte Lucid 1,354 Milliarden US-Dollar in die Kassen. Das ist ein beachtlicher Sprung von den 807,8 Millionen des Vorjahres. Doch für die Börse ist Umsatz ohne Aussicht auf Profitabilität derzeit ein wertloses Gut. In einem Marktumfeld, das von steigenden Zinsen und einer Abkühlung im Luxussegment geprägt ist, zählen nur noch operative Gewinne oder zumindest ein klarer Pfad dorthin. Lucid liefert stattdessen steigende Fehlbeträge bei steigender Produktion – ein toxischer Mix für jeden Aktionär.
Die Überlebensfrage: Wie lange reicht der Atem der Saudis?
Der bittere Beigeschmack dieser Bilanz ist die existenzielle Bedrohung, die über dem Unternehmen schwebt. Lucid produziert technologische Meisterwerke wie den „Air“, scheitert aber an der ökonomischen Realität der Massenfertigung. Die Konkurrenz durch Tesla, die nun auch mit massiven Preissenkungen in das Revier von Lucid eindringt, verschärft die Lage zusätzlich. Tesla-Chef Elon Musk hatte bereits mehrfach gewarnt, dass Start-ups ohne positive Bruttomarge den kommenden Winter der E-Auto-Industrie nicht überleben werden.
Die Pointe dieses Finanzberichts: Lucid ist derzeit weniger ein Automobilhersteller als vielmehr ein hochgelobtes Technologie-Experiment, das am Tropf des Public Investment Fund (PIF) aus Saudi-Arabien hängt. Solange die Scheichs bereit sind, die Milliardenverluste auszugleichen, wird die Produktion weiterlaufen. Doch die Geduld der Investoren an der NASDAQ ist am Ende. Wer heute in Lucid investiert, wettet nicht auf ein Unternehmen, sondern auf die unendliche Großzügigkeit eines Staatsfonds. Ohne eine radikale Kostensenkung droht dem Tesla-Rivalen das Schicksal vieler anderer EV-Pioniere: Technischer Ruhm bei gleichzeitigem finanziellem Bankrott.



